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Ein Porträt des Leipziger Comic-Weltkonzerns EEE: "Extrem Erfolgreich Enterprises": Armee der Untoten

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ComicAction-Messe in Essen, Herbst 1999. Am Stand von EEE herrscht Hochbetrieb. Sammler kaufen limitierte Lederausgaben der Verlags-Comics; Nachwuchstalente erscheinen mit ihren Mappen zum Gespräch. Vor dem Signiertisch, wo neben Verlags-Vize Schwarwel und weiteren deutschen Zeichnern auch zwei Stars aus England, Duke Mighten und Simon Bisley, Skizzen- und Autogrammbücher voll kritzeln, stehen die Fans Schlange. "Death Dealer"-Künstler Bisley hat an einem Fantasy-Stand einen Lederhelm erstanden und überträgt ihn nun mit ein paar schnellen Kohlestrichen auf ein Stück Papier. Vor dem Tisch unterhält sich Bela B. Felsenheimer mit den Musikern, die für die "EEE-meets-Lobo"-Party am Abend angereist sind. Wie seine Mitarbeiter trägt der Verlagschef ein schwarzes T-Shirt mit gelbem Aufdruck: "Armee der Untoten", dazu einen krabbenchips-weißen Cowboyhut. Neben dem eher verhaltenen Treiben an anderen Ständen wirkt Bela B. mit seiner Crew wie eine fröhliche Gang von Outlaws. EEE steht für "Extrem Erfolgreich Enterprises"; der Größenwahn im Namen passt zu dem in Leipzig beheimateten Comic-Verlag. EEE ist der lauthals krähende Kuckuck in einem Nest der Verlags-Amseln, die zwar Qualitätsanspruch, Einsatz und mit Heftchen-Verlagen wie Dino auch Geschäftssinn bewiesen, bislang aber jenes Quäntchen Glamour entbehrten, von dem die Comics selbst so gern handeln. Erwachsenen-Comics sind in Deutschland trotz des Booms vor zehn Jahren ein marginales Medium geblieben, von der Öffentlichkeit wenig beachtet, finanziell unberechenbar, angewiesen auf das panische Erkennen der neusten Trends, die das Ausland für den Comic-Markt vorgibt. Die Verleger beklagen sich gern über diese Misere, dies durchaus mit Recht. Nebeneffekt dieser Klagen ist allerdings eine gewisse Melancholie. "Die Comic-Szene", lamentierte ein Kollege schon vor einigen Jahren, "ist einfach nicht sexy". Mit EEE hat nun der Rock n Roll in den deutschen Comic-Markt Einzug gehalten. Für die Verlagsleitung trifft das unbedingt zu. EEE ist das gemeinsame Projekt von Bela B., dem Schlagzeuger der deutschen Popgruppe "Die Ärzte", und dem Ex-Punk-Sänger Schwarwel, dessen erster Auftrag für seinen späteren Boss Anfang der 90er-Jahre darin bestand, ein Schlagzeug zu bemalen. Schwarwels Comic-Serie "Schweinevogel" (in Leipzig inzwischen Kult) war zu der Zeit noch ohne Verlag. EEE entstand, um diesen Notstand zu beheben. Diagramme des "Weltmacht-Konzerns" EEE in einem frühen Heft der "Schweinevogel-Show" deuten allerdings schon ein Denken in größeren Dimensionen an. 1998 stieß Armin Strömmer, Comic-Händler aus Hamburg, zum Verlag. Über seine Auslandkontakte kam unter anderem der US-Horror-Comic "Faust" von David Quinn und Tim Vigil ins Programm. Das sehr lose an Goethes Drama angelehnte Werk hatte durch Einfuhrverbote in andere Länder von sich reden gemacht; die expliziten Sex- und Gewaltszenen ließen auch deutsche Verleger vor einer Übersetzung zurückschrecken. EEE verkaufte vom ersten Heft innerhalb kürzester Zeit über 10 000 Exemplare. Kenner der Comic-Variante verweisen mit Recht darauf, dass in den Heftchen nichts anderes dargestellt wird, als aus den Höllen- und Apokalypse-Visionen der Renaissance-Maler längst bekannt sein dürfte. Da sind die Darstellungen durch ihre museale Präsenz abgesegnet; der Comic hingegen zeigt Großaufnahmen zu diesen Körperfantasien, detailliert ausgearbeitet und ganz dem einsamen Betrachter zugewandt. Was diese mit ihren Eindrücken anstellen, beunruhigt die Erziehungsberechtigten seit den 50er-Jahren; inzwischen ist der Comic allerdings durch die Möglichkeiten von Horror-Videos und Computerspielen aus dem Blickfeld der Sittenwächter verdrängt worden. Beihilfe zur Gewalttat können Comics kaum leisten; ihr Thema ist vor allem der Körper danach: zerstückelt, geschunden, je extremer - desto nackter. Paradoxerweise geht dabei die Moral nicht flöten, sondern ist umso präsenter - wenn man sich die Mühe macht, die Geschichte zu den Bildern zu lesen. "Wir sind die Bösen" - so lautet seit einigen Jahren das Motto von EEE. Mit "Faust", mit "Death Dealer" und "Satanika" aus Heavymetal-Ikone Glenn Danzigs Comic-Verlag "Verotik", mit Joe Vigils Hardcore-Westernmärchen "Gunfighters in Hell" und den verspielteren Horror-Geschichten von Kelley Jones hat sich in den letzten zwei Jahren das Verlagsprofil etabliert - als deutschsprachige Heimat der extremeren Formen eines Genres, das sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Dahinter steckt weniger Marktkalkül als das Vergnügen, genau das herauszugeben, was man selber gerne liest. EEE ist ein Verlag, der von Künstlern betrieben wird. Das mag die anhaltende Begeisterung für die eigenen Unternehmungen erklären und garantiert fürs Erste - Bela B.s Brotjob sei Dank - finanziellen Spielraum. Ein Eingehen auf Mainstream-Bedürfnisse ist nicht vorgesehen. Im Gegenteil: Im verlagseigenen Comic-Magazin "Extrem" wurde 1999 ein Podium für Kurzgeschichten in- und ausländischer Künstler geschaffen. Die beiden Verlagsleiter sind darin regelmäßig als Autor und Zeichner vertreten, Leipziger Comic-Künstler wie P.M. Hoffmann oder Ralf Niese (der als Minderjähriger die Comics zwar zeichnen, aber noch nicht kaufen darf), bieten einen überzeugenden Einblick in die Nachwuchsproduktion. Die Covers der "Extrem"-Hefte kommen mal von deutschen, mal von ausländischen Zeichnern, Nummer vier hat Mike Mignola übernommen, der Designer unter den Horror-Künstlern, der mit "Hellboy" ebenfalls zum EEE-Team gehört. Simon Bisley hat seine Serien-Figur "Manic Mandrill" für eine Storyfolge an Schwarwel abgetreten. Für Schwarwel erfüllte sich in der Kooperation mit dem britischen Comiczeichner ein Traum. Bisley - "der Mann, der weiß, was auf der Rückseite einer Zeichnung passiert" - war für den Leipziger Comic-Zeichner schon lange ein Idol. Entsprechend unruhig wurde das Urteil des Meisters nach Absenden der ersten Skizzen für die Geschichte erwartet. Bisley, ein Freund muskelbepackter Helden, war zufrieden. Sein einziger Kritikpunkt betraf die Oberweite des Helden: "Make the shoulders bigger!" COMICS Extrem Erfolgreich Enterprises // Der EEE-Comic-Verlag ist in Leipzig beheimatet. EEE steht für "Extrem Erfolgreich Enterprises". Zu den Künstlern des Verlags gehören unter anderem: Schwarwel, David Barbour, Glenn Danzig, Frank Frazetta, Simon Bisley, Ulf S. Graupner und Psycho M. Hoffmann. Zitate der Woche: "Dieser Verlag ist eine Droge!" (eine EEE-Ex-Praktikantin, die sich überraschenderweise Lewinsky nennt) "EEE - wo der Horror zu Hause ist. " (so das Heavymetal-Magazin "Hammer"). EEE VERLAG Eine der hübsch detailliert gezeichneten Höllenfantasien aus Groß-Leipzig.

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