26.10.2007

Ehrlichkeit ist wichtig: DEUTSCHE OPER BERLIN Die amerikanische Sopranistin Jeanne-Michèle Charbonnet über harte Proben und harte Kritiker

Von Felix Schnieder-Henninger

Jeanne-Michèle Charbonnet, Amerikanerin mit französischen Vorfahren, wurde 1963 in New Orleans geboren. Ihre Ausbildung absolvierte sie u. a. 1986-91 in Indiana. Mitte der 90er-Jahre absolvierte sie ihre ersten Auftritte in Europa - in Marseille, Amsterdam und Florenz. Seit zehn Jahren singt sie die großen Partien des deutschen Fachs an den führenden Häusern Europas, u.a. an der Opera Bastille, Grand Théatre de Genève, Teatro La Fenice, Teatro San Carlo in Neapel und am Liceu in Barcelona. Mit Jeanne-Michèle Charbonnet sprach Felix Schnieder-Henninger. Wie sieht Ihr erster probenfreier Samstag heute aus? Meine Familie kam gestern aus den Staaten nach Berlin. Ich werde meinem neun Jahre alten Sohn und meiner Partnerin den Zoo zeigen oder in den Park gehen. Ich habe bisher nur gearbeitet. Die Proben sind wahnsinnig anstrengend, wie sechs Stunden Gewichtheben jeden Tag. Der Bühnenboden besteht aus einem riesigen Becken, fast knietief gefüllt mit Korksplittern. Wir proben bereits im maßstabgetreuen Bühnenbild - damit wir damit umzugehen lernen. Ich halte mich die ganze Zeit in dieser Wanne auf. Es ist eine Zumutung, ein Kampf. Wie die Existenz Elektras. Aber ich bin hart im Nehmen (lacht). Die Idee ist bestechend, die Optik umwerfend. Deshalb habe ich mich darauf eingelassen. Sie haben Elektra schon einmal gesungen? Nur konzertant, 2006, zur Eröffnung des Edinburgh Festivals. Ich kenne das deutsche Fach, singe Senta, Kundry, Brünnhilde, Isolde nun seit fast zehn Jahren. Schon mit 14 Jahren hatte mir meine Gesangslehrerin vorhergesagt, dass ich eine Wagnerstimme haben würde. Aber ich wollte damit nicht zu früh beginnen. Ich wollte erst das Italienische beherrschen. Ich habe über 100 Aidas hinter mir. Aber welche Herausforderungen bleiben da noch? Naja, nicht viele (lacht). "Frau ohne Schatten". Brünnhilde in "Götterdämmerung". Die werde ich jetzt in Straßburg machen. Ein erster Versuch in New Orleans scheiterte, weil der Hurricane uns damals mitten in der Arbeit am Ring unterbrach. Letztlich bin ich ganz froh, dass ich mir mit 44 bereits dieses ganze Wagner-Repertoire erarbeitet habe. Erst dadurch fühle ich mich frei, den Wagner-Heldinnen wirklich auf den Grund zu gehen. Ich sehe mich genauso als Schauspielerin wie als Sängerin. Und da hat Wagner einfach sehr viel zu bieten, mit all diesen extrem vielschichtigen Figuren. Gibt es einen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Regisseuren? Es gibt mehr Männer. Aber im Ernst: Ich glaube nicht, dass Qualifikation etwas mit dem Geschlecht zu tun hat. Vielleicht ist es aber ganz erfrischend, wenn sich eine Frau den Elektra-Stoff mal genauer anschaut. Allein durch die Kombination mit Gnecchis "Cassandra" bekommt die Mutter von Elektra eine ganz andere Tiefe und Komplexität. Was sagen Sie dazu, dass Ihr Deutschlanddebut ausgerechnet am Ärgernishaus des Jahres stattfindet? Ich hoffe, die Kritiker kommen und haben einen vorurteilsfreien Blick auf meine Arbeit. Es ist sicherlich eine Herausforderung. Aber auch einschüchternd. Manchmal liefert man seine beste Leistung und die Kritiker merken es nicht, weil sie ihre grundsätzliche Meinung nicht ändern wollen. Für ein Haus ist das ziemlich hart. Aber vielleicht steckt darin die Chance für einen Stimmungs- oder Wahrnehmungswechsel. Was unterscheidet die Opernarbeit in den Staaten von der in Europa? Amerikanische Opernhäuser erhalten kaum Subventionen und gehen deshalb viel weniger Risiken ein. Jede Premiere muss unbedingt ein Erfolg sein - entsprechend bieder und langweilig sind die Ergebnisse. Aufregende Regiearbeiten gibt es nur in Europa. Was bedeutet der Hype um Anna Netrebko, die im November die Traviata bei uns singt? Es ist gut für die Oper. Sie ist eine gute Sängerin und eine schöne Frau. Sie geht die Sache wie ein Hollywoodstar an, gesteuert von PR-Leuten wie kaum jemand vor ihr. Aber ehrlich gesagt, gibt es viele herausragende Opernabende, die auch ohne superberühmte Sängerinnen auskommen. Kam so eine Karriere für Sie je in Frage? Dazu habe ich nicht die Figur (lacht). Vor 15 Jahren hätte ich vielleicht noch Ja gesagt. Aber heute ist so ein Lebenswandel für mich ausgeschlossen. Ich mag diese enorme Beschleunigung nicht. Ich brauche Zeit für meine Familie. Ich bin mit meiner Freundin seit 22 Jahren zusammen, also haben wir einen ganz guten Rhythmus gefunden. Wollten Sie praktischerweise nie in Europa leben? Wenn ich allein wäre, würde ich wahrscheinlich hier leben. Aus verschiedenen Gründen haben wir uns aber dagegen entschieden. Ein Grund ist, dass das System der Privatschulen in den Staaten besser funktioniert. Für das Kind eines offen-lesbischen Elternpaars gibt es dort keine Probleme. Obwohl die Gleichstellungsgesetze in Europa weiter entwickelt sind, sieht die Lebensrealität anders aus. Auf einer Pariser Schule z. B. wäre mein Sohn einem ganz anderen Druck ausgesetzt. Im urbanen Amerika ist die Tatsache, dass Schwule Kinder haben, Teil des Mainstreams. Mit anderen Worten: Santa Fe ist liberaler als Paris. Welche Auswirkung hat Ihre Offenheit auf die Karriere? Ehrlichkeit ist das wichtigste für mich als Künstlerin. Ich habe nicht den Eindruck, dass es meiner Karriere bisher geschadet hat. Keine Ahnung, was die Leute hinter meinem Rücken sagen. Aber weil ich ich selbst sein kann, habe ich auch einen ganz unmittelbaren Zugang zu den großen Gefühlen meiner Heldinnen. ------------------------------ Alle Vorstellungen siehe Monatsübersicht auf Seite 19. Deutsche Oper Berlin, Bismarckstraße 35, 10625 Berlin. Kartentelefon: 0700-67 37 23 75 46 www.deutscheoperberlin.de ------------------------------ Foto: Deutschlanddebüt mit Elektra: Jeanne-Michèle Charbonnet.

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