Ein Stück Alt-Berlin verschwindet: Nach 91 Jahren schließt Clärchens Ballhaus in der Auguststraße: Der letzte Schwof

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MITTE. Wer Stefan Wolff in diesen Tagen nach seinem Befinden fragt, bekommt eine klare Antwort. Ein "Scheißgefühl" habe er, sagt der 49-Jährige. Der Betreiber von Clärchens Ballhaus sieht so aus, wie er sich fühlt. In Arbeitskleidung sitzt Wolff im kalten Saal. Mitarbeiter tragen das Mobiliar zusammen, Kartons mit Sektflaschen, historische Bilder, Küchenzubehör... Die Silvesterfeier war der letzte Abend in Clärchens Ballhaus. Nach 91 Jahren hat der Altberliner Schwof-Tempel dicht gemacht. Die Kündigung vom neuen Eigentümer kam im Dezember. Am 14. Januar ist Wolff draußen. "Und wieder stirbt ein Stück Berlin", sagt der Mann, der den Familienbetrieb in dritter Generation 25 Jahre lang führte. Es klingt verbittert. Clärchens Ballhaus war eine Institution. Die kannte man auch, wenn man nie dort war. Es gab genug Geschichten. Im Laufe der Jahre wurde ihr Stil immer charmanter: das Ballhaus mit den alten Tischen und Stühlen, den verzierten Thekenschränken, mit einer Toilettenfrau und einem Garderobier, der auf gepflegte Garderobe der Gäste achtete. Mit den Kachelöfen im Tanzsaal, in die Stefan Wolff jeden Winter 15 Tonnen Kohle warf. Im Vergleich zu vielen umliegenden Lokalen und Restaurants der Neuen Mitte verströmte Clärchens Ballhaus noch Atmosphäre und Wärme. "Wir waren wie eine Familie. Unsere Gäste kamen, wenn sie lustig und wenn sie traurig waren", sagt Wolff. Er selbst stand am Tresen, zapfte Bier und hörte sich die Geschichten an. Ehefrau Monika arbeitete an der zweiten Bar, verkaufte Wein, Schnaps und Cocktails, die Grüne Wiese, Erdbeer-Cobbler und Nante-Knaller hießen. Letzterer war eine Erfindung des Hauses. Einige Stammgäste kamen aus Frankfurt (Oder), Fürstenwalde und Brandenburg, um eine heiße Tanznacht in Clärchens Ballhaus zu feiern. Vor vier Uhr morgens war selten Schluss. Die Gäste waren zwischen 18 bis 80, jeder Musikgeschmack wurde bedient, der DJ erfüllte Wünsche. "Alle haben sich gut vertragen. Es gab Gäste, die suchten was für's Herz, andere, die sind nur zum Tanzen kamen", sagt Stefan Wolff. Aus mancher Bekanntschaft wurde eine lange Ehe. Vor einigen Jahren feierte ein Paar, das sich in Clärchens Ballhaus kennen gelernt hatte, Goldene Hochzeit. Natürlich dort. Gern erinnert sich Stefan Wolff an den verkehrten Ball jeden Mitt-woch. Dann wählten die Damen ihren Tanzpartner aus. "Einen Korb zu geben war verpöhnt, manchmal hab' ich Männer flüchten seh'n, wenn sich ihnen eine Frau näherte." Musiker, Schauspieler und Politiker zog es in Clärchens Ballhaus, für Serien und Filme wurde dort gedreht. Lotti Huber hatte einen Stammplatz, Chansonsänger Jürgen Walter und Schauspieler Walter Plathe spielten zum 90-jährigen Bestehen. Was jetzt aus Clärchens Ballhaus wird, sagen die Eigentümer aus Darmstadt nicht. Nur so viel: Das Haus wird saniert. ------------------------------ Familienbetrieb // Im Jahre 1913 eröffnete Clara Habermann im Hofgebäude der Auguststraße 24-25 ein Ballhaus. Es trug ihren Namen und hieß Clärchens Ballhaus. Ihre Stieftochter Elfriede Wolff übernahm das Lokal später. Ab 1979 leitete deren Sohn Stefan Wolff das Lokal. Zu DDR-Zeiten war Clärchens Ballhaus ein beliebtes Tanzlokal sowohl für Ost- als auch West-Berliner, Pärchen und Singles. Das Interieur wurde nicht verändert. Tresen, Ofenheizung und Wandverzierungen blieben erhalten. Eine Spezialität des Hauses war der Nante-Knaller. Er bestand aus 2 cl Whisky, 1 cl Curacao und Sekt. Nach der Wende bekam die leibliche Tochter der Gründerin das Haus zugesprochen. Als sie 2003 starb, wurde das Haus verkauft. ------------------------------ Foto: Der obere Saal hat noch die Pracht von einst, wird aber wegen Baufälligkeit seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt.

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