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Die Rivalität zwischen Köln und Leverkusen ist auch nicht mehr, was sie mal war. Sogar Calmund fällt zum FC nichts ein: Sandkasten, Kindergarten

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LEVERKUSEN, 8. September. Früher war einfach alles besser. Der Sommer zum Beispiel. Oder Filme mit Robert de Niro. Oder Kaugummi mit Fruchtgeschmack. Oder das rheinische Derby. Jedenfalls in der Erinnerung von Reiner Calmund: Vor gut einem Jahrzehnt, damals, als Christoph Daum noch Trainer beim 1. FC Köln auf der linken Rheinseite war, während Reiner Calmund schon als Fußballmanager von Bayer Leverkusen auf der rechten Rheinseite wirkte, da beleidigte man sich gegenseitig gern deftig, da war dann auch mal "ein halbes Jahr Funkstille", und beide sahen sich nicht mal an, wenn sie irgendwo nebeneinander auf einer Tribüne saßen. Alles in allem, keine Frage: "Ein absolut freundschaftliches Verhältnis." Zu großem Zoff gehört ein Gegner So sagt Calmund es heute; und er tut es voller schwärmerischer, verklärender Wehmut. Denn all das Theater war schließlich nur lebensfroher Ausdruck "großer sportlicher Rivalität". Und heute? "Sandkasten, Kindergarten." Da ist Calmund ehrlich enttäuscht, denn so einen krachigen Zoff in Ehren, kann kein richtiger Kerl verwehren. Aber zu einem richtigen Zoff gehört nun mal ein Gegner, der erstens überhaupt mitmacht und zweitens wenigstens einigermaßen Paroli bieten kann. Längst jedoch hat Christoph Daum gewechselt, und so richtig lustvoll kann sich der Calmund mit niemandem vom FC mehr fetzen. Ewald Lienen, der asketische Trainer, der bereits beim Anblick von Genussmitteln wie Kölsch und Zigarette persönlich beleidigt ist, ist zu ernsthaft und beherrscht für rheinische Spaßboxereien. Und Albert Caspers, der schmächtige Präsident, ist als ehemaliger Konzernmanager sowieso ohne den männerbündlerischen Stallgeruch der Fußballbranche, den der beleibte Calmund so sehr liebt. Nach seinem Verhältnis zu Leverkusen ist Caspers jüngst gefragt worden. "Ich habe keines", hat er gesagt. Das sollte pikiert klingen, denn beim 1. FC Köln sind sie beleidigt, seit Bayer ihnen jüngst den talentierten Mittelfeldspieler Pascal Ojigwe vor der Nase weggekauft hat. In Köln war Ojigwe ein Star, in Leverkusen sitzt er auf der Tribüne. So sind heute die Verhältnisse. Jahrein, jahraus war der 1. FC Köln in den 90er-Jahren damit beschäftigt, selbstgefällig in den Spiegel zu blicken und sich für den schönsten Club im Land zu halten. So, als sei Divengehabe ein Adelsprädikat und der Platz an der Sonne dem FC daher qua Geburtsrecht und jenseits irgendwelcher Leistungen eigen. Als der FC in der zweitklassigen Wirklichkeit endlich erwachte, hatte nebenan Bayer Leverkusen eine moderne Vereinsstruktur entwickelt, sein Stadion zur optimalen Vermarktung ausgebaut und sich sportlich in der absoluten Bundesliga- und erweiterten europäischen Spitze etabliert. Ganz locker hatte der einst piefige Werksclub die Diva vom Rhein rechts überholt. So weit ist es gekommen. Beim 1. FC würde man diese schmähliche Entwicklung gern ignorieren. Weil das aber nicht mehr geht und weil an der vielfachen Überlegenheit der Leverkusener selbst aus FC-Sicht kein Zweifel bestehen kann, hält man sich im Geißbockheim vor dem Derby bedeckt. "Wir wollen uns am Sonnabend ausschließlich auf den Fußball konzentrieren", sagt Manager Hannes Linßen artig. Wortgefechten über den Rhein hinweg geht er lieber aus dem Weg: "Wir wollen uns nicht die Ohren abgrätschen." Schade, schade, mag da Reiner Calmund denken. Aber ihm fällt ja selbst nichts ein, was er gen andere Rheinseite schießen könnte, um die Stimmung vorm Derby wenigstens etwas anzuheizen. Da können ihn die Männer von der Boulevardpresse noch so sehr beknien: "Hau doch mal einen raus, Calli!" Richtig giftig wird es nicht, was sich der Calli dann abringt. Aber gut, einen kleinen Pfeil hat er doch parat. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück, verschränkt die Arme über dem Bauch und sagt: "Es kribbelt mehr als gegen Duisburg - nichts gegen Duisburg." Dann freut er sich ein bisschen über diese Gemeinheit. Denn eine kleine Beleidigung des FC ist besser als gar keine. Aber so wie früher, nein, so ist es nicht mehr. ACTION PRESS Seit 1996 rechtsrheinische Jecken: Daum, früher mal Köln, und Calmund.

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