Eine Suchtklinik am Bodensee hält sich Lamas - zur Freude der Patienten: Weicher Entzug

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MÜNCHEN, 6. Juni. "Meine erste Therapie war eiskalt", sagt Andrea Kurz*, "die zweite, mit den Lamas, war warm und weich." Die 35-jährige Mutter eines Kindes hat eine Tortur hinter sich. Nach dem Freitod ihres Lebenspartners verfiel sie in Essstörungen, Alkohol- und Medikamentensucht. Abhängigkeiten, die sie längst überwunden glaubte. Drei Tage Koma machten ihr klar, dass sie zum zweiten Mal in ihrem Leben einen Entzug brauchen würde. Sie ließ sich in das Fachkrankenhaus für Frauen auf dem Höchsten am Bodensee einliefern. Eine Klinik mit einem außergewöhnlichen Konzept: Dort gehört es zur Therapie, dass die Patientinnen Meerschweinchen, Schafe und andere Tiere versorgen. Darunter sind auch die beiden Lamas Henry und Nestor. "Sie haben mir ins Leben zurückgeholfen", sagt Andrea Kurz. "Die Tiere haben mir das Vertrauen wiedergegeben." Sittiche, Schafe, Esel Lamas in einem Krankenhaus - eine ungewöhnliche Vorstellung. Schließlich kennen die meisten Menschen diese Tiere nur als unberechenbare Spucker aus dem Zoo oder dem Zirkus. Aber das ist ein Klischee, sagt die Münchner Tierärztin und Lamazüchterin Ilona Gunsser. "Lamas bespucken keine Menschen, sondern nur Artgenossen, um die Rangordnung zu klären", erläutert sie. "Es sind menschenfreundliche, intelligente und sensible Tiere." In den USA ist das schon lange bekannt. Die wolligen, weichen Lamas mit ihren sanften, dunklen Augen und ihre engen Verwandten, die Alpakas, sind dort beliebte Haustiere. Sie werden auch therapeutisch für kranke Menschen eingesetzt. "Es gibt bereits gute Erfahrungen bei Patienten mit Epilepsie, Hysterie, Autismus, Down Syndrom und bei suchtabhängigen Menschen", sagt der Sozialpädagoge und Lamazüchter Heiko Müller. Um die Tiere auch in Deutschland zu etablieren, bot der Verein der Züchter, Freunde und Halter von Neuweltkameliden dem Fachkrankenhaus auf dem Höchsten vor zwei Jahren Lamas als Therapiehelfer an. In Gruppen zu acht oder zehnt kümmern sich die suchtkranken Frauen hier etwa zehn Stunden pro Woche um Sittiche, Meerschweinchen, Schafe, Esel, Ponys und andere Tiere im Gehege. Sie füttern sie und misten ihre Ställe und Käfige aus, bürsten sie und gehen mit ihnen spazieren. "Dabei trainieren die Patientinnen Sorgfalt, Pünktlichkeit und den Umgang miteinander", erklärt Josef Straßer, Leiter des Tiergeheges. "Außerdem lernen sie, wieder Verantwortung zu übernehmen. Das Tier wird zu einem Medium, an dem sich die Kranke erproben kann, bevor sie zurückkehrt in die Gesellschaft." Mit den Lamas Henry und Nestor sind nicht nur zwei exotische Tiere dazugekommen. Damit hat sich auch ein ganz neuer Therapieaspekt erschlossen. "Anders als die Ponys stürmen die Lamas nicht auf die Frauen zu, wenn sie auf die Weide kommen. Sie bleiben einfach stehen und lassen den Menschen selbst über Nähe und Distanz bestimmen", beschreibt Josef Straßer. Genau das Verhalten, das den Suchtkranken in ihrer Entwicklungsgeschichte oft gefehlt hat. "Viele der Frauen kommen aus Familien oder Beziehungen, wo man ihnen keine Wahl ließ zwischen Nähe oder Distanz. Ihre Grenzen wurden brutal verletzt. Sie konnten sagen, was sie wollten, mit ihnen wurde einfach umgesprungen." Andere wurden mit Forderungen überhäuft und haben erlebt, dass an jede Form von Liebe immer eine Bedingung geknüpft war. Die Abhängigkeit, unter der die Frauen heute leiden, ist eine Folge dieser gestörten Beziehungen. "Ehrliches Feedback" Henry und Nestor dagegen reagieren direkt und echt auf die Signale, die sie von den Menschen empfangen. Vom Tier bekomme sie "das schnellste und ehrlichste Feedback", sagte eine Patientin einmal. "Wenn seine Pflegerin sich unsicher gibt, geht das Lama nicht mit ihr mit", erzählt Josef Straßer. "So merkt die Kranke, dass es im Umgang mit anderen Lebewesen auch auf sie und ihren Willen ankommt." Unbewusst lernen die Frauen auf diese Weise, Grenzen zu setzen, die ihnen vorher vielleicht nie zugestanden wurden. "Lamas haben sehr viel Gefühl für Menschen", sagt Andrea Kurz. "Wenn sie merken, dass jemand Angst vor ihnen hat, versuchen sie ruhig zu bleiben und kommen nicht näher. Beschäftigt man sich aber mit ihnen, dann sind sie sehr liebebedürftig und anschmiegsam. Manchmal stupsen sie einem dann mit der Nase ins Gesicht." Schmuseeinheiten, die der 35-jährigen Frau über viele Krisen während ihrer Therapie hinweggeholfen haben. "Wenn ich dachte, es geht nicht mehr, bin ich in den Stall gegangen und habe mich an eines der Lamas gekuschelt. Und das Problem wurde gleich kleiner." Weitgehend unerforscht Für Josef Straßer ist heute klar, dass er die beiden Lamas in seiner Arbeit nicht mehr missen möchte. "Henry und Nestor haben sich als hochwirksames therapeutisches Mittel erwiesen. Sie können selbst Frauen mit schwierigen psychischen Störungen helfen." Deshalb wünscht er sich, dass die Wirkung dieser Tiere bald auch in Deutschland wissenschaftlich erforscht wird. "Ich kann nur von meinen Beobachtungen ausgehen. Aber was dahinter steckt, davon wissen wir nichts." Andrea Kurz ist inzwischen aus der Klinik auf dem Höchsten entlassen und bereitet sich in einer so genannten Adaptions-Einrichtung auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vor. Sie arbeitet dort mit Behinderten und möchte später eine Lehre als Ergotherapeutin beginnen. Ein Beruf, in dem heute bereits mit Hunden, Pferden und anderen Tieren gearbeitet wird. Andrea Kurz* wünscht sich, dass es bei ihr Lamas sein können. Sie sagt über ihre Erfahrung im Umgang mit den Tieren: "Henry und Nestor fehlen mir ganz furchtbar." * Name geändert. Die Tierfamilie der Kameliden // Das Lama gehört wie seine Verwandten die Alpakas und das Guanaco zur Tierfamilie der Kameliden, zu der auch Dromedare und die Trampeltiere (Kamele) gehören. Als Lastenträger und Fleischlieferant werden die Lamas gehalten. Sie werden bis 1,20 Meter groß und wiegen bis 200 Kilogramm. In Europa ist das Lama meist nur in Tiergärten zu sehen. Eine Suchtklinik am Bodensee hat sich nun ebenfalls Lamas angeschafft. Das Krankenhaus hält zudem andere Tiere wie Schafe, Esel und Ponys. Das Konzept der Therapeuten lautet: Die Patienten sollen im Umgang mit den Tieren lernen, mehr Verantwortungsgefühl zu entwickeln. Diese Entwöhnungstherapie wird in den USA bereits seit längerem praktiziert.

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