Ein schönes Märchen: "Die sonderbare Karriere der Frau Choi" von Birgit Vanderbeke: Gute Küche, böse Pilze

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Seit ihrem vom Bachmann-Preis gekrönten "Muschelessen" spielt in Birgit Vanderbekes Texten die Zubereitung und der Verzehr von Speisen eine wichtige Rolle. Zuletzt veröffentlichte sie ein Kochbuch, nun erzählt sie wieder - von nachhaltiger Dorfentwicklung via Gastronomie: Wie der Titel des Buches schon sagt, geht es um Frau Choi aus Gwangju, die ins südfranzösische M** zieht und dort das "Bapguagup" eröffnen will. Man nimmt die Fremde freundlich auf, denn sie ist ruhig, höflich und praktisch veranlagt. Ganz allein renoviert sie eine Bruchbude, "setzt mit eigenen Händen einen Kamin, legt eine eigentümliche Fußbodenheizung und kachelt zuletzt die Böden." "Alle Achtung, sagen die Leute . Was die Frau alles kann." Nur der regierungshörige Bürgermeister plant Böses, will ihr Gemüsefeld und ihr künftiges Restaurant enteignen, den Ort in einen Militärstützpunkt verwandeln. Doch das geht schief, nicht zuletzt wegen Frau Chois Charme: "Einen Herbst lang ist M** das Zentrum von Rap und Reggae und Rastazöpfen und voller Begeisterung für Frau Choi gewesen, die die alte Seidenspinnerei gegen die Drohnen verteidigen und in ein ,Bapguagup' verwandeln will ." Außerdem findet sich auf ihrem Grundstück zur rechten Zeit ein sensationell seltener Schmetterling, der sonst in der Nähe von Hiroshima zu Hause ist. Paris, in unpopuläre Atomtests verstrickt, knickt ein, und die Geschichte nimmt ihren Lauf: Die Spinnerei wird im asiatischen Stil umgebaut, Bambus und weiße Wände fügen sich perfekt in die südfranzösische Landschaft. Frau Chois Lokal zieht Gourmets und Architekturfreunde aus vielen Ländern an. Der Erfolg ergreift das ganze Dorf, Handwerk und Tourismus florieren. Die Zucht von Obst, Gemüse, Geflügel und Fischen für das Restaurant schafft Arbeitsplätze. Den Reiz des Ortes zerstört das alles nicht, denn die Karriere, um die es hier geht, bewegt sich im überschaubaren Rahmen und im Einklang mit ihrer Umgebung. Nur manchmal kommen Frau Chois Pilzkenntnisse zum Einsatz, ihre Opfer - etwa besagter Bürgermeister oder ein mordlustiger Stalker - sind derart unsympathisch, dass man ihr gerne verzeiht. Die Todesfälle beschäftigen eine Pathologin aus Straßburg, die mit ihren Reagenzgläsern einen Hauch "CSI" ins Labor des Dorfarztes bringt, dann aber doch lieber Urlaub macht. Jahre später, von einem gentechnikfixierten Konkurrenten entnervt, kommt sie aus anderen Gründen auf Frau Chois Künste zurück. Als habe sie das Gerede von Kaufkraftentwicklung und DAX satt und in der einen oder anderen Attak-Broschüre geblättert, hat Vanderbeke eine zauberhafte Erzählung über lokales Handeln und globales Denken geschrieben. Sie passt gut in die mythenumrankte Gegend, in der Vanderbeke selbst seit Jahren lebt. Und sie passt zu ihrem Schreiben. Denn neben ihrem Sinn für gute Küche und konturierte Frauenfiguren kultiviert diese Autorin seit langem die Kunst der schlichten Worte. Sie baut überschaubare Sätze, fasst sich kurz, erzählt betont einfach. Eine Weile sah es so aus, als käme sie damit ins pseudonaive Plappern, doch in ihrem neuen Buch wirkt ihre Sprache so überzeugend wie Frau Chois sparsam, aber elegant möblierte Gaststube. In knappen Strichen und schwungvollen Bögen erzählt sie eine volkstümliche, international vernetzte Erfolgsgeschichte. Wer auf gerade einmal 124 Seiten den Starrsinn europäischer Provinzler und die Weisheit einer weitgereisten Asiatin, ländliche Traditionen und Internet, Frankreich und Korea, Pazifismus, Pilze und die Weltwirtschaftspolitik, Hexen- und Pathologinnenkünste aufeinander loslässt und dabei allerlei zwischenmenschliche Beziehungen ausmalt, versteht seine Kunst. Das Ergebnis ist ein Märchen, sicher, aber eines mit Witz und genügend Wirklichkeitsnähe, um nicht nur erklärte Globalisierungskritiker zu erfreuen. ------------------------------ Foto: Birgit Vanderbeke: Die sonderbare Karriere der Frau Choi. S. Fischer, Frankfurt/M. 2007. 124 S., 16,90 Euro.

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