Donnerstag ist Veggietag -wie schwierig es ist, die Deutschen für fleischloses Essen zu begeistern: Grüne Welle

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Mittagszeit in der "Kiezküche Waldenser" in Moabit: Zwei Drittel der Restaurantplätze sind besetzt, Kellner mit schwarzen Schürzen beeilen sich, Sellerieschnitzel, Weißbiersuppe und Kartoffelgulasch an die weiß gedeckten Tische zu tragen. An diesem Donnerstag stehen vegetarische Gerichte auf der Speisekarte des Ausbildungsbetriebes. Den Gästen scheint es zu schmecken. Ein Plakat an der Wand zeigt einen verzweifelt dreinschauenden Eisbären auf einer viel zu kleinen Scholle. Darüber eine Sprechblase: "Puuh, zum Glück ist Veggietag". Jeden Donnerstag auf Fleisch verzichten -das ist die Idee des "Veggiedays", den der Vegetarierbund Deutschland angestoßen hat. Ein Kilogramm Rindersteak verursacht 13000 Gramm Treibhausgase -ein Kilo Gemüse nur 150 Gramm, rechnen die überzeugten Fleischverzichter vor. Jeder Deutsche esse in seinem Leben 1094 Tiere. Fische und andere Meerestiere noch nicht eingerechnet. Eine Menge, die unser Klima auf Dauer nicht verkraftet. Seit Anfang des Jahres hat der Verein die Bürgermeister der hundert größten Städte in Deutschland angeschrieben und für die Einführung des "Veggiedays" geworben. Die Bilanz: Lediglich acht Städte nehmen bisher offiziell teil. Berlin hatte sich im August entschlossen, den vegetarischen Wochentag probeweise in den Ausbildungsbetrieben "Kiezküche" einzuführen. Ernüchternde Bilanz: Von acht Kiezküchen machen lediglich zwei weiter. "Alle anderen haben nun donnerstags schlicht mehr Gemüse- als Fleischgerichte auf der Karte", sagt der Referent Olliver Karth. Eine Kundenbefragung begleitete den Testlauf. Viele Gäste fanden die Idee grundsätzlich gut, fühlten sich allerdings gegängelt, weil sie nicht mehr zwischen Fleisch oder Gemüse wählen durften. "Auf die Frage, ob der Tag fortgeführt werden sollte, wurde an sechs Standorten mehrheitlich mit öNein' geantwortet." In einigen Kantinen seien durch den Test Stammkunden verprellt worden. Sogar in der Kiezküche "Orania" in Kreuzberg, in der auch die Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Umwelt speisen, resümierten zwei von drei Besuchern: "Ein vegetarischer Tag ist nichts für mich!" Und das, obwohl deren Chefin, Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher, die Schirmherrschaft für den "Veggieday" übernommen hatte. Außerdem wollte die Senatorin eigentlich noch weitere Teilnehmer für das Projekt gewinnen. "Es gab aber nicht so viele Rückmeldungen, wie wir erhofft hatten", sagt ihre Sprecherin Regina Kneiding. Wie viele Kantinen sich derzeit konkret beteiligen, und ob auch große Unternehmen mitmachen, möchte sie nicht sagen. Stattdessen verweist sie auf einen "Runden Tisch" mit Berliner Gastronomen, in dem die Gesundheitssenatorin das Thema weiter vorantreiben wolle. Wie oft sich dieser trifft -auch hierzu keine Auskunft. Beim Hotel- und Gaststättenverband Berlin (Dehoga) befürchten die meisten Mitglieder, dass der "Veggieday" nicht nur dem Fleisch, sondern auch gleich dem Umsatz den Garaus macht. "Eine ganz fleischfreie Karte an einem Tag ist für einen normalen Betrieb wirtschaftlich nicht möglich", meint Vize-Präsident Klaus-Dieter Richter. Gastronomen sorgten sich, dass ihre Gäste dann ins nächste Steak-House abwandern. Die Idee findet Richter gut, da der "Veggieday" nicht nur fleischfreie Kost propagiere, sondern auch für regionale und saisonale Zutaten werbe. Zudem würden Köche längst nicht mehr ausschließlich Tofu kredenzen, "da gibt es sehr viele kreative Gerichte", sagt Richter. Die Bedenken in der Hauptstadt verwundern, denn in Bremen läuft der "Veggieday" mit mehr als 25 beteiligten Institutionen und Unternehmen überaus erfolgreich. Auch Metropolen wie São Paulo oder Kapstadt machen vor, wie es klappen könnte. Starke PR-Partner und Prominente, wie Paul McCartney in Großbritannien, geben der Kampagne ein Gesicht. Dergleichen ist für Berlin derzeit nicht geplant. Zumindest in Spandau will Klaus-Dieter Richter in seinem Restaurant "Kolk" den fleischfreien Tag ab Januar einführen und den "Veggieday" für Berlin weiter vorantreiben. Um Umsatzrückgänge zu vermeiden, müsse man die Gäste aber für die Aktion begeistern, statt sie zu bevormunden. Er ist überzeugt: Wenn das gelänge, würden sicherlich mehr Betriebe mitmachen. ------------------------------ Fleischlos glücklich Rund 18 Prozent der treibhauswirksamen Gase verursacht der Fleischkonsum im Jahr -und damit mehr als der weltweite Verkehrssektor zusammengerechnet, wie eine Studie der Vereinten Nationen ergeben hat. Würde jeder Deutsche nur einmal pro Woche auf Fleisch verzichten, könnten so jährlich Klimagase von 6 Millionen Autos eingespart werden. 1,2 Kilogramm Fleisch konsumiert jeder Bundesbürger pro Woche. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt maximal die Hälfte. Übermäßiger Fleischkonsum kann nachweislich zu Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs führen. "PlantsProFood" heißt ein innovatives Forschungsprojekt in Mecklenburg-Vorpommern. Einem Verbund aus Forschung, Agrar- und Lebensmittelunternehmen ist es gelungen, mit pflanzlichen Rohstoffen aus dem Wurzelgewächs "Blaue Süßlupine" tierische Proteine aus Milch, Eiern und Fleisch zu ersetzen. Sie sollen schon bald in Back- und Teigwaren sowie in Fleisch- und Feinkostprodukten verarbeitet werden. ------------------------------ Foto: Pflanzliche Lebensmittel werden in Restaurants und Kantinen zwar angeboten, dienen aber oft nur als Beilage für ein Fleischgericht.

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