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Eine britische Firma wird in Hessen ein neues Gefängnis mitbetreiben. Was das bedeutet, kann man im englischen Doncaster schon erleben: Wer schließt ab?

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DONCASTER, im Dezember. Es gibt hier eine Einkaufsstraße, einen Kreisverkehr, zwei Autobahnen, vier Gefängnisse. Die Stadt heißt Doncaster, sie liegt 250 Kilometer nördlich von London. "Doncatraz" nennen die Einheimischen den Ort, in Anlehnung an die kalifornische Gefängnisinsel Alcatraz. Nach Doncaster kommen die Wenigsten freiwillig. Zwölftausend Menschen sind hier in der Gegend eingesperrt. Eines der größten Gefängnisse liegt am Stadtrand, in einem modernen Gebäudekomplex hinter Stacheldraht und haushohen Mauern. Es trägt den Titel "Gefängnis Ihrer Majestät Doncaster". Das klingt beinahe so, als sei es eine Ehre, hineingelassen zu werden, aber es ist nur ein Überbleibsel alter Zeiten, als die Könige und Königinnen bestimmen konnten, wer hinter Gitter wandert. Jetzt ist die Anstalt eines von zehn privaten Gefängnissen im Land, die Betreiberfirma heißt Premier und ist ein Tochterunternehmen des britischen Konzerns Serco. Besucher müssen einen Fingerabdruck abgeben und sich fotografieren lassen. Dann wird man von einer Frau in grauer Uniform ins Wartezimmer gesetzt. Das Wartezimmer ist bonbonfarben gestrichen, alle Türen sind abgeriegelt. Auf einem Fernseher flimmert ein Spruch, den der Gefängnisdirektor jeden Tag neu aussucht. Heute heißt es: "Wer keinen Mut hat, muss schnell rennen können." Serco ist eine der Firmen, die in den vergangenen Jahren Arbeiten übernommen haben, die früher Aufgaben des Staates waren, diesem aber zu teuer geworden sind. Serco betreibt Sicherheitsdienste, Krankenhäuser, Eisenbahnen in aller Welt. Inzwischen ist der Name der Firma auch in Deutschland bekannt. Das Unternehmen wird ab 2006 das erste teilprivatisierte Gefängnis übernehmen, das derzeit im hessischen Hünfeld gebaut wird. Jahrzehntelang war in Deutschland unumstritten, dass Gefängnisse von ausgebildeten, ausreichend bezahlten Beamten geführt werden müssen, die nur dem Staat verantwortlich sind. Ein wenig abschätzig schaute man nach Amerika und auf seine privat betriebenen Gefängnisse, über die man Geschichten von Missbrauch und Korruption hörte. Doch in Zeiten, in denen die öffentlichen Kassen leer und die Gefängnisse voll sind, verblasst offenbar der Schrecken. Der hessische Justizminister Christean Wagner, ein CDU-Mann, hätte das neue Gefängnis in Osthessen - Kapazität 500 Personen - am liebsten komplett an ein privates Unternehmen abgegeben. Doch dazu hätte man die Verfassung ändern müssen. Anders als in Großbritannien müssen in Deutschland Gefängnisse staatlich geleitet werden. Also fand man einen Kompromiss: Die Angestellten der Firma Serco dürfen Zellen putzen, Essen liefern, die Häftlinge beim Drogenentzug beraten und per Video überwachen. Um die persönliche Bewachung der Insassen kümmern sich nach wie vor Beamte. Mit dieser Lösung spart Hessen 55 000 Euro im Monat. Der Vertrag, der im November unterzeichnet wurde, läuft zunächst über fünf Jahre. Ob die Trennung der Aufgaben zwischen den 99 Angestellten und 132 Beamten in Hünfeld so sauber durchzuhalten ist, wird von Fachleuten bezweifelt. Der ehemalige hessische Justizminister der Grünen, Rupert von Plottnitz, sagt: "Da wird eine Grenze überschritten." Er fürchtet, dass die Sicherheit im Gefängnis und die Sicherheit der Gesellschaft in Gefahr sind, wenn Personal zu Dumpingpreisen angeheuert und damit anfällig für Bestechung wird. Dabei hat von Plottnitz Ende der Neunziger selbst über eine Teilprivatisierung der Anstalten nachgedacht. Er war seinerzeit nach England gereist, um sich ein Privatgefängnis anzuschauen. Doch das Modell habe ihn nicht überzeugt, sagt von Plottnitz. Vieles in Hünfeld ist noch ungeklärt, das bestreitet nicht mal die Firma Serco. Bekommen zum Beispiel die privaten Angestellten Schlüssel für die Zellen? Wer schließt ab? "Die genauen Arbeitsabläufe müssen noch geklärt werden", sagt ein Justitiar der Firma. Ähnlich wie Rupert von Plottnitz heute denkt, dachte 1992 ein britischer Nachwuchs-Politiker namens Tony Blair. Er war damals innenpolitischer Sprecher der oppositionellen Labour-Fraktion. Er protestierte gegen Maggie Thatcher, die halb Großbritannien an private Firmen verkaufte, um die leeren Staatskassen zu füllen. "Ich glaube, Menschen, die vom Staat zur Haft verurteilt werden, sollten nur von denjenigen eingeschlossen und bewacht werden, die ausschließlich dem Staat verantwortlich sind", sagte Blair damals. Wenige Tage nachdem Labour dann 1997 an die Macht kam, waren diese Worte vergessen. Blairs Partei beschloss, neue Gefängnisse nur noch privat bauen zu lassen. Nirgendwo sonst in Europa ist die Privatisierung von Gefängnissen heute so weit fortgeschritten. Nun könnte man argumentieren, dass private Firmen vielleicht einfach besser, innovativer, erfolgreicher sind als der schwerfällige Justizapparat. Doch das sagt nicht mal Vicky Read in Doncaster. Vicky Read ist Ende 20, klein, dick und hat ein mädchenhaft zartes Gesicht. Sie ist die Sicherheitschefin des Gefängnisses in Doncaster. Sie hat die Aufgabe dem Gast zu zeigen, wie gut das Gefängnis funktioniert. Sie führt durch lange, unbeheizte Flure, schließt doppelte Metalltüren auf und hinter sich schnell zu. In manchen Flügeln lungern Männer in Trainingshosen herum. Sie sind auffallend jung und, blass. Ob Vicky Read sich hier manchmal unsicher fühlt? Die Antwort kommt schnell: "Natürlich spielt das im Unterbewusstsein immer eine Rolle." In einem fensterlosen Raum rattern Maschinen, ein Dutzend Männer starrt auf Computerbildschirme, andere tragen Papierkartons durch den Raum, auch hier tragen alle Trainingshosen. Es riecht nach Schweiß und Druckerfarbe. Die Häftlinge drucken Schilder, Plakate, Karten für die Firma Serco und Wohltätigkeitsorganisationen. Dies sei eine sehr moderne Druckerei, sagt Keith, einer der Wächter. Er spricht schnell, ihm laufen Schweißtropfen von der Stirn. Er hat die Verantwortung für die Druckerei und die 45 Häftlinge, die hier arbeiten. Einer wie Keith verdient im Schnitt 16 000 bis 18 000 Pfund im Jahr, rund 6000 Pfund weniger als im Staatsgefängnis. Keith zeigt auf eine der computergesteuerten Maschinen. "So etwas können sich nicht mal Firmen in Doncaster leisten", sagt er stolz. Das Problem ist nur, dass die Druckerei gerade 45 Plätze hat - es aber 1120 Gefangene gibt, die beschäftigt werden sollen. Wie Doncaster bleiben die meisten privaten Gefängnisse hinter den Zielvorgaben für sinnvolle Betätigung zurück. Alex, ein nervöser Junge Anfang 20, hatte Glück. Er arbeitet im Gefängnis im selben Büro wie die Serco-Angestellten. Weil er sich gut führte, darf Alex Mitgefangene über das Leben nach der Haft beraten. Inzwischen kennt er sich aus. Er weiß, wie man Sozialhilfe beantragt, welche Stellen Drogenberatung anbieten und wie man eine günstige Wohnung findet. "Ich bin viel selbstbewusster geworden", sagt er. Doch wer als Jugendlicher unter 21 in Doncaster war, kommt meistens zurück, sagt Rod MacFarquhar. Er ist der Gefängnisdirektor. MacFarquhar, ein unaufgeregter Mann, hat über 30 Jahre lang im staatlichen Gefängnisdienst gearbeitet, vor ein paar Jahren ist er zu Serco gewechselt - und fühlt sich wohler. "Es gibt weniger Regeln, weniger Vorgaben", sagt MacFarquhar. Und er sagt, er sei auch froh, dass er sich nicht mehr mit den Gewerkschaften und ihren Lohnforderungen herumärgern muss. Es klingt wie ein Vorstandsvorsitzender, der sich freut, wie gut er seine Fabrik in ein Billiglohnland verlegt hat. Wie viele seiner Angestellten haben schon mal in einem Gefängnis gearbeitet? "Neunundneunzig Komma neun Prozent haben überhaupt keine Erfahrung", sagt der Direktor. Die meisten der Angestellten in Doncaster lernen in acht Wochen ihren Job. Justizvollzugsbeamte brauchen zwei Jahre. Der Einstiegslohn der Angestellten liegt bei 15 000 Pfund im Jahr, etwa 22 000 Euro, das sind tausend Pfund weniger als im öffentlichen Dienst. Oft haben die privaten Angestellten weniger Urlaub und arbeiten länger als die Beamten. In Doncaster sind auch viel weniger Leute beschäftigt als in einem vergleichbaren staatlichen Gefängnis. Und das ist alles kein Problem? Rod MacFarquhar, der Direktor, sagt, es komme nicht auf Zahlen und Abschlüsse an, sondern auf die sozialen Fähigkeiten, die jemand mitbringe. Stephen Nathan von der Universität in Greenwich ist einer der wenigen unabhängigen Experten zu diesem Thema. Er veröffentlicht seit Jahren den "Private Prison Report". Er sagt, private Gefängnisse wirkten auf einen ersten Blick oft netter und die Mitarbeiter kumpelhafter. Doch das sei genau das Problem. Das Personal sei überlastet und habe die Häftlinge oft nicht im Griff. "In privaten Gefängnissen bestimmen die Häftlinge, was läuft",sagt Nathan. Doncaster mag das Aushängeschild von Serco sein, andere Gefängnisse der Firma laufen weniger reibungslos. Kilmarnock zum Beispiel. Die Anstalt hat einen Ruf als gewalttätigstes Gefängnis in Schottland. "Unerfahrenes, ungeschultes Personal lässt sich leicht von den erfahrenen Häftlingen manipulieren", warnte die staatliche Aufsichtsbehörde. Das Management eines Jugendgefängnisses, wurde Serco vorübergehend entzogen, weil dort die Gewalt außer Kontrolle geraten waren. "Die einzigen, die bisher in Großbritannien von der Gefängnis-Privatisierung profitiert haben, sind die Unternehmen", sagt Stephen Nathan. Sercos Tochterfirma Premier machte 1994 gut sieben Millionen Pfund Umsatz, fast zehn Jahre später hat sich der Umsatz für die Strafanstalten mehr als versechzehnfacht, knapp zehn Millionen Pfund davon sind Gewinn. Natürlich sind Unternehmen wie Serco nicht Schuld daran, aber es stört sie auch nicht, dass die britischen Gefängnisse so überfüllt sind wie nie. Je mehr Leute eingesperrt werden, desto mehr verdient man. Derzeit sitzen 74 700 Häftlinge ein, so viele wie noch nie. Verglichen mit der Gesamtbevölkerung werden nirgendwo in Westeuropa so viele Menschen eingesperrt wie auf der Insel. Früher war Großbritannien Schlusslicht der Statistik. Nun kann man wegen Handy-Diebstahl ein Jahr im Gefängnis landen. Als Direktor MacFarquhar vor dreißig Jahren im Gefängnisdienst anfing, gab es 30 000 Gefangene im Land. "Wir haben damals Gefängnisse geschlossen, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen." ------------------------------ "Es gibt weniger Regeln, weniger Vorgaben." Der Gefängnisdirektor ------------------------------ "In privaten Gefängnissen bestimmen die Häftlinge, was läuft." Ein Experte ------------------------------ Foto: Strafvollzug in Großbritannien. Verglichen mit der Gesamtbevölkerung werden nirgendwo in Westeuropa so viele Leute eingesperrt wie auf der Insel.

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