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Ein russischer Liederabend mit Anja Silja und Andrej Hoteev: Zugabe einer Gräfin

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Anja Silja, die einst unter Wieland Wagner in Bayreuth Karriere machte, ist derzeit an der Komischen Oper zu erleben. Als eine Art Zugabe zu ihrer Rolle als Gräfin in Tschaikowskis "Pique Dame" gab die große Sängerin im selben Hause einen Liederabend. Die ausgewählten Stücke von Tschaikowski und Rachmaninow kreisten um ähnliche Themen, wie sie auch die alte Gräfin umtreiben: schwärmerisch-wehmütige Erinnerung an die Jugendzeit und eine Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit. Die Bühnenpräsenz der fast 69-Jährigen ist packend und von Lebenserfahrung durchdrungen. In Tschaikowskis "So bald vergessen alles Glück" fühlt sie sich tief in die russische Melancholie ein; verloren kreiselt der Gesang in Halbtonschritten durch Moll-Gefilde. Aufgewühlt und rastlos hingegen bäumt er sich auf in Rachmaninows Lied "Oh Einsamkeit, o Elend". Ein leiser Hauch, der zuweilen die mittlere Lage der Stimme einhüllt, verstärkt die Ausdrucksintensität noch. Und nach wie vor beeindruckt die Fähigkeit dieser Sopranistin, ihre strahlenden hohen Töne stufenlos in ein berückendes Pianissimo zurückzunehmen. Ganz ungekünstelt tritt sie auf, mit schlichtem schwarzen Hosenanzug und Lesebrille, um den russischen Texten zu folgen. So könnte auch eine Vorstandsvorsitzende zum Referat erscheinen. Die Stimmgebung wirkt so natürlich, dass eine Gesangstechnik gar nicht zu bemerken ist. Weiter könnte Anja Silja nicht entfernt sein von ihrer Rolle als Gräfin, aus der sie eine wunderbar unnahbare und herrische Moskauer Diva macht. Der russische Pianist Andrej Hoteev greift als Begleiter die kleinste ihrer Nuancen auf; als Solist rundet er den Liederabend ab. Hoteev ist auch Musikwissenschaftler und forscht an Originalquellen; Mussorgskis Zyklus "Bilder einer Ausstellung" trug er nach der handschriftlichen Urfassung des Komponisten vor. Diese unterscheidet sich stellenweise in Stimmführung und Vortragsangaben von der gängigen Version und wirkt ein wenig ungehobelt, aber auch farbenreicher. Dem "großen Tor von Kiew" etwa nähert man sich hier wie durch einen Nebel; die Musik wird nach und nach lauter - in der bekannten Variante hingegen steht das Tor von Anfang an im Licht eines triumphalen Forte. In Skrjabins dämonische Sonate mit dem Titel "Schwarze Messe" warf sich Hoteev wie in einen Ringkampf. Er türmte Akkordhaufen übereinander, traktierte den Flügel als Schlaginstrument und ließ Trillerketten geradewegs wie in den Orkus hinabtrudeln. Ein funkenschlagender Zusammenprall von ekstatischer Verzückung und apokalyptischer Vorahnung.

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