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Erstmals lassen die Wiener Philharmoniker eine Frau als Konzertmeisterin zu: Albena Danailova: Oder glauben Sie, ich sei ein Mann?

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So etwas gab es noch nie: mit Albena Danailova wird erstmals eine Frau Konzertmeisterin beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Dazu ein Gespräch über frauenresistente Orchester, geschlechtsspezifisches Musizieren und Wienerischen Klang. Frau Danailova, ihre Wahl zur Konzertmeisterin des Wiener Staatsopernorchesters und damit auch der Wiener Philharmoniker wurde von der Wiener Presse als "politischer Entscheid" abqualifiziert. Wird Ihre künstlerische Leistung dadurch gering geschätzt? Ach, die Presse schreibt viel. Ich habe in Wien zwei Probespiele absolviert und beim zweiten Mal einfach sehr gut gespielt, noch besser als beim ersten Mal. Die Jury hat aufgrund meiner Leistung entschieden und nicht im Hinblick auf die politischen Auswirkungen, auch wenn ich nicht bestreite, dass ein gewisser politischer Druck sicherlich auf dem Orchester lastet. Dass erstmals eine Frau an dieser Stelle sitzt, ist ein historisches Faktum, nicht mehr und nicht weniger. Dass die Presse darauf anspringt, wundert mich nicht. Reden wir Klartext: das Staatsopernorchester ist faktisch ein Männerorchester ... Nicht mehr, es gibt doch inzwischen auch Frauen im Orchester, ich bin ja nicht die einzige. Eine Handvoll, ja. Womit hat das zu tun? Muss eine Frau besser spielen als ein Mann, um im Probespiel zu reüssieren? Das ist doch vollkommen egal, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Wir sind in erster Linie Menschen, Musiker, nicht Männer oder Frauen. Meine Konkurrenten beim Probespiel waren Männer, aber die Jury hat mich gewählt. Oder glauben Sie etwa, ich sei auch ein Mann? Entscheidend ist die Leistung, nichts anderes. Das Orchester engagiert nur die Besten, das ist ein Faktum. Und ob man anschließend das Probejahr besteht, ist für Männer und Frauen gleich unsicher. Ist es Ihnen unangenehm, dass der Frauenaspekt unser Gespräch dominiert? Natürlich ist das unangenehm. Ihre Fragen tendieren dazu, mich auf mein Geschlecht zu reduzieren. Ich kann mir vorstellen, es würde Ihnen auch nicht passen, wenn Sie auf Ihr Mannsein reduziert werden würden. Meiner Meinung nach führen diese Fragen in eine Richtung, die nichts mehr mit der eigentlichen künstlerischen Qualität des Orchesters zu tun hat - aber um diese geht es doch, und sonst um nichts anderes. In Wien ist das sehr wohl ein Thema von Interesse: Sogar der österreichische Bundeskanzler musste sich schon zum Frauenanteil der Wiener Philharmoniker äußern, die Grünen üben regelmäßig Kritik an der Politik des Orchesters. Glauben Sie, dass sich seine Klangqualität verändern würde, wenn eines Tages die Hälfte des Orchesters aus Frauen bestünde? Das kann ich so nicht beantworten. Aber für die Klangqualität halte ich das persönliche Engagement jeder einzelnen Musikerin und jedes einzelnen Musikers für wichtiger als die Frage nach den Frauen- und Männeranteilen. Solange dieses Engagement gewährleistet ist, werden Staatsopernorchester und Philharmoniker die besten Voraussetzungen haben, ihre hohe Qualität bewahren zu können. Bevor Sie nach Wien engagiert wurden, waren Sie für kurze Zeit Konzertmeisterin im Orchester der Bayerischen Staatsoper. Was bringen Sie von München mit nach Wien? Sehr viel, denke ich. Ich habe dort sowohl in künstlerischer als auch in organisatorischer Hinsicht sehr viel gelernt. Und vor München war ich ja auch eine Weile Konzertmeisterin im London Philharmonic, einem ausgezeichneten Orchester, bei dem ich mich mit dem symphonischen Repertoire vertraut machen konnte. Was ist Ihnen lieber - aus dem Orchestergraben heraus oder vom Podium herunter zu musizieren? Beides hat seinen Reiz. Besonders spannend finde ich aber das Mitwirken am Gesamtkunstwerk einer Oper, das ist schon etwas ganz Tolles. Man muss auf so viele verschiedene Dinge achten, nicht nur auf den Dirigenten, sondern immer auch die Sänger und die Regie im Hinterkopf behalten - das finde ich sehr spannend. Ein kleiner Nachteil der Oper liegt höchstens darin, dass die Dienste äußerst anstrengend sein können, weil sie meistens sehr lange dauern. Aber das Symphonische liebe ich auch. Und hier in Wien habe ich ja beides. Das ergänzt sich bestens, das ist einmalig. Wie sind Ihre ersten Eindrücke vom Orchesterspiel hier in Wien? Können Sie ein spezifisch Wienerisches Musizieren ausmachen? Die ersten Eindrücke sind überwältigend. Ich lerne hier gerade eine völlig neue Art des Musizierens kennen, die ganz anders ist als ich es etwa von London her kenne. Auffallend ist vor allem, dass das Orchester enorm natürlich und entspannt spielt und so eine klangliche Homogenität erreicht, die ich von anderen Orchestern nicht kenne. Vielleicht liegt darin das Wienerische. A propos Wienerisches: das Neujahrskonzert steht vor der Tür. Freuen Sie sich darauf? Ja klar! Seit ich erfahren habe, dass ich spielen werde, bin ich sehr gespannt. Bis jetzt habe ich Walzer und Polkas ja nur an kleineren Anlässen in Kammerformationen gespielt. Aber ich mag diese Musik: Für mich bedeutet sie Entspannung auf höchstem Niveau. Das Gespräch führte Fritz Trümpi. . ------------------------------ Minimaler Frauenanteil Die Wiener Philharmoniker beschlossen 1997 nach großem öffentlichen Druck die Einführung der "Chancengleichheit ohne Geschlechterdiskriminierung" und öffneten ihr Orchester damit statuarisch für Frauen. In der Praxis werden aber bis heute kaum Musikerinnen engagiert. Presse und Politik finden das kritikwürdig. Das Staatsopernorchester hat einen Frauenanteil von vier Prozent, der Verein der Wiener Philharmoniker nur 2,5 Prozent. Zum Vergleich: Der Frauenanteil bei der Staatskapelle Berlin beträgt 28 Prozent, bei den Berliner Philharmonikern sind es dagegen nur 12,4 Prozent. ------------------------------ Foto: Die gebürtige Bulgarin Albena Danailova studierte Violine in ihrer Heimatstadt Sofia sowie in Rostock. Sie war Konzertmeisterin beim London Philharmonic Orchestra und spielte an der Bayerischen Staatsoper. Im September 2008 wurde sie auf die Stelle des vierten Konzertmeisters des Wiener Staatsopernorchesters gewählt - die erste Frau in dieser Position. Da sich die Wiener Philharmoniker aus den Musikern der Staatsoper rekrutieren, spielt sie auch bei den Philharmonikern

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