Galerie am Chamissoplatz: Neues von Ellena Olsen: Lust am Verwandeln

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Vertraut ist einem zunächst, was in der Galerie am Kreuzberger Chamissoplatz den Blick anzieht. Denn in Ellena Olsens neuesten Bildern finden sich alltägliche Dinge, eingefügt, eingeklebt: rostige Eisenteile in Buchstabenform, Eisenklammern, Drähte, Garn, Strick, Stoff- oder Fotofetzen. Assemblagen heißen solche Arbeiten in der modernen Kunst. Man entdeckt zwischen der Malerei Fundstücke, simpel und gerade deshalb geheimnisvoll aufgeladen. Sogleich jedoch beginnt die Verwandlung - und damit die Irritation. Wenngleich die Dinge bleiben, was sie sind. Die Künstlerin verfremdet: Rätselhaft wirkt der Fisch aus rostigen Nägeln. Seltsam der Vogel aus Eisen und Garn. Eine archaische, wie mit Rüstung oder altertümlichem Schmuck angetane Figur im zerlaugten Boot wird zum Grabfund. Da sind Landschaft, Spirale, Insekt, Salamander, Buchstabe - und schließlich: der Mensch, im Querschnitt wie bei einem Röntgenbild, das Altartafel wird. Braunrot auf ockergelb, links en face (von vorn) und rechts im Profil. Mittig die gerundeten Konturen einer Frau. "Im Schnitt" heißt das Konterfei dieses Homo sapiens beider Geschlechter. Mikroskopisch fein Ellena Olsens Blickwinkel erinnert an prähistorische Funde, eingeschlossen in Harz, gekritzelt auf Höhlenwände aus Urzeiten. Und zugleich ist es so, als wolle sie dies alles mikroskopisch sehen: feinstrukturiert, spielerisch in seiner organischen Konsistenz, dann wieder kompakt, verschachtelt und grafisch streng. "Mich reizt es, alles von innen zu sehen", bekennt sie neugierig. Vertrautes zu verfremden, zu hinterfragen, das möchte Ellena Olsen, seit sie umgeht mit Papier, Leinwand und Farbe. Es ist nicht nur bloße Intuition, kein "nur aus dem Bauch heraus", was da passiert. Es gibt Ideenskizzen, das scheinbar Spontane ist kontrolliert. Und Papier ist längst nicht mehr nur das geduldige Medium oder die zweidimensionale Fläche für Linien, Flecke, Konturen. Figurationen. Zwar bleiben diese Papierarbeiten noch immer im Bildgeviert des Rahmens, bilden Fläche. Doch längst gratwandert Malerisches hinüber zum Plastischen, arbeitet die Malerin mit dem Material fast wie ein reliefbesessener Bildhauer. Reliefs aus Papier Seit etwa fünf Jahren schöpft sie all ihre Papiere selbst. Die Bildgründe sind eine immer dicker, immer haptischer werdende Zellulosemasse auf Leinwand, die, erst einmal getrocknet, an die Papyrusstücke der alten Ägypter oder Chinesen erinnert, aber auch irgendwie an die breiten Brotfladen, wie Naturvölker in Afrika oder Südamerika sie in ihren Lehmöfen backen. Und so entsteht im Hellersdorfer Atelier, wo die einstige Heisig-Schülerin (38) an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst und Akademie-Meisterschülerin von Gerhard Kettner seit 1990 arbeitet und wohnt, reichlich Ungewöhnliches. Erscheint einem die Künstlerin zunächst wie ein Materialfetischist, ist bald zu sehen, daß sie gerade durch das Experiment gegen das Material angeht. Erscheinen ihre Themenkreise wie "Fisch", "Grabfund", "Insekt", "Metamorphose" als ständige Formwiederholung, so entdeckt man schließlich, daß diese beinahe serielle Auffassung einer unerhörten Lust am Strukturellen und Rhythmischen geschuldet ist, bei dem Papiergrund und Fundstücke ein Eigenleben beginnen, in einem Kosmos für sich. Galerie am Chamissoplatz, Nr. 6, Kreuzberg, bis 29. 10., Di-Fr 13-18, Sa/So 15-18 Uhr. +++

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