Eine Woche in Los Angeles ohne Auto - geht nicht, sagen alle. Ein Erfahrungsbericht aus U-Bahn und Bus: Und man bewegt sich doch

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LOS ANGELES. Es ist die Stadt der zwölfspurigen Freeways. Die Bewohner sitzen lässig hinter dem Steuer ihrer Hummer, Chevys und Chryslers. Der Großraum L. A. besteht aus 128 Städten; hier leben mehr als vierzehn Millionen Menschen, und sie besitzen ungefähr sechs Millionen Autos. Ohne Auto kann man hier nicht leben, das erzählen alle, wenn man nach L. A. will. Aber es ist falsch. Man kann auch mit dem Bus fahren. "Was, mit dem Bus?", sagt eine Freundin aus New York. "Damit fahren doch nur die Dienstmädchen." Sprich: die Latinos. Aber die Zeiten haben sich geändert. Los Angeles hat heute zahllose Busse, Minibusse, U-Bahnen, S-Bahnen und Shuttles, die niemanden gestrandet zurücklassen, und die mit 1,25 Dollar pro Fahrt sehr viel preiswerter sind als eine Tankfüllung. Und so ändern die Angelenos langsam ihre Gewohnheiten. Die Zahl der Passagiere in öffentlichen Transportmitteln ist im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent gestiegen, berichtet die Los Angeles Times. Die Stadt rührt die Werbetrommel für das Busfahren, überall werden neue U-Bahn-Strecken und Verlängerungen gebaut oder wenigstens geplant. Das Wichtigste ist Knowhow Eine autofreie Woche in L. A. sollte also möglich sein, wenngleich nicht vom ersten Tag an. Denn mein Flug landet erst abends um zehn, und das Hotel liegt in Long Beach, weit weg, auf einem stillgelegten Dampfer an einem abgelegenen Pier. So spät ist es gewiss schlauer, doch den Supershuttle zu buchen, ein Sammeltaxi, das 16 Dollar kostet. Das Treffen mit einer Rabbinerin am nächsten Morgen ist verabredet an der University of Southern California, nahe der Downtown. "Wie Sie mit dem Bus hierher kommen, weiß ich leider auch nicht", sagt die Rabbinerin am Telefon. "Aber es soll eine Art Tram vom Hauptbahnhof geben, der Union Station, habe ich gehört." Zum Glück sind die Verkehrsbetriebe von Los Angeles im Internet gut präsent, und man kann sich die Route ausdrucken. Überdies verfüge ich, noch vom letzten Besuch, über eine Karte vom Busnetz. Die gibt einem die Tourismus-Information in Hollywood, aber nur, wenn man mindestens drei Wochen bleibt. Deshalb hüte ich die Karte wie Frodo den Ring. Als erstes steige ich in den Passport, einen kostenlosen Minibus, der vier Routen in Long Beach bependelt. Fast alle Mitfahrenden sind Touristen. Also Weiße. Nur die Fahrerin ist schwarz. Leider hat der Passport, so ist zu lesen, Probleme: Wegen der gestiegenen Benzinpreise kostet er die Stadt ein Vermögen. Der Passport bringt einen zur Transit Mall, hier fährt die Blue Line, eine Tram, in die Innenstadt. Die Blue Line ist tatsächlich voller Latinos, kein Wunder in einer Stadt, in der die Hälfte der Einwohner aus Mexiko und Südamerika kommt. Der Nebenmann spielt laut Reggaemusik auf seinem iPhone. Ohne Kopfhörer. Nach einer Dreiviertelstunde steige ich in den Metrobus zur Universität um. An der University hält auch der Dash, ein privater Minibus, der Routen im Viertel abdeckt. Er kostet 25 Cents. Im Dash kommt man auch nach Downtown L. A., zur Markthalle. Der nächste Dash fährt nach Little Tokyo. Am nächsten Tag ist ein Treffen mit einem Filmemacher vorgesehen, vielleicht in Santa Monica, vielleicht in Malibu, das ist weit, weit weg von Long Beach. Als ich in der Downtown die Blue Line verlasse, ruft der Assistent des Filmemachers an: Der Termin ist am Sunset Boulevard, in Hollywood. Auch gut. Flugs geht es in den Untergrund, zur Red Line, die nach North Hollywood fährt. Die Red Line wirkt ein wenig wie die U-Bahn in Moskau, bloß neuer: Marmor, Granit und Chrom, lange, steile Rolltreppen, makellos sauber. Essen, Rauchen, Trinken, Skaten, Krach machen und alles andere sind verboten, bei 250 Dollar Strafe. Gelegentlich schauen richtige Sheriffs vorbei. Überwachungskameras gibt es sowieso. Im Waggon predigt ein dunkelhaariger Mann, sehr laut, in einer völlig unverständlichen Sprache, ab und zu stößt er "Terrorists!" und "Peace!" hervor. Ein Mexikaner guckt peinlich berührt zur Seite. Ein alter Mann liest ein Kulturmagazin über Berlin. Auf Englisch. Der Filmemacher ist dann erstaunt, dass ich kein Auto habe, aber ich sage, ich mache eine Recherche über die U-Bahn. In L.A. Nach drei Tagen Long Beach ziehe ich zu einer Bekannten nach Los Feliz um. Los Feliz ist ein entzückendes Villenviertel im Norden, in der Nähe von Little Armenia und Universal City. Ein Bus fährt dorthin, aber nur in der Rushhour. Und so laufe ich von der U-Bahnstation Vermont und Sunset eine halbe Stunde zu Fuß die Vermont Avenue hoch, in der kalifornischen Sonne. "Alle haben hier ein Auto", sagt meine Gastgeberin bedauernd. Mein nächster Besuch gilt Culver City im Westen, da liegt ein Wende-Museum, das der Berliner Mauer gewidmet ist. Die Vermont Avenue hinunter fahren Rapidbusse, die nur an wichtigen Kreuzungen stoppen, und Metrobusse, die an jeder Ecke halten, leider merke ich das erst, als ich im Metrobus sitze. Als der Metrobus durch Koreatown zuckelt, füllt er sich mit Koreanern. Neben mir sitzt ein Pärchen mit einem Baby, die junge Frau gibt dem Baby die Brust. Das gäbe es in New York nicht. An irgendeiner Ecke mit einem McDonalds steige ich um, in einen der grünen Culver-City-Busse. Bloß, bis ich das Museum finde, irre ich noch mal eine halbe Stunde zu Fuß durch die Gegend. Am letzten Tag gönne ich mir den Strand von Santa Monica. Meine Bekannte nimmt mich mit dem Auto zum Bus mit, leider nicht zum Rapid an der Vermont Avenue, sie setzt mich, weil sie es eilig hat, an einem gottverlassenen Freeway im Niemandsland aus. Was nun? Eine Bushaltestelle ist da, aber leider kein Schild, ob und wann tatsächlich ein Bus kommt, und die Auskunft von Metrolink reagiert nicht auf Anrufe einer New Yorker Handynummer. Ich beginne schwitzend zu laufen, in der Ferne verschwimmen die Hochhäuser der Downtown wie eine Fata Morgana, und der Bus überholt mich. Ich kriege aber den nächsten, der mich zur Purple Line bringt. Die Purple Line sollte ursprünglich Santa Monica erreichen, sie hört aber bereits nach drei Stationen unvermittelt an der Western Avenue auf, weil der Kongressabgeordnete Henry Waxman aus Santa Monica damals, vor zwanzig Jahren, den Bau stoppte. Angeblich gab es gefährliche Gasvorkommen im Untergrund, vielleicht wollten die Bewohner des schicken Vororts Santa Monica nicht, dass Dienstmädchen und Obdachlose mit der U-Bahn zum Meer fahren. Heute hätten sie gerne eine U-Bahn in die Stadt, aber die Bundeszuschüsse sind verfallen. Dicht am Puls des Lebens Immerhin fährt ein Rapid nach Santa Monica, sogar alle paar Minuten. Er ist bereits voller Menschen, Latinos, Touristen, ein paar Späthippies. Ein Rollstuhlfahrer gerät mit einem Mexikaner in Streit über Platzfragen. Immer voller wird der Bus während der einstündigen Fahrt, dann steigen noch zwei junge Männer mit Surfbrettern zu. Und eine schwarze Frau mit zwei entzückenden bezopften Mädchen, die mich schubst. "Tschuldigung", raunzt sie. "Aber ich bin in der Menopause". "Ja, seit zwölf Jahren", seufzt eines der Mädchen. Als ich nachts wieder an der Vermont Avenue ankomme, steht da doch wahrhaftig, an einer Tankstelle, ein gelbes Taxi. Fast wie in New York! Sieben Dollar später bin ich bei meiner Bekannten am Pool. Am nächsten Tag steht die Rückreise zum Flughafen an. Natürlich könnte ich die Red Line nehmen, in der Downtown in die Blue Line umsteigen und dann über die Green Line und den G Shuttle nach LAX gelangen. Aber ich entscheide mich für einen Schnellbus, der ab Union Station fährt und nur dreißig Minuten braucht. Auf dem Freeway. Dafür sind die also da. ------------------------------ Stadt der Straßen Karte: Das Stadtgebiet von Los Angeles erstreckt sich 71 Kilometer in Nord-Süd-Richtung und 47 Kilometer in Ost-West-Richtung. Es ist durch ein System von Schnellstraßen (Freeways, Stahl- und Betonkonstruktionen) miteinander verbunden. Die Region weist die größte Kraftfahrzeugdichte der Welt auf, Auto- und Industrie-Abgase sind zu einem drängenden Umweltproblem geworden. Los Angeles gehört zu den Städten mit der größten Smog-Belastung in den USA. ------------------------------ Foto: Passagiere steigen in einen Zug der Straßenbahnlinie Blue Line, die Long Beach mit der Innenstadt verbindet

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