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Ein Buch löst Debatten um die Restaurierung des Berliner Stadthauses aus: Monument des Bürgertums

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Anfang des letzten Jahrhunderts genügte das Rote Rathaus den bürokratischen Anforderungen Berlins nicht mehr. Deswegen errichtete Stadtbaurat Ludwig Hoffmann das mit seinem säulenbewehrten Turm weithin sichtbare "Stadthaus". Doch nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Kommune ihren Tempel der städtischen Selbstverwaltung an den Staat, der Ministerrat der DDR zog ein. Der wilhelminische Prunk war den Genossen suspekt, sie versteckten ihn hinter Gipswänden und abgehängten Decken. Seit 1994 wird das Gebäude für die Senatsverwaltung für Inneres ertüchtigt: Das alte Dach wurde wieder aufgesetzt, die Gipswände herausgerissen. In der wieder freigelegten zentralen Halle, dem "Bärensaal", wurde nun mit einer Podiumsdiskussion die erste Monografie zur Geschichte des Stadthauses vorgestellt. Es gibt, wenngleich manche These etwa über kosmische Programme der Skulpturen reichlich kühn ist, der Debatte um das weitere Vorgehen festen Boden. Gerade an der Restaurierungsmethode für den Bärensaal scheiden sich bisher die Geister. Der Architekt Gerhard Spangenberg hat die monumentale Innenarchitektur aus Muschelkalk einem Archäologen gleich wieder freigelegt, ohne Zerstörtes zu rekonstruieren. Die Ziegel des weiten Tonnengewölbes etwa, dessen Putz fast gänzlich abgefallen war, sind so weiter sichtbar. Der Innenverwaltung aber ist diese Nacktheit ein Dorn im Auge. Sie hätte die Wölbung gerne wie zu Hoffmanns Tagen weiß verputzt. Ihr Vertreter Peter Fleischmann, sekundiert von Horst Hellbach von der Gesellschaft Historisches Berlin, raunte vom "Gesamtkunstwerk" Hoffmanns, das es zu rekonstruieren gelte. Alles habe wieder "wunderschön" auszusehen. Dem traten Landeskonservator Jörg Haspel und Gerhard Spangenberg klug entgegen. Sie betonten, dass dem Denkmal als gealtertem Zeitzeugen die Reverenz zu erweisen sei. Doch das beste Argument gegen die Schönheitsnostalgiker war die Halle selbst. Die Fehlstellen in der Architektur - und es sind nicht viele - provozieren die Frage: Was ist hier geschehen? Das zahlreich anwesende Publikum spürte wohl auch, dass die Aufhübschung nicht nur finanziell einen hohen Preis kosten würde. Das Stadthaus. Geschichte, Bestand und Wandel eines Baudenkmals. Hrsg. von Wolfgang Schäche. Jovis Verlag, Berlin 2001, 176 Seiten, 78 Mark. BLZ/MARKUS WÄCHTER (2) Auf dem Turm fehlt noch die Fortuna, und in der Halle der in den Tierpark verbannte Bär. Dann sollte Schluss mit der Rekonstruktion sein.

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