03.01.1995

Die Rummelsburger Bucht ist hochgradig mit Schadstoffen belastet: Kaschierte Giftmülldeponie

Von Ute SturmhoebelUlrich Paul

Ein schönes Stadtviertel mit rund 5 400 neuen Wohnungen und 12 500 Arbeitsplätzen ist an der Rummelsburger Bucht geplant. Doch der See ist eines der schmutzigsten Gewässer Berlins. Schwermetalle und Gifte stecken in Massen im Sediment. Weil die Bucht als Bundeswasserstraße gilt, ist der Bund für sie zuständig. Der aber denkt nach Angaben der Senatsumweltverwaltung nicht an eine Sanierung. Die Schadstoffe im Seeschlamm überschreiten die gesetzlich erlaubten Grenzwerte um ein Vielfaches. Das erfuhr jetzt der SPD-Abgeordnete Holger Rogall von Umweltsenator Volker Hassemer (CDU) in der Antwort auf eine Kleine Anfrage. An 25 Meßpunkten liegen die Werte allein für das Schwermetall Cadmium in 20 Fällen über dem zulässigen Grenzwert von zwei Milligramm pro Kilogramm Trockenmasse. Die höchste festgestellte Konzentration beträgt 159 Milligramm - mehr als das 77fache des Grenzwerts. Bei anderen Schwermetallen wie Blei, Chrom, Nickel, Kupfer, Kobalt und Quecksilber sieht es kaum besser aus. Neben Schutt und Schrott steckt in der Rummelsburger Bucht nahezu alles, was heutzutage in einer chemischen Giftküche zu finden ist: Cyanide, Polychlorierte Biphenyle (PCB), Phenole, Pestizide, Benzol, Toluol, Xylol. Keine guten Voraussetzungen für das geplante attraktive Stadtquartier, sollte die Rummelsburger Bucht nicht vollständig saniert werden. Verursacher der Verunreinigungen sind nach Ansicht des Senats die zahlreichen Industriebetriebe, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hier ansiedelten. Erst ab einer Tiefe von 1,50 Metern sind die Schadstoffe kaum oder nicht mehr feststellbar. Eine Gefährdung des Grundwassers ist aber nach Angaben von Umweltsenator Volker Hassemer (CDU) nicht nachzuweisen. Die Giftstoffe lägen "stabil in den oberen" Schlammschichten, so der Senator. Allerdings sei nicht auszuschließen, daß die Schadstoffe teilweise wieder freigesetzt werden - etwa wenn ein Schiff vorüberfährt. Von einer akuten Gefährdung müsse dennoch nicht ausgegangen werden, meint der Senator. Um den Durchfluß des Wassers durch die Rummelsburger Bucht zu verbessern, erwogen die Experten schon einmal einen Stichkanal durch die Stralauer Halbinsel zur Spree. Wegen der hohen Kosten und einer möglichen Verlagerung der Schadstoffe wurde diese Idee jedoch wieder verworfen. Erste Schritte getan Damit die Rummelsburger Bucht wieder sauber wird, soll zum einen der Schadstoffeintrag weiter verringert werden, zum anderen müßte der See entschlammt werden. Die ersten Schritte wurden von Berliner Seite bereits getan: Die Restschadstoffe aus der Kläranlage Falkenberg werden jetzt über die Wuhle in die Spree geleitet und plätschern nicht mehr in die Rummelsburger Bucht. Außerdem sollen zwei Becken errichtet werden, in denen das Regenwasser gereinigt wird. Mit einem Baubeginn für die zwei Becken ist jedoch nicht vor 1996/97 zu rechnen, sagt Dietrich Jahn, technischer Referent der Senatsumweltverwaltung. Nach Angaben Jahns lehnt der Bund es ab, den giftigen Schlamm des Sees auszubaggern. Begründung: Die Wassertiefe sei ausreichend. Eine Entschlammung würde mit rund 150 Millionen Mark zu Buche schlagen. Wenn der Bund die Reinigung weiter ablehnt, dann will Berlin möglicherweise schon bald in dieser Sache vor Gericht ziehen. Bei der Entschlammung des Teltowkanals hat Berlin den Bund bereits mit der Begründung auf "unterlassene Unterhaltungspflicht" verklagt. Ein Urteil steht noch aus. "Wenn wir gewinnen, wird es der Bund nicht darauf ankommen lassen, noch mal gegen uns zu klagen", glaubt der Sprecher der Senatsumweltbehörde, Klaus Kundt. Der SPD-Abgeordnete Rogall wirft indes den Berliner Behörden "Schwerfälligkeit im Druck auf den Bund vor". In die gleiche Kerbe haut auch Hartwig Berger, umweltpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Grüne. "Der Bund muß zahlen." Aber der Senator solle die Hände nicht in den Schoß legen. "Die Bucht ist eine durch Wasseroberfläche kaschierte Giftmülldeponie." Die Sanierung sei jedoch für die Wohnansiedlung nicht zwingend, so Berger. Schwierige Zukunft Umweltexperte Berger sieht jedoch ein anderes Problem. Dann nämlich, wenn möglicherweise der Plänterwald im Nachbarbezirk Treptow als Trinkwasserfördergebiet für Berlin genutzt werden sollte. Weniger sorgenvoll ist der Biologe Hans-Peter Ritter vom Berliner Fischereiamt. Bei entnommenen Fischen seien die Grenzwerte für Schadstoffe nicht überschritten worden, sagt er. Sie seien vermarktbar, aber der Handel mit Barschen und Aalen lohne sich nicht. Im Rummelsburger See werde nicht mehr gewerblich gefischt. Denn die Zugnetze der Fischer würden am Schrott, der am Boden des Sees liegt, hängenbleiben. Was in den Tiefen der Bucht schlummert, beunruhigt offenbar auch die angrenzenden Bezirke. "Was liegt auf dem Boden des Sees?" fragt Mariano Kowallik, Leiter des Stadtplanungsamtes Lichtenberg. "Eine Zeitbombe ruhen zu lassen, halt ich nicht für gut." Aber wir müssen erst mal genau wissen, um welche Altlasten es sich handelt." Die Planungshoheit des Bezirkes ende jedoch an der Uferkante. Reinhard Meyer vom Stadtplanungsamt Friedrichshain fügt hinzu: "Für den Bebauungsplan spielt der See keine Rolle." Aber möglicherweise für die Preise der geplanten Wohnungen. "Denn wenn die Bucht saniert wird, dann steigen die Mieten ins Abenteuerliche", spekuliert Umweltexperte Berger. "Dann wären das Millionärswohnungen." +++

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