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Geklontes Wappentier

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Der Bär ist wieder zu Hause im großen Festsaal des Alten Stadthauses. Und er sieht gut aus: Auf einem 2,4 Meter hohen Sockel thront er über dem Geschehen, umringt von klugen Wandsprüchen aus der Bibel. Die Sonne fällt durchs Südfenster. Die Bronze glänzt, die 400 Kilogramm Gewicht hat er locker gehalten während seiner 42-jährigen Abwesenheit. 1911 hatte die Stadt den Bären beim Bildhauer Georg Wrba für den Festsaal bestellt. 48 Jahre später musste der Bär ins Exil: Der DDR-Ministerpräsident zog in das Gebäude an der Klosterstraße und ließ die Halle in einen Konferenzsaal umbauen. Kein Platz mehr für den Bären. Unterschlupf fand das Wappentier bei seinen Artgenossen im Tierpark Friedrichsfelde. Einen guten Platz hatte man ihm ausgesucht, auf dem Sandplatz am Kinderzoo. Er war ein genügsamer Gast: brauchte kein Futter und hielt sogar als Klettergerüst für Kinder her. Der Tierpark gewann ihn so lieb, dass er ihn gar nicht mehr hergeben wollte, als das Land Berlin den Bären für den nun restaurierten Saal zurückforderte. "Nur wenn wir eine Kopie kriegen", hieß es aus Friedrichsfelde. Die Innenverwaltung gab nach, klonte zum Preis von 30 000 Mark die Plastik. Nun steht das Original wieder im Saal. Das ist gut. Und die Kopie steht im Tierpark. Das ist eigentlich schade. Denn das Geld hätte in ein Tier investiert werden können, das frisst, herumläuft und sich vielleicht vermehrt. Das wäre besser gewesen. Skulpturen kann man im Museum bewundern, Klettergerüste auf Spielplätzen finden. Aber für viele vom Aussterben bedrohte Arten ist ein Zoo das letzte Refugium. Das eine oder andere seltene Geschöpf könnte sich dort jetzt ebenso wohl fühlen wie der Bronze-Bär auf seinem Thron. BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Nach 42 Jahren steht der Bronze-Bär wieder im Alten Stadthaus.

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