Ein Whos who der Politik und Wirtschaft

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BERLIN, 16. April. Homburg, August 1949. In der Villa des amerikanischen Hochkommissars ist der Bankier Eric Warburg zu Gast. Die beiden Herren führen eine leidenschaftliche Diskussion über die Zukunft Deutschlands. John McCloy, beeinflusst von den Ideen des US-Finanzministers Henry Morgenthau, der Deutschland in ein Agrarland umwandeln wollte, plädierte für den Abbau der deutschen Industrie. Warburg, als deutscher Jude 1938 in die USA geflohen und 1945 als amerikanischer Soldat nach Europa zurückgekehrt, fordert die Einstellung der Demontage, da sonst "aus Nachkriegsdeutschland nichts Gutes" erwachse. 48 Stunden später stoppte McCloy die Demontage - doch Warburg will noch mehr. Zusammen mit anderen Hamburgern wie Marion Gräfin Dönhoff gründete er eine überparteiliche Organisation, die fortan und für immer die Beziehungen zwischen Deutschland und Amerikaner stärken sollte: die Atlantik-Brücke. In diesem Jahr wird sie 50 Jahre alt. In der Nachkriegszeit konzentrierte sich der Verein zunächst auf die Bildung von Netzwerken im politischen und wirtschaftlichen Bereich. Konferenzen, Kolloquien und Seminare wurden organisiert, später entwickelte man Austauschprogramme für Studenten, Lehrer, Professoren sowie für junge Führungskräfte, Journalisten und Militärs. Besonders erfolgreich ist zum Beispiel die alljährliche Einladung amerikanischer Hochschullehrer, die das Fach "Holocaust" unterrichten. Über 2 000 US-Lehrern wurde es bislang ermöglicht, auch das heutige Deutschland kennen zu lernen. Eine Reaktion der Atlantik-Brücke auf den Fall der Berliner Mauer war die Gründung der "Youth for Understanding Stiftung". Mit den Geldern konnten seit 1989 Tausende von Oberschülern aus den neuen Bundesländern in die USA, und amerikanische Schüler, die ethnischen Minderheiten angehören, nach Deutschland reisen. Dass von den Aktivitäten der Atlantik-Brücke wenig in der Öffentlichkeit bekannt wird, ist Absicht. Es ist kein Verein, der nach außen wirken will. Vielmehr wird in aller Stille agiert, was dem Verein zuweilen das Image eines Geheimbundes verleiht - und den Ruf eines elitären Clubs. Um eine Mitgliedschaft in der Atlantik-Brücke bewirbt man sich nicht, man wird dazu aufgefordert. So mag die Zahl von 360 Mitgliedern gering erscheinen, ihr Einfluss aber gilt als bedeutend. Die Atlantik-Brücke wird unterstützt von allen großen deutschen Unternehmen. Die Namensliste des Vorstands und Kuratoriums liest sich wie ein Who s who der Politik und Wirtschaft. Und auf der anderen Seite des Atlantiks engagieren sich nicht weniger einflussreiche Gesprächspartner. "Die USA wird von 200 Familien regiert und zu denen wollen wir gute Kontakte haben", sagt der Vorstands-Chef der Atlantik-Brücke, Arndt Oetker. Um Probleme effizient zu lösen, ist es eben hilfreicher, wenn sich die Entscheidungsträger persönlich kennen. Ein Missverständnis kann schnell mit einem Telefonanruf ausgeräumt werden - größere transatlantische Probleme, wie die US-Zölle auf Stahl, sorgen zwar auch innerhalb der Atlantik-Brücke für Stirnrunzeln. Die Freundschaft aber können sie nicht trüben. Wie der frühere US-Präsident George Bush schon sagt: "Brücken entstehen nicht einfach. Sie müssen kunstvoll konzipiert, vorsichtig gebaut und permanent gewartet werden", schreibt er anlässlich des Jubiläums. Und Bush muss es wissen. Schließlich wird heute sein Engagement für Deutschland während der Wendezeit geehrt - mit dem Eric-M.-Warburg-Preis. Für die Freunde der Atlantik-Brücke ist das ein Grund zu feiern: "Es ist verrückt, wir werden überrannt, jeder will Bush sehen", sagt Beate Lindemann, Geschäftsführende Vizevorsitzende des Vereins. Alle 500 geladenen Gäste kommen. Neben den Altkanzlern Kohl und Schmidt werden auch mehrere US-Botschafter und Vertreter der deutschen Wirtschaft erwartet. Die Laudatio hält Außenminister Fischer.

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