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Ehemaliger Sitz des DDR-Ministerrates erhält ursprüngliche Gestalt zurück: Neue Aufgaben für das Alte Stadthaus

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Es gehört zu den großartigen Bauten des frühen 20. Jahrhunderts. Zu DDR-Zeiten ging man ruppig mit ihm um. Jetzt wird die edle Gestalt des Alten Stadthauses, ehemals Ministerrat, zurückgewonnen. Cafes und Boutiquen sollen für Betrieb auch nach Dienstschluß sorgen. "Des Architekten Tätigkeit wird erst dann eine künstlerische, wenn es ihm gelingt, in gefälligen Formen Gedanken auszudrücken und hierbei beabsichtigte Wirkungen zu erzielen", schrieb im Jahre 1902 der Berliner Stadtarchitekt Ludwig Hoffmann (1852-1932). Durch planloses Aneinanderfügen bekannter oder unbekannter Motive, seien diese auch noch so prunkvoll, werde niemals ein Kunstwerk entstehen. Beim säulengeschmückten Stadthaus versuchte der Architekt, seinen hohen Ansprüchen gerecht zu werden. Es wurde von 1902 bis 1911 zur Entlastung des Roten Rathauses mit einem 80 Meter hohen Kuppelturm gebaut. Versehen mit einer bekrönenden Figur, die jetzt verloren ist, gleicht er ein wenig den Domen am Gendarmenmarkt. Für den reichen plastischen Schmuck engagierte der Architekt den Bildhauer Georg Wrba. Aufwendige Empfänge Zu DDR-Zeiten war das Alte Stadthaus zwischen Jüden-, Kloster-, Parochial- und Stralauer Straße Sitz des Ministerrates mit Willi Stoph an der Spitze. Hier fanden aufwendige Empfänge statt. Doch in die einst mit Säulen, Pilastern, Reliefs, Menschen- und Löwenköpfen dekorierte Große Halle wurde wie ein Schuhkarton ein ebenso schmuck-wie geschmackloser neuer Raum eingebaut, der jetzt beseitigt wird. Nach Übergabe des Hoffmann-Baues vom Bund an das Land Berlin können Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten außen und innen ausgeführt werden, sagt der Senatsdirigent in der Bauverwaltung, Johann-Michael Fischer. Bürgerfreundlichkeit ist das Ziel, so Fischer. Den Bau sollen nicht nur Mitarbeiter der Innenverwaltung und Behördenbesucher, sondern auch "ganz normale Leute" bevölkern. Zum bisherigen Standesamt kommen nun auch Boutiquen, Cafes und Restaurants. Die Einkaufsmeile im Erdgeschoß soll auch nach Dienstschluß für Urbanität sorgen und die trotz der geringen Entfernung zum Alexanderplatz und zur Rathausstraße abends öde Gegend aufwerten. Nachdem schon 1990 Hammer und Zirkel über dem Eingang entfernt worden waren, sind auch die Hinterlassenschaften der DDR-Herren weitgehend entrümpelt. Sofern diese Ausstattungsstücke von geschichtlichem Wert sind, kamen sie ins Zeughaus beziehungsweise ins Bonner Haus der Geschichte. Große Halle und Vestibül Über die Kosten der Baumaßnahmen könne derzeit nichts gesagt werden, so Fischer. Das Abgeordnetenhaus müsse noch die Ausgaben und den Umfang der Baumaßnahmen entscheiden. Ziel sei es, die Große Halle mit ihren edlen Jugendstilelementen sowie das Vestibül mit einem von Franz Naager und Ignatius Taschner geschaffenen Wandbrunnen in ihrer historischen Gestalt wiederherzustellen. Gespannt sei man darauf, was unter dicker Tünche verborgen ist. Denn Wandmalereien wurden zu DDR-Zeiten rücksichtslos übertüncht, Reliefs und andere Gesimse verbrettert. Wie überall, so sei auch der Sitz des Ministerpräsidenten nicht modernisiert worden, erklärt der für den Hochbau zuständige Experte. Elektro- und Sanitäranlagen seien veraltet, behindertengerechte Fahrstühle und Toiletten müßten neu eingerichtet werden. Aber niemand muß befürchten, daß er einen Stein auf den Kopf bekommt, denn die dekorative Fassade aus Muschelkalkstein wurde gesichert. Jetzt fehlten noch die etwa 40 überlebensgroßen "Bürgertugenden". Diese Figuren aus dem gleichen empfindlichen Material schmückten einst den Turm, sind jetzt aber in einem Sammellager für ausrangierte Plastiken am Stadtrand untergestellt. Der Leiter der Bildhauerwerkstatt der Stuck und Naturstein GmbH in Weißensee, Jürgen Klimes, hofft, sie bald restaurieren und am alten Ort aufstellen zu können, doch ist das keine Frage des Willens, sondern des Geldes. +++

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