Er ist zwanzig, der Sohn eines berühmten Mannes und heißt Rudi-Marek Dutschke. Er kam aus Boston nach Berlin und streitet für die 68er: Im Namen des Vaters

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BERLIN, im Januar. Als Rudi-Marek Dutschke in Boston in ein Flugzeug stieg, da ahnte er noch nicht, dass die Maschine ihn in eine vergangene Zeit fliegen würde, dass er in einer Zeitmaschine saß. Sein Ziel war eigentlich das neue Berlin, in dem die Grünen alt geworden sind, die Republik regieren und Anzüge tragen. Im September vergangenen Jahres kam Dutschke hier an, ein amerikanischer Student, der gebeten hatte, ein Praktikum in der Bundestagsfraktion der Grünen absolvieren zu dürfen. Er begann in der Poststelle. Und das Erste, was den anderen in der Poststelle auffiel, war, dass er lange bleiben wollte, ein ganzes Jahr in der Fraktion. Er hatte mehr zu sortieren als die Post. Er wollte wissen, was von der Geschichte seiner Familie geblieben ist, welchen Klang der Name Dutschke hat. In Deutschland. Er suchte nach dem Echo seines Vaters, eines Mannes, den er nie erlebt hat, weil Rudi Dutschke 1979 starb, bevor sein jüngster Sohn geboren wurde. Vertraute Züge Das Flugzeug hatte den Jungen aus Boston an einem freundlichen Ort abgesetzt. "Der Sohn von Rudi, das ist gut", sagten die Leute in Berlin, in der Poststelle, in der Fraktion. Sie hatten ihn gleich erkannt, weil sie in seinem Gesicht die Züge des berühmten Vaters wiederfanden, die schräg stehenden Augen, das dreieckige Kinn und die große, gerade Nase. Der Junge hörte gute Geschichten, tagsüber in der Fraktion und abends in einer Villa in Berlin-Dahlem, wo ein Freund seines Vaters ihm ein Zimmer überlassen hatte. Manchmal spielte er mit den Grünen Fußball. Rudi-Marek Dutschke, zwanzig Jahre alt, Germanistik-Student der University of Massachusetts, hätte die Zeit in Berlin langweilig werden können. Er war zwar mittlerweile von der Poststelle in die Pressestelle gewechselt, aufregender aber war es nicht geworden. Dann, ganz plötzlich, trat ein anderes Prominenten- Kind eine alte Geschichte los, zog Deutschland in die Vergangenheit und schob Rudi-Marek Dutschke fest an die Seite seines Vaters, unmittelbar in eine andere Zeit. Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl hatte alte Bilder von Joschka Fischer gefunden, präsentierte die Republik in Schwarz und Weiß. Fischer musste sich vor dem Bundestag erklären und es war kein Zufall, dass ein paar hundert Meter entfernt, in der Pressestelle der Grünen, Rudi-Marek Dutschke vor dem Fernseher saß. Er war gebannt; er sah, wie der Minister versuchte sich zu erklären, er glaubte, dass es der aufgeregten Opposition um mehr ging. Um 1968, um seinen Vater, den er nie kennen gelernt hatte. Als die Debatte endete, zog sich Dutschke die Jacke an und sagte seinen Kollegen, er fühle sich angegriffen. "Das kann man mit meinem Vater nicht machen." Dann ging er. Dutschke war wütend, er saß in der Bahn nach Dahlem und konnte an nichts Anderes mehr denken. Bilder des Vaters kreisten in seinem Kopf: der Studentenführer, der Mann, dem die Demonstranten gefolgt waren. Damals. Zu Hause angekommen setzte sich der Sohn an den Computer, schrieb einen Protestbrief, schickte den Entwurf noch in der Nacht an seine Freunde von den Jungen Grünen; die setzten ihr Logo auf das Schreiben, gaben es in den Presseverteiler. Am nächsten Morgen fiel das Papier aus den Faxgeräten einiger Zeitungsredaktionen: "Die Generation der 68er ist in der Aktuellen Stunde des Bundestags von der CDU/CSU auf die Anklagebank gesetzt worden. Es ging um die erfolgreiche Kulturrevolution der 68er. Es schmerzt mich persönlich am allermeisten, dass mein Vater an dieser Debatte nicht mehr teilnehmen kann, da er die 68er-Bewegung verkörpert hat wie kein anderer. Die Bewegung, für die mein Vater gelebt hat und für die er gestorben ist, darf nicht auf diese Weise angegriffen werden." An diesem Tag in Berlin fand Rudi Dutschke seinen stärksten Verteidiger. Seinen Sohn. "Wieso?" hatte Rudi Dutschke gefragt, als ihm seine Frau Gretchen 1979 sagte, dass sie zum dritten Mal schwanger sei. Es war eine ziemlich blöde Frage, so schreibt es auch Gretchen Dutschke in ihren Erinnerungen. Sie erzählt, wie sie darüber diskutierten, ob sie das Kind bekommen sollten, ob sie es zu fünft mit dem bisschen Geld schaffen würden. Ihr Mann zweifelte. An diesem Abend sah Gretchen Dutschke auf dem Schreibtisch ihres Mannes einen seiner Artikel, einen Nachruf auf den österreichischen Kommunisten Franz Marek. "Marek, das ist ein schöner Name für unser Kind", sagte sie. Er war erstaunt, sagte aber dann: "Ja. Das finde ich eine gute Idee." Damit war die Sache entschieden, schreibt Gretchen Dutschke in ihren Erinnerungen. Der Ruf, die Ehre Zwanzig Jahre später sitzt Rudi-Marek Dutschke in einem Café in der Berliner Mitte. Er trägt Pullover, Jeans und schaut einem fest in die Augen. Auf die Frage, ob er sich zu einem Gespräch treffen wolle, hatte er am Telefon kurz gelacht und schließlich gesagt: "Ich glaube, für Rudi wäre das gut." Er meinte den Vater. Als er zu erzählen beginnt, spricht er von seiner Mutter. Gretchen Dutschke. Er redet mit einem ganz leichten amerikanischen Akzent und er versucht zu erklären, wieso er ohne einen Zweifel an die Seite seines Vaters gerückt ist; in diesen Tagen, da es so scheint, als erlebe Deutschland 1968 noch einmal neu, weil Joschka Fischer ein paar Jahre später auch noch kämpfen wollte. "Meine Mutter hat mir den Gefallen getan, mich nicht zu bedrängen mit Rudi und den politischen Sachen, die er gemacht hat", sagt Dutschke. Dass ihm gefällt, was sein Vater getan hat, das habe er selbst entdeckt. Und vielleicht ist das ja auch ein Grund dafür, dass es ihm so gefällt. "Ich kenne viele Eltern aus der 68er-Generation, die ihren Kindern sagen: Wir haben so viel verändert, wieso tut ihr nichts?" sagt Dutschke. Dann sagt er: "Meine Mutter hat das nie verlangt." Er hat mit ihr in Dänemark, in Boston, ein paar Jahre in Hamburg und wieder in Boston gelebt. Und im vergangenen Sommer, da hat er sich gesagt, dass es nicht verkehrt wäre, für eine Zeit nach Berlin zu gehen. "Gut, dass ich gerade jetzt hier bin", sagt Rudi-Marek Dutschke, "ich habe nicht erwartet, dass ich die Ehre meines Vaters verteidigen muss." Das klingt groß. Wie der Name. "Ich bin der einzige Dutschke hier, und das gibt mir schon ein Recht zu reden", sagt er. Und wenn ihm einer antwortet, du warst doch damals gar nicht dabei? "Da kann ich nicht widersprechen." Er ist zwanzig, er kann kichern und schüchtern sein, aber er kann auch starke Worte über die Studentenbewegung vor drei Jahrzehnten in den Computer tippen, und er kann überraschen. Weil er von der "geglückten Kulturrevolution" in Deutschland redet; und ein paar Minuten später Bettina Röhl versteht. Er sagt dann: "Ich wäre auch sauer, wenn meine Mutter und mein Vater in den bewaffneten Kampf gezogen wären, nicht auf mich aufgepasst und mich nicht erzogen hätten, aber meine Mutter war immer für mich da." Er weiß wohl, er hatte Glück. Spät geboren und weit weg aufgewachsen in Amerika, wo sich keiner für diese Geschichte interessiert. Wahrscheinlich ist es so, dass Rudi-Marek Dutschke mit einem festen Bild der Revolution groß geworden ist, mit dem Bild seines Vaters, das sich nicht mehr bewegt hat und an dem er heute niemanden rütteln lassen will; weil er gerade erst dabei ist, die Größe dieses Bildes für sich zu entdecken. "Ich bin stolz auf meinen Vater, das ist klar, weil er eine herausragende Persönlichkeit war, weil er etwas bewegt hat in Deutschland." Kürzlich hat Dutschke erlebt, wie Joschka Fischer in der Grünen-Fraktion erzählte, dass es stimmt, dass die Terroristin Margrit Schiller in dem Frankfurter Haus übernachtet hat, in dem Fischer lebte. Dann aber sagte der Minister, dass Rudi Dutschke auch mal da war. Wie zum Beweis des Guten. Und sein Sohn hat gespürt, wie die Leute aufatmeten, als der Name des Vaters fiel. "Die Revolte hat uns alle davon befreit, als brave Biedermannbeamte aufzuwachsen", schreibt Rudi-Marek Dutschke in seinem Protestbrief. Uns alle. "Man kann die Leute doch nicht dafür angreifen, dass sie damals mutig waren", sagt er am Abend im Café, "die mussten doch damit rechnen, keine Arbeit zu kriegen, ihren Doktor nicht machen zu können. Sie haben aus Überzeugung Nein gesagt, an etwas geglaubt und alles aufs Spiel gesetzt, das kann man doch nicht verurteilen." Am Ende dieses Satzes hebt er die Stimme ein wenig und dann steht da doch ein kleines Fragezeichen. Joschka Fischer trägt heute einen Siegelring, das ist Rudi-Marek Dutschke aufgefallen. So wie das Wort des Ministers, er sei einer Großmetzger-Dynastie entsprungen. Ein Witz. Dutschke sagt: "Fischer war im Grunde kein 68er. Man muss schon differenzieren." Für einen Zwanzigjährigen ist das ein erstaunlicher Satz, und doch ist er nur der erste Teil einer freundlichen Abwägung. "Die Opposition schmeißt heute alles zusammen, 1968 und Fischer und deshalb muss man auf die Verteidigung Fischers gehen, wenn man 1968 verteidigen will. Ich habe in dieser Sache keine andere Wahl, als ihn in Schutz zu nehmen." Taktik nennt Dutschke das. Kennt er die Schriften seines Vaters? "Sie sind schwer zu lesen", sagt der Sohn. Vor der Kamera Irgendwann hat ihm einer erzählt, warum Rudi Dutschke gut reden konnte. "Er wollte Sportreporter werden und das hat er geübt, hat die Spiele für sich allein kommentiert." Als Rudi-Marek Dutschke in der Nacht nach Fischers schwerer Stunde im Bundestag den Protestbrief schrieb, wollte er schnell sein mit seinem Kommentar. "Aktualität ist wichtig", hat er sich gesagt. Und dann ist er doch wieder im Jahr 1968 gelandet. Nicht allzu viele Grüne haben gleich mitbekommen, dass Dutschkes Sohn mit einer Erklärung angetreten ist, die 68er und Fischer zu verteidigen. "Ja, die Grüne Jugend ist nicht so stark. Man wird nicht ernst genommen, die 68er-Generation, die hält ja nichts von der Jugend, die denkt, die taugt nichts." Auch das steht zur Debatte. "Ich hoffe, dass Rudi heute nicht so denken würde", sagt Dutschke. Er macht eine kurze Pause. Und dann erzählt er, dass er im Pressebüro der Grünen-Fraktion immer die Artikel nach oben legte, in denen der Name seines Vaters vorkam. Noch bevor er den offenen Brief geschrieben hat. "Es ist ja noch nicht lange so, dass ich nach meiner Meinung gefragt werde." Am Morgen nach dem Gespräch im Café steht Rudi-Marek Dutschke vor einer Kamera des Zweiten Deutschen Fernsehens. Er wurde 1980 geboren und gehört jetzt zu den "Kindern der Revolte"; so hat das Magazin Aspekte den Beitrag genannt, für den er ein paar Worte sagen soll. "Zum ersten Mal äußert sich Marek Dutschke in der Debatte .", wirbt das ZDF. Ein Dutschke will Joschka Fischer verteidigen; er geht die Sache dann aber doch grundsätzlicher an, im Fernsehen. "Die Gewaltfrage damals ist ja ein sehr großes Thema gewesen", sagt er, "Gewalt gegen Sachen, Gewalt gegen Menschen. Ich befürworte einen friedlichen Protest, weil man sich mit der Ausübung von Gewalt auf die gleiche Stufe herabsetzt, wie die, gegen die man kämpft." Am Nachmittag, als das Fernsehteam wieder verschwunden ist, da sagt er, dass er sich fest vorgenommen hat, Joschka Fischer, den alten Bekannten des Vaters, einmal zu treffen. Das ist ihm noch nicht gelungen in diesen Monaten in Berlin. "Ich würde gerne mit ihm reden, aber es ist schwer, er hat immer Leibwächter dabei", sagt Rudi-Marek Dutschke. Er ist wieder in der Gegenwart. BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING "Gut, dass ich gerade jetzt hier bin. " Rudi-Marek Dutschke studiert Germanistik in den USA, er kam nach Berlin, um ein Praktikum zu absolvieren.

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