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FRANZÖSISCHE BOTSCHAFT - Die neue Residenz am Pariser Platz präsentiert sich mit sieben Gebäuden und zwei Höfen wie ein kleines Stadtviertel.: Die Wahrheit des Materials

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Erst für 1999, dann 2000, dann 2002 angekündigt, ist die neue Botschaft Frankreichs in Berlin nun endlich fertig. Am Pariser Platz entstand ein kunstvolles Ineinandergreifen von sieben Gebäuden, das heute von Jacques Chirac und Gerhard Schröder eingeweiht wird. Ein Gespräch mit dem Architekten Christian de Portzamparc und seiner Frau Elizabeth, verantwortlich für die Innenarchitektur. Was bedeutet es Ihnen, Frankreich in Deutschland zu repräsentieren? Christian de Portzamparc: Meine einzige Leitlinie war es, das Beste zu machen aus einem unmöglichen Grundstück in L-Form, eingekeilt zwischen zwei riesigen Blindmauern. Ich wollte dieses Eingesperrtsein bannen, indem ich eine Galerie schuf, eine überdachte Straße, durch die man auf der einen Seite eintreten und auf der anderen hinausgehen kann. Zudem richtete ich einen Garten mit Bodendeckern im ersten Stock ein und im vierten Stockwerk eine von Birken gesäumte Promenade. In einer Stadt, wo sich der Tag im Winter um 15 Uhr zu Ende neigt, ist das Licht besonders wertvoll. Elizabeth de Portzamparc: Vor allem bot dieses Projekt die seltene Gelegenheit, einen Dialog zwischen der äußeren Gestaltung des Gebäudes, der Innenarchitektur und den Werken von Künstlern zu entwickeln. Wobei ich meinen eigenen Stil geglättet habe, denn hier musste eine zugleich moderne, aber auch sanfte, warme Atmosphäre geschaffen werden. Auf dem elegantesten Platz Berlins gestalten Sie die Fassade mit Beton und Putz. Ist das nicht etwas grob? Christian de Portzamparc: Die Größe liegt eher in der Intelligenz der Räume, der Linien, des Lichts, und in der Wahrheit des Materials. Der Reichtum besteht hier darin, beim Eintreten ein ganzes Viertel zu entdecken. Das Budget erlaubte keine teuren Materialien, und ich wollte keinen Marmor oder Steinplatten. Ich habe den Beton jedoch fein mit Hämmern oder Sandgebläse bearbeiten lassen. Der einfache Putz ist weiß, golden oder zementfarbig, er betont die großen Fenster und ihre schräge Ausrichtung zum Brandenburger Tor. Bei manchen Berliner Traditionalisten hieß es, Ihre Fassade wirke wie ein Bunker, vor allem der Sockel mit seinen "Schießscharten". Ich wollte einen geschlossenen Sockel, mit großem verglasten Eingang. Im Kontrast dazu ist die Etage darüber sehr offen. Diese Schießscharten, wie Sie sagen, geben der Fassade einen Rhythmus. Der Sockel führt den Blick nach oben. Und außerdem ist eine Botschaft kein Kulturzentrum. Der Sicherheitsaspekt prägt den Charakter des Erdgeschosses. Darüber liegt der Luxus, die Ruhe. Wie war die Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat, der für seine strengen Regeln bekannt ist? Er forderte einen steinernen Sockel, ein Gesims und eine Attika darüber, die Fenster durften nicht breiter als der Abstand zwischen den Säulen des Brandenburger Tor sein . Ich habe das wörtlich genommen, indem ich es überbetonte und mit unregelmäßigen Rhythmen arbeitete. Ich habe den Gedanken einer Beletage aufgegriffen. Das Reglement ist für eine neoklassizistische Architektur geschaffen. Dabei habe ich ein zeitgenössisches Bauwerk geschaffen. Die Regeln sind strikt, doch der Dialog mit den Vertretern des Senats war sehr gut, sie haben die große seitliche Glaswand akzeptiert, auch den Beton statt des Steins an der Fassade. Ist es für einen zeitgenössischen Architekten amüsant, mit diesen neoklassizistischen Regeln zu spielen? Es ist eine Übung. Die moderne Architektur kann nicht mit diesen Plätzen, geschlossenen Inseln und der ganzen Rückkehr zum alten Straßenverlauf umgehen, den man zu Recht hier im Zentrum rekonstruieren will. Man braucht eine aktuelle Reflexion über die Insel, statt der in den 70er-Jahren entwickelten Doktrin der Ausrichtung. Ansonsten läuft man Gefahr, eine überholte Epoche, in der außerdem die Stadt nicht so dicht wie heute war, zum Schema zu erheben. Indem man die Grundrisse des vergangenen Jahrhunderts hervorholt, bei der viel größeren Menge an Büros oder Wohnungen, die man heute unterbringen muss, kommt man zu Inseln, die um finstere Lichtschächte erbaut sind. Was das Innere betrifft, musste man auch mit der französischen Administration klarkommen, mehrere Minister, mehrere aufeinander folgende Botschafter. Elizabeth de Portzamparc: Ich hatte den Gedanken, dass die Botschaft ein Schaufenster französischer Kreationen sein solle: Kunst, Design, Handwerk. Vorschläge wie der, die Büros der Minister durch Designer wie Philippe Starck oder Andrée Putman gestalten zu lassen, wurden allerdings aufgegeben. Doch die zeitgenössische Kunst ist durchaus präsent, mit Werken von François Morellet, Niele Toroni, Georges Noel, Bernard Frize, Zao Wou-Ki, Monique Frydman, Claude Viallat. Es sollten auch Möbel integriert werden, die zuvor der Botschaft in Bonn gehörten. Dieser Dialog wird im Empfangssalon sichtbar, dort bringe ich Stücke aus dem 18. Jahrhundert und einen Barockspiegel zusammen mit blau-goldenen Tischen von Yves Klein, einer Schatulle François Rouans, einer Lampe Elisabeth Garoustes und eigenen Kreationen. Natürlich ist eine Botschaft keine Kunstgalerie. Doch bestimmt die starke Präsenz der Kunst das Wesen des Projekts. Interview: Lorraine Millot. Übersetzung: Vincent von Wroblewsky. "In einer Stadt, wo sich der Tag im Winter um 15 Uhr zu Ende neigt, ist das Licht besonders wertvoll. " Christian de Portzamparc. FRED KIHN Christian de Portzamparc

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