21.04.2011

Ein 42-Jähriger steht vor Gericht. Er ließ sich von einem Pädophilen-Ring mit Knaben versorgen: "Die größte Gefahr für Kinder droht im sozialen Umfeld"

Von Andreas Kopietz, Lutz Schnedelbach

Insgesamt 13 Mal soll sich Martin D. an Kindern und Jugendlichen sexuell vergangen haben. Laut Anklage missbrauchte der 42-Jährige in seiner Wohnung am Kurfürstendamm zwischen 2004 und 2007 Jungen unter 14 beziehungsweise unter 18 Jahren. In mindestens einem Fall wandte er Gewalt gegen ein Kind an. Derzeit läuft gegen ihn die Hauptverhandlung vor dem Berliner Landgericht. Die Öffentlichkeit nahm bisher davon keine Notiz. Eine weitere Anklage über vier weitere Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen wird derzeit gegen Martin D. vorbereitet. Sein Fall ist einer von mehreren, mit denen sich die Strafverfolger derzeit in Berlin befassen. So wurde vor einigen Tagen bekannt, dass die Polizei einen Kinderschänderring sprengte. Getarnt als humanitäre Hilfsorganisation soll der Weddinger Verein "Promote Africa" Kinder als Sexsklaven aus Haiti nach Deutschland geschleust haben. Die Ermittlungen kommen nur langsam voran. Der beschuldigte Geschäftsführer schweigt in den Vernehmungen. Dessen Vorstandsmitglied war sogar Lehrer an einer Reinickendorfer Waldorfschule. Für Schlagzeilen sorgen derzeit auch Spekulationen des Magazins Stern darüber, dass sich der Mörder des neunjährigen Dennis aus Bremen von einem Berliner Kinderschänderring mit einem Jungen versorgen ließ, um ihn zu missbrauchen. Inzwischen bezeichnete die Polizei dies als abwegig. Der 42-jährige Martin D., der sich jetzt vor Gericht verantworten muss, steht exemplarisch für die Methoden, derer sich Pädophiler bedienen. D., der aus Niedersachsen stammt, ist als Sexualstraftäter bereits einschlägig bekannt. 2002 wurde er vom Landgericht Bielefeld wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und schwerem sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt. Als er nach Berlin zog - der Drehscheibe des Kinderhandels schlechthin - wurde er wieder rückfällig. Hier ließ er sich nach Erkenntnissen von Ermittlern über ein Pädophilen-Netzwerk die kleinen Jungen "liefern". Bei Fällen von Kindesmissbrauch ist der fremde Mann, der im Gebüsch lauert, die Ausnahme. "Die größte Gefahr droht Kindern in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld, im Kinderzimmer aber auch in Betreuungseinrichtungen wie etwa Heimen", sagt ein Fahnder. Meistens haben die Täter eine Beziehung zu ihren Opfern - sei es als Familienangehöriger wie etwa als Stiefvater oder als Bekannter der Familie. Manche Täter suchen sich nach Erkenntnissen der Polizei Berufe und Tätigkeiten aus, in denen sie Kinder kennenlernen, zum Beispiel als Heimerzieher oder Trainer. So einer war zum Beispiel auch der 42-jährige Martin D. Nachdem er sein Psychologiestudium abgebrochen hatte, gründete er ein Nachhilfeinstitut für Kinder mit Schreib- bzw. Rechenschwäche. Dort bahnte er dann auch seine Kontakte an, wegen der er schließlich auch verurteilt wurde. Einen ähnlichen Fall gab es auch vor zwei Jahren, als in Marzahn ein 47-jähriger Betreuer einer Jugendeinrichtung verhaftet wurde. Er hatte sich mehrmals an Kindern vergangen. Michael Kruse, Sprecher des Deutschen Kinderhilfswerks, fordert Führungszeugnisse für Bademeister, Trainer und Personen, die ständig mit Kindern zu tun haben. "Sie sollten regelmäßig aktualisiert werden", sagt er. "Solch ein Führungszeugnis bringt nichts, wenn es zehn Jahre alt ist." Doch Pädophile haben auch andere Möglichkeiten, sich mit Knaben zu versorgen. Schlagzeilen machte im Jahr 2008 ein Fall, als in Neukölln und Kreuzberg zwei Männer verhaftet wurden, die zehn Jungen in 50 Fällen missbraucht hatten. Ihre Opfer lernten sie alle in einer Bar kennen, die einer der Täter betrieb. 522 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern zählte das Berliner Landeskriminalamt im vergangenen Jahr. Von diesen Missbrauchsfällen wurden 112 als besonders schwer eingestuft. In weiteren rund 400 Fällen waren Jugendliche Opfer von Missbrauch. Polizei und Kinderschützer vermuten, dass für jeden angezeigten Fall zwanzig weitere unbekannt bleiben. ------------------------------ "Führungszeugnisse sollten regelmäßig aktualisiert werden. Ein Zeugnis bringt nichts, wenn es zehn Jahre alt ist." Michael Kruse Foto: Haiti nach dem Erdbeben. Die Notlage der Menschen nutzen Kinderschänder skrupellos aus.

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