Enthüllungsjournalismus unter Chefredakteur Stefan Aust: "Spiegel"-Redakteure sind verunsichert: Freund und Feind

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Stefan Aust ist genervt. Der "kleine König", wie "Spiegel"-Redakteure ihren Chefredakteur mit Rücksicht auf ihren "großen" Herausgeber Rudolf Augstein nennen, reagiert auf Kritik gereizt. Die CDU- Affäre verschlafen? Aust schnellt hoch, eilt von der Sitzecke in seinem Büro zur großen Schautafel mit den aufgeklebten kleinen Titelseiten und der Auflagenkurve und will das Gegenteil beweisen. Der Vorwurf trifft ihn. Das wird in dem Gespräch mit der "Berliner Zeitung" deutlich, in dem Aust über Enthüllungsjournalismus und Interessenskonflikte befragt wird. Der 53-Jährige antwortet ausweichend, gereizt und schimpft nach kurzer Zeit nur noch über die Fragen, statt darauf zu antworten. Später weigert er sich, das Gespräch zu autorisieren. Er gibt den Wortlaut nicht zum Abdruck frei. Heute vor dem Presserat Dabei gäbe es einiges zu sagen. Kritisiert wurde Aust in der jüngsten Vergangenheit vor allem wegen der Recherche zur Flugaffäre in Nordrhein-Westfalen. NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) wirft dem "Spiegel" vor, "eine Art Kopfgeld" auf ihn und seinen Amtsvorgänger Johannes Rau ausgesetzt zu haben. Immerhin hat der "Spiegel" einer Informantin 100 000 Mark gezahlt. Weitere 150 000 Mark soll das Magazin für Details über Clement und Rau geboten haben, sofern die beiden "geschasst" würden, erzählte ein Zeuge dem Untersuchungsausschuss. Aust bestätigte die Stückelung des Honorars, wehrt sich aber gegen den Begriff Kopfgeld. Man habe nur eine Ware beschrieben, sonst nichts. "Ich denke, dass diese Vorgehensweise korrekt ist", schrieb Aust an Clement. Am heutigen Dienstag will der Presserat untersuchen, "ob das monierte Honorar tatsächlich an Wirkungen gebunden war und damit womöglich gegen publizistische Grundsätze verstoßen hat", wie Presserats-Geschäftsführer Lutz Tillmanns sagt. Clements Pressechef Joachim Neuser wundert sich indes, warum der "Spiegel" dem Untersuchungsausschuss zwar alle seine Unterlagen zur Verfügung gestellt habe - nur den Vertrag mit der Informantin nicht. Natürlich wäre es das Einfachste, die Vorwürfe zu entkräften, wenn der "Spiegel" den Vertrag offen legte. Davon will Aust jedoch nichts wissen, und so sind selbst innerhalb seiner Redaktion Zweifel an seiner Version aufgekommen. Als sich Clement bei Herausgeber Augstein beschwerte, spielte Aust den Ahnungslosen. Er habe den Vertrag nicht gekannt und sei im Übrigen zur fraglichen Zeit gar nicht da gewesen. Aust gab ein Rundschreiben raus und wies an, dass künftig jeder Vertrag über seinen Schreibtisch zu gehen habe. In der Redaktion ist man sich freilich sicher, dass Aust über alle Details informiert war. Ursprünglich habe er sogar selbst zu den Vertragsverhandlungen nach Düsseldorf fliegen wollen, heißt es in Austs Umgebung. Erst später, als es Ärger gab, habe Aust auf seinen Indien-Urlaub verwiesen. Seitdem entschuldigen Redakteure ihre Missgeschicke mit den Worten: "Ich war in Indien." Dass Augstein nicht glücklich ist über die Flugaffären-Recherche, zeigte sich neulich, als der Herausgeber in die Konferenz kam und Wichtiges mitzuteilen hatte. Es gebe da ein neues Buch, demzufolge ihn Hildegard Knef vor langer Zeit abgewiesen habe. Er wolle nur sagen, dass dies falsch sei. Ach ja, und außerdem solle die Redaktion den Bundespräsidenten in Ruhe lassen. Ob Aust davon beeindruckt war, ist nicht überliefert. Er strotze nur so vor Selbstbewusstsein, seit er im Herbst 1999 sogar einen versuchten Rausschmiss durch Augstein überlebt hat, heißt es in Hamburg. "Ich halte an ihm fest, weil er in meinen Augen der Beste ist", sagte Augstein nach dem Vorfall. "Aust ist ein Wirbelwind und bringt frische Luft, ein Aufreißer mit großem Temperament. Und das alles bin ich ja nicht mehr. Insofern brauchen wir ihn, und er weiß das." Tatsächlich geht es dem "Spiegel" wirtschaftlich sehr gut. Wenn Politiker über Schweinejournalismus und Hetzjagden der Medien klagten, störe sie in Wirklichkeit die Unberechenbarkeit des Enthüllungsjournalismus, schreibt der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg. Das Vertrauen darauf, dass der "Spiegel" weder Freund noch Feind kennt, macht die Enthüllungsarbeit erst möglich. Das allerdings, sagen altgediente "Spiegel"-Leute, sei unter Aust nicht immer gewährleistet. Aust habe die Redaktion verunsichert, weil er nicht für Leser und Betroffene, sondern auch für die eigenen Redakteure unberechenbar sei. Manches Thema werde gar nicht vorgeschlagen, weil man von Aust wenig Verständnis erwarte oder mangelnde Vertraulichkeit fürchte, sagt ein Reporter. "Wir haben beim Schreiben doch längst eine Schere im Kopf und fragen uns: Geht das oben überhaupt durch?" Aust zeige zum Beispiel (zu) große Nähe zu VW-Chef Ferdinand Piëch und zu Telekom-Chef Ron Sommer, sagen "Spiegel"-Leute und Beobachter außerhalb des Hauses. Aust habe den Großkunden T-Online "bewusst hofiert", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" vor einem Jahr und sah die Unabhängigkeit des Magazins "in Gefahr". Mit Unbehagen erinnern sich Mitarbeiter daran, dass Aust einen Reporter wegen eines Berichtes über massive Kritik des Aufsichtsrates an Telekom-Chef Ron Sommer unter Druck setzte. Als VW eine Firmenhalle bei Dresden einweihte, waren Journalisten peinlich berührt, als Aust einen Pressesprecher bat, ob er denn nicht vor die Absperrung zu Piëch und Kanzler Schröder dürfe. Misstrauisch beobachten "Spiegel"-Leute das enge Verhältnis von Verlagsmanager Werner E. Klatten zu Stefan Aust. Klatten gilt als Mann, dem Anzeigenaufträge vor journalistische Glaubwürdigkeit gehen. "Ich habe Klattens Wirken als Anschlag auf die innere Pressefreiheit empfunden", sagte Austs Vorgänger Hans Werner Kilz, heute Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung". Klatten habe ihm nahe gelegt, über Produkte von Anzeigenkunden zu berichten. Klatten tat den Vorwurf als "nicht nur falsch, sondern auch dämlich" ab. Altgediente "Spiegel"-Leute bestätigen jedoch Kilz Darstellung. Zudem werfen sie Aust vor, zu viele freundliche Texte zu drucken. Kurz nachdem das "Manager Magazin" erstmals über die hohen Schulden des Leo Kirch berichtet hatte, brachte der "Spiegel" eine schöne Geschichte über den unermesslichen Wert von Kirchs Filmvorrat ("Das Öl des 21. Jahrhunderts"). Verwunderung gab es auch über ein ungewöhnlich ausführliches Firmenporträt von Bertelsmann, das für "Spiegel Spezial" konzipiert war, aber auf Weisung Austs ins wöchentliche Heft kam. Die Geschichte hat Siemens-Chef Heinrich von Pierer so sehr beeindruckt, dass er Journalisten fragte, was er denn tun müsse, um auch so freundlich behandelt zu werden. Im Interview mit der Zeitschrift "GQ" klingt es sehr schön, was Aust zum Verhältnis von Geld und Journalismus sagt: "Dass ein großer Kunde die Anzeigen kündigt, muss man riskieren, und das macht manchmal sogar sehr viel Spaß, wenn man denen auch deutlich macht: Ihr seid hier Kunden. Wir sind bei euch auch Kunden. Wir telefonieren bei euch und fahren eure Autos. Aber: Die Redaktion ist unabhängig. Damit müsst ihr leben." Werbung für die Telekom Dass ihm manche seiner eigenen Leute nicht ganz glauben, liegt an einer Reihe von Vorfällen: Auf Austs Betreiben hin war ein wohlwollender Bericht über ein Forschungslabor der Telekom in die Cebit-Beilage aufgenommen worden. Im selben Heft wurde eine als Anzeige gekennzeichnete CD-Rom der Telekomtochter T-Online auf dem Titel als eigene Serviceleistung angepriesen. Werbung auf dem Titel - das war ein Novum beim "Spiegel", das später vom Verlag kleinlaut als "Versehen" bezeichnet wurde. In einer Auswahl der 20 wichtigsten Personen des Internet-Zeitalters war neben weltbekannten Managern wie Bill Gates (Microsoft) und Jerry Yang (Yahoo) auch Wolfgang Keuntje aufgelistet. Es gab keinen Grund, den unbekannten Chef von T-Online aufzunehmen - außer man wollte der Telekom Gutes tun. Aust kontert solche Vorwürfe mit dem Hinweis, immerhin habe er die Doping-Vorwürfe gegen das Telekom-Radteam veröffentlicht. Damit sei seine Unabhängigkeit doch bewiesen. Intern heißt es dagegen, Aust habe die Geschichte voreilig ins Blatt genommen, um seine Unabhängigkeit zu demonstrieren. Ein wirklich unabhängiger Chefredakteur hätte klar gesagt, dass der Bericht noch zusätzlicher Recherchen bedürfe. Die Telekom hatte gegen den "Spiegel" geklagt, im Februar einigten sich die Parteien außergerichtlich: Dem Vernehmen nach musste sich der "Spiegel" entschuldigen und alle Vorwürfe zurücknehmen. Konfrontiert man ihn mit seinen Interessenskonflikten, weicht Aust aus. Als er eine Besprechung von Sabine Christiansens Talkshow in Auftrag gab, wurde es ein Verriss. Das hat natürlich nichts damit zu tun, dass "Spiegel TV" zur gleichen Sendezeit auf einem Konkurrenzkanal läuft und der Geschäftsführer von "Spiegel TV" Stefan Aust heißt. Drei der Besten gingen Aust ist kein Diplomat, der kleine Fehler zugibt, um große zu überspielen. Würde er seine Mitarbeiter ähnlich vehement gegen Anfeindungen von außen verteidigen wie sich selbst, wäre er der Wunsch-Chefredakteur aller Enthüllungsjournalisten, sagen Redakteure im Haus. Stattdessen konnte die Redaktion dem Wirtschaftsdienst "Dossier B" entnehmen, wie Aust beim "Spiegel"-Gespräch mit Ferdinand Piëch stumm dabei saß, als der VW-Chef einen Redakteur 20 Minuten lang wegen einer (korrekten) Meldung beschimpfte. Auf die Beobachtung, sein Blatt habe in der CDU-Spendenaffäre oftmals den Enthüllungen der "Süddeutschen Zeitung" hinterhergehinkt, reagiert Aust besonders gereizt. Der "Spiegel" habe "nach wie vor die besten investigativen Journalisten", hat er der "Welt am Sonntag" gesagt. Und sich korrigiert: "Oder vielleicht besser gesagt: die meisten von den Besten." Mit Hans Leyendecker, Richard Rickelmann und Klaus Wirtgen arbeiten drei der Besten aber nun bei der Konkurrenz. Während Aust sagt, manche verließen den "Spiegel" nicht ganz freiwillig, stellten dieses aber hinterher anders dar, betonen alle drei, sei hätten den "Spiegel" auf eigenen Wunsch verlassen. Wegen Aust. Rickelmann und Wirtgen werfen Aust vor, den ehemaligen Kanzleramtsminister Bobo Hombach grundlos geschützt zu haben. Hombach soll beim Bau seines Privathauses Vergünstigungen kassiert haben. Als Aust die Vorwürfe ohne Zustimmung der Autoren abschwächte, kehrten sie dem "Spiegel" den Rücken. Leyendecker hat Aust nie verziehen, dass er einen Informanten öffentlich machte, dem Leyendecker Vertraulichkeit versprochen hatte. Dass der Chefredakteur die Abmachungen des eigenen Mitarbeiters bricht, registrierten Reporter im Hause mit Kopfschütteln. "Wir haben beim Schreiben doch längst eine Schere im Kopf und fragen uns: Geht das oben überhaupt durch?" Ein "Spiegel"-Mitarbeiter über das Verhältnis zur Chefredaktion ACTION PRESS Heute will der Presserat prüfen, ob der "Spiegel" gegen publizistische Grundsätze verstoßen hat. Chefredakteur Stefan Aust weist die Vorwürfe zurück.

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