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Gewalt und organisiertes Verbrechen in den "Goldenen Zwanzigern": Arme Teufel und Gauner

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Die "Goldenen Zwanziger" gelten als Synonym für Luxus und Lebensfreude. Darüber wird oft vergessen, daß diese Zeit für viele Menschen äußerst brutal war. Nicht wenige versuchten ihr Überleben durch kriminelles Verhalten abzusichern. Im Schoße dieser Verhältnisse enstanden auch die Ringvereine, eine sehr eigenartige Erscheinung jener Zeit. Diese Vereine trugen oft sehr poetische Namen wie "Immertreu" oder "Apachenblut" und standen von der Jahrhundertwende bis in die 30er Jahre in großer Blüte. In ihnen schlossen sich Diebe, Gauner und sonstige Kriminelle sowie Sympathisanten zusammen, dazu gesellte sich auch so mancher bürgerliche Nutznießer ihrer "Tätigkeit". Nur mit Mördern und Sexualverbrechern wollte man nichts zu tun haben. Polizei mischte mit Bis 1934 gab es in Berlin 64 solcher Ringvereine. Sie existierten in aller Öffentlichkeit und lange Zeit ohne die Gefahr, durch den Staat behindert zu werden. Im Gegenteil. Staats- und Polizeibeamte mischten oft kräftig zu ihrem eigenen Vorteil mit. Dabei waren die Ringvereine nicht einfach nur ein Bund von Verbrechern, wie das bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen mag. Sie erfüllten bestimmte soziale und wirtschaftliche Funktionen. Und die Bevölkerung hatte im Prinzip nichts gegen sie. Viele arme Teufel lebten von der dort gebotenen Solidarität. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Beseitigung der Monarchie verbesserte sich die Lage der ärmsten Bevölkerungsteile der deutschen Hauptstadt nur unwesentlich. Nicht nur, daß Inflation und Nahrungsmittelknappheit das Leben schwer machten, auch eine autoritäre gesellschaftliche Moral zwang viele Menschen regelrecht zum Diebstahl, um nicht verhungern zu müssen. Ein ergreifendes Beispiel bietet der Fall des 16jährigen Krüger. Als Lehrling stahl er 1919 in einem Büro und verlor dadurch seine Ausbildungsstätte. Eine neue bekam er nicht. In der Not entwendete er dem Stiefvater etwas Geld. Daraufhin warf ihn auch dieser auf die Straße. Ohne Lebensmittelkarte irrte er tagelang hungrig umher, nächtigte in Lauben und versuchte Nahrungsmittel zu stehlen, was mißlang. Bei einer gewissen Frau Jänich in Wedding, die einen kleinen Papierladen führte, versuchte er an Geld zu kommen. Er wurde von ihr ertappt, schlug in seiner Angst zu und tötete sie. Dieser Typ Straffälliger hatte seine Wurzeln ohne Zweifel in der Not. "Hungernde Kinder vor den Brotläden, verelendete Männer und Frauen auf den Straßen" bedeuteten 1923 die "natürliche Erklärung" für Raub und Mord, schrieb Willi Mann in seiner kurzen Geschichte "Berlin zur Zeit der Weimarer Republik". Vor dem Städtischen Leihamt in der Münzstraße oder dem Zentralen Arbeitsnachweis in der Gormannstraße kam es wiederholt zu schweren Krawallen zwischen Hungernden und der Polizei. "Die Zustände in den billigen Mietskasernen" und unzähligen "Pennen" aus der Gründerzeit "spotteten jeder Beschreibung", erinnerte sich Hermann Artner, seinerzeit im 88. Polizeirevier tätig. Die Gesellschaft vor und nach dem Ersten Weltkrieg, in der es auf allen Ebenen gärte, brachte Blüten hervor, die nur aus jener Zeit heraus zu verstehen sind. Dazu zählen eben auch die Ringvereine. Der "Gentleman" Die Straftäter, die sich in diesen Vereinen organisierten, um Schutz zu finden und zu überleben, kamen bald nicht mehr allein aus den Reihen der Bitterarmen. Verarmte Intellektuelle, ehemalige Offiziere und Staatsangestellte schufen in den zwanziger Jahren einen gänzlich neuen Kriminellentyp, den "Gentleman-Verbrecher", der sich, bei Raub, Einbruch, Betrug und Hehlerei, noch einen letzten bitteren Rest an Ehre und Würde bewahrte. Exemplarisch der Fall des M. Bastubbe: Bei einem ergebnislosen Wohnungseinbruch bekam der "Gentleman" von der wütenden Hausfrau den mageren Geldbeutel vor die Füße geworfen. Mit den Worten "Ich bin doch kein Bettler", verweigerte er die Annahme und machte sich aus dem Staub. Matrosen-Willis Tod Bei einem Prozeß gegen ein Ringvereins-Mitglied im Mai 1922 hatte die Berliner Öffentlichkeit zum erstenmal erfahren, daß es in der Stadt seit langem eine organisierte Kriminalität gab. Mehr noch: Die Unterwelt war verflochten mit Personen aus dem öffentlichen Leben. Der Angeklagte Passarge, Matrosen-Willi genannt, hatte in seiner Not Namen bestochener Kripobeamter offenbart. Sogar der Polizeipräsident Richter hatte Bestechungsgelder angenommen. Matrosen-Willi erhielt vor Gericht ein gnädiges Urteil - das half ihm aber nichts, denn der Ringverein-Vorstand hatte für Verrat zum Schutz des Vereins nur eine Strafe: den Tod. Eines Tages fand man Matrosen-Willi vergiftet in seiner Zelle. Not, Elend und Kriminalität allenthalben - auch das gehörte zu jenen Jahren, von denen es heißt, sie wären die "Goldenen" gewesen. Von unserem Autor ist soeben bei Argon das sehr lesbare Buch "Muskel Adolf & Co. Die ,Ringvereine` und das organisierte Verbrechen in Berlin" erschienen. 224 Seiten, 34 Mark. +++

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