28.04.2010

Eine Tagung in Gotha über das Ende der Bibliothek: Wer liest Wasserzeichen?

Von Reinhard Markner

Als der Apostel Paulus nach Ephesos kam, machte seine Werbetätigkeit unter Griechen wie Juden großen Eindruck. Von ihrer Bekehrung zum christlichen Bekenntnis legten wohlhabende Bürger der Stadt auf spektakuläre Weise Zeugnis ab. Sie räumten magische, jetzt also heidnische Lehrwerke, für die sie einmal 50 000 silberne Denare ausgegeben hatten, aus ihren Regalen und übergaben sie den Flammen. Neue Heilslehren gehen stets mit Anstrengungen einher, den Ballast des alten Wissens abzuwerfen. Der Konstanzer Universitätsbibliothekar Uwe Jochum, der vor zwei Jahren ein Buch über die "Sendung des Paulus" vorgelegt hat, sieht in der Vision vom weltumspannenden Netz der Information eine neue Eschatologie, welche die mediale Überwindung der Grenzen von Leiblichkeit und Lebenswelt verspricht. Wird ihr die Bibliothek, verstanden als klassische Büchersammlung, geopfert werden? Dieser Frage sollte eine von Jochum organisierte Tagung nachgehen, die soeben in Gotha abgehalten wurde. Jürgen Kaube, Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen", stellte zum Auftakt seine zerstreuten Beobachtungen zum Wandel des Leseverhaltens in den Geisteswissenschaften vor. Deren enormes Wachstum und fortschreitende Spezialisierung überfordere schon lange alle Beteiligten. Er selbst habe sein Studium der Soziologie die Fußnoten Niklas Luhmanns entlang betrieben, die eine wertende Sichtung der relevanten Publikationen in kompaktester Form boten. Heute hingegen herrsche das nichts mehr erhellende karrierestrategische Zitat und der pauschale Verweis: "siehe Habermas 1981". Orientierungshilfe im Informationsgestrüpp haben Bibliotheken traditionell nicht nur durch die Pflege von Sach- und Schlagwortkatalogen, sondern auch durch den Verzicht auf die Erwerbung minder wertvoller Literatur geboten. Roland Reuß, der Heidelberger Editionswissenschaftler, erinnerte an die Vorzüge der herkömmlichen Beziehungen zwischen mittelständischen Verlagen und eigenverantwortlich entscheidenden Bibliotheken. Dagegen stellte er eine Praxis der Forschungsförderung, die bisher schon eine hohe Zahl ergebnislos bleibender Projekte bedenkenlos abschreibt und heute die Autoren zwingen möchte, an Verlagen - und damit unabhängigen Kontrollinstanzen - vorbei zu publizieren. Die Digitalisierung der Textproduktion unterläuft die Vielfalt von Bibliotheken und Verlagen, indem wenige internationale Konzerne ganze Segmente ihrer Verlagsprogramme an große Bibliothekskonsortien verkaufen. Im Ergebnis ist an jedem Universitätsstandort ein nahezu identischer Datenbestand abrufbar. Eine Vereinheitlichung vollzieht sich aber nicht nur im Bereich der Novitäten, sondern erst recht auf dem Gebiet der Altbestände. Schon heute sind für jedermann Millionen urheberrechtlich nicht mehr geschützter Bücher im Netz frei zugänglich. Für die historisch gewachsenen Sammlungen bedeutet dies einen enormen Wertverlust. Michael Knoche, Direktor der Weimarer Amalienbibliothek, berichtete von den Bemühungen um die Wiederbeschaffung der beim Brand von 2004 vernichteten Bücher. Die technische Entwicklung hat sie überholt, denn soweit es um die Inhalte geht, sind die Digitalisate ja angemessener Ersatz. Die im Antiquariatshandel überhaupt noch zu beschaffenden alten Drucke haben ihnen gegenüber einen zweifelhaften Mehrwert, denn ihre individuellen Eigenschaften zeugen von je anderen Bücherschicksalen. Namenszüge oder Randbemerkungen früherer Besitzer signalisieren geradezu ihre Unzugehörigkeit zum Weimarer Bestand. Aus bisweilen übertriebener Sorge um die Originale werden die Benutzer nach Möglichkeit von ihnen fern gehalten und mit Mikrofilmen oder neueren Nachdrucken abgespeist. Die Forscher haben es meist gleichmütig hingenommen, weil das Buch in seinem Buchsein in der Regel eben doch nicht die Botschaft ist, auf die es ankommt. Welcher Philosoph studiert schon die "Critik der reinen Vernunft" im Erstdruck, "Riga, verlegts Johann Friedrich Hartknoch, 1781"? Wer hat sich jemals dafür interessiert, welche Wasserzeichen das Papier trägt, auf dem sie gedruckt wurde? Möglicherweise erfahren buchkundliche Fragestellungen gerade in dieser Zeit des beschleunigten Medienwandels eine Konjunktur. Für weite Bereiche der Forschung spielen sie jedoch, wie auch begeisterte Bibliophile zugeben sollten, keine nennenswerte Rolle. Die Volltextsuche bietet hingegen Möglichkeiten zur Durchforstung der schriftlichen Tradition, die auszuschöpfen die spannendste Aufgabe der heutigen Geisteswissenschaften ist. Die Musealisierung der historischen Bestände und die Befassung mit Büchern als archäologischen Objekten vermag nicht abzuwenden, was sie selbst sinnfällig macht: das Ende der Bibliothek als Informationszentrale. Längst aber hat das studentische Publikum der Lesesäle deren Umgestaltung selbst vorgenommen und sie in Räume des gemeinsamen Lernens verwandelt, deren Attraktivität nicht die in den Regalen abgestellten Werke ausmacht. Sie werden wenigstens so lange weiter Zulauf finden, wie die virtuelle Welt gleichwertige Orte der Konzentration und Kommunikation nicht bieten kann. ------------------------------ Längst hat das studentische Publikum der Lesesäle deren Umgestaltung selbst vorgenommen und sie in Räume des gemeinsamen Lernens verwandelt.

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