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Ein Atelierbesuch bei Isa Genzken: Ein Fenster zum Highway und eins zum Hinterhof

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Gelegen am nördlichen Berliner Autobahnring ist das mehrere hundert Quadratmeter große Atelier der Künstlerin Isa Genzken gleichzeitig einer der schnellsten und einer der langsamsten Orte der Kunstmetropole Berlin. Draußen, hinter den hohen Fenstern fahren die Autos in einem geradezu rasanten Tempo vorbei, während in den großzügigen Atelierräumen die Zeit zu ruhen scheint. Auf Podesten bizarr anmutende Kreaturen und Objekte. Mittendrin die hoch gewachsene Künstlerin mit Lederjacke und Lockenkopf. Sie steht da und schaut. Dann arrangiert sie eine bunte venezianische Maske auf dem Gesicht einer Schaufensterpuppe neu und lacht: "Das hier ist mein Straßenfest. Wie gefällt es Dir?" Sie steht im Zentrum einer Figurenkonstellation von fünf geschmückten, maskierten und verkleideten Schaufensterpuppen, die allesamt auf Einkaufs- oder Palettenwagen stehen und tatsächlich zu feiern scheinen. Nur eine der Figuren steht fast nackt am Rand und sieht sich das bunte Treiben skeptisch an. "Die mag' ich irgendwie ganz gerne.", sagt Genzken, die sich selbst auch gerne vom Tumult der Kunstszene fern hält. In Berlin sieht man sie nie, in London und New York nur selten. Interviews gibt Isa Genzken nur alle paar Jahre. "Der Betrachter muss schon selber nachdenken und in den Spiegel schauen." Spiegel gibt es reichlich in ihren Skulpturen und Rauminstallationen. Nachfragen lässt sie nicht. Die Kunst kann man sowieso nicht in Sprache übersetzen, ist ihre Überzeugung. Vor sechzig Jahren in Bad Oldesloe geboren, wuchs Isa Genzken in Hamburg auf. Dort studierte sie Malerei, später in Berlin Fotografie und Grafik. Schließlich landete sie in der Meisterklasse bei Gerhard Richter in Düsseldorf. 1982 heiratete sie den Maler und lebte mit ihm bis zu ihrer Scheidung zusammen. Seinen RAF-Zyklus beeinflusste Genzken wesentlich. Sie betrachtet das Verhältnis zu Gerhard Richter heute sehr nüchtern: "Natürlich beeinflussen sich Künstler. Das kann gut sein, muss aber nicht gut sein." Eines steht fest: In Richters Schatten stand Genzken niemals. Zu forsch und frech ist die Bildhauerin, zu selbstbewusst und eigenständig ihr Werk: Ein "Weltempfänger" getaufter Betonklotz mit implantierter Radioantenne, eine acht Meter hohe Rose aus Stahl und Aluminium vorm Leipziger Messegelände und ein deutscher Pavillon mit vielen voll gepackten Koffern, Spiegeln, Galgen und gelandeten Astronauten auf der 52. Kunst-Biennale von Venedig im vergangenen Jahr. Immer wieder ist es Genzken gelungen, die eigene Gegenwart in den Materialien unserer Zeit plastisch hervortreten zu lassen. Seit ihren Beiträgen zur documenta und für den Pavillon in Venedig gilt sie als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen in Deutschland. In ihrem Selbstverständnis sieht sich Genzken aber keineswegs als deutsche Künstlerin. Sicher, ihr "Weltempfänger" aus Beton mag an die Trümmer erinnern, in denen Genzken im Nachkriegsdeutschland aufwuchs. Aber die meisten ihrer Werke erfordern einen weiteren Horizont und lassen sich nicht über deutsche Geschichte erklären. Genzkens Werk ist transnational zu denken und genau in diesem Punkt ist es vielleicht so unglaublich amerikanisch. Welch große Rolle Amerika für sie spielt, zeigt ein anderer Platz in ihrem Atelier. Im "Amerikanischen Raum", der 2004 in der Galerie im Taxispalais gezeigt wurde, wird kein Straßenfest gefeiert. Hier steht ein schwerer Schreibtisch wie man ihn aus den großen Auktionshäusern und Galerien kennt und davor - sozusagen zur Versteigerung - auf sieben Sockeln Genzkens amerikanische Mikrokosmen. Auf dem Tisch liegt ihr vier Kilogramm schweres Buch "I love New York, Crazy City": eine intellektuelle Montage aus Snapshots auf New Yorker Straßen, Klebestreifen, Faxnachrichten, Anzeigen, Textelementen und Zeichnungen. In diesem Spiel mit verschiedenen metaphorischen, bildlichen und dokumentarischen Ebenen wird wieder jenes Bedürfnis nach Kommunikation erkennbar, das oft aus ihren Werken spricht: ihre fotografische Collage aus New York stellt einzelne Fotografien und Fundstücke miteinander in Bezug. Ganz ähnlich wie die Figuren im "Straßenfest" oder anderen figurativen Installationen untereinander kommunizieren und auch der Betrachter, der sich in Genzkens Spiegelflächen selbst begegnet, immer wieder dazu aufgefordert ist, sich zu verhalten. So viel Kommunikation, so wenige Worte. Gesprächig ist Isa Genzken nur selten, und wenn, dann unter Freunden. Zum Beispiel, wenn sie sich mit dem Fotografen Wolfgang Tillmans oder dem in New York lebenden Künstler Kai Althoff trifft. "Aber am schönsten finde ich es, wenn man sich Briefe schreibt", sagt sie. Das Telefon dagegen, neben ihrem großen Schreibtisch, auf dem sich Ausstellungskataloge und Zeitungsartikel, VHS-Kassetten und Reisedokumente neben einer Suhrkamp-Ausgabe von Adornos "Ästhetischer Theorie" stapeln, blinkt rot. Vierzehn unbeantwortete Anrufe. Hinter dem Fenster rasen noch immer die Autos vorbei. "Jeder braucht mindestens ein Fenster", so hieß Isa Genzkens Beitrag zur documenta 92. Sie selbst braucht mindestens zwei Fenster. Eines zum "amerikanischen" Highway und eines in den stillen Hinterhof. Am 15. August 2009 eröffnet im Museum Ludwig in Köln eine große Retrospektive, darunter mit Isa Genzkens "Straßenfest". ------------------------------ Foto: Isa Genzken, Jahrgang 1948, Künstlerin von internationalem Ansehen, war mit ihren Skulpturen, Videos, Fotos, Gemälden und Papierarbeiten drei Mal auf der documenta vertreten. Sie war Meisterschülerin von Gerhard Richter und mehr als 20 Jahre dessen Ehefrau.

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