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Heiner Bertram, der Präsident des 1. FC Union Berlin, über Mirko Votava, einen Trainer, der noch zu sehr Spieler ist: "Das musste man eben ausprobieren"

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Herr Bertram, in Kaiserslautern lässt sich Vorstandschef René C. Jäggi gerade dafür beglückwünschen, dass er Trainer und Mannschaft mit einem Ultimatum derart unter Druck gesetzt hat, dass am Wochenende in Frankfurt gewonnen wurde. Warum haben Sie das nicht auch beim 1. FC Union gemacht? Ultimaten sind nicht mein Stil, ich habe das auch ganz bewusst vermieden. Ich finde es furchtbar, einem Menschen zu sagen: Wenn du das nächste Spiel gewinnst, dann bleibst du unser Trainer. Wenn du verlierst, bist du raus. Nun ist ungeplant doch eine Art Ultimatum daraus geworden. Sollte Union am Freitag in Unterhaching erneut verlieren, so hört man, dann sei die Zeit für Trainer Mirko Votava endgültig abgelaufen. Was machen Sie denn bei einem Unentschieden? Solche Fragen sind für mich schwer zu beantworten. Sagen wir s mal so: Ich will die Entscheidung nicht davon abhängig machen, ob der Ball in der 89. Minute vom Innenpfosten rein- oder rausspringt. Sondern? Der Gesamtauftritt wird entscheidend sein. Wenn die Mannschaft kämpft und sich exzellent verkauft, kann das auch ein Signal für eine Wende sein. Auch wenn der Ball in der 89. Minute vom Innenpfosten reinspringt und Union 0:1 verliert? Ich werde jetzt keine Szenarien durchspielen, aber eines ist auch klar: Eine sechste Niederlage wieder mit Pech zu kommentieren, das geht jetzt nicht mehr. Sie haben den Druck auf den Trainer zuletzt nicht gerade gemindert, indem Sie immer wieder betont haben, die Mannschaft sei deutlich besser als der letzte Tabellenplatz. Der Meinung bin ich nach wie vor. Ich würde sogar sagen, wir hatten noch nie eine so gute Mannschaft, auch wenn das bei dem Tabellenstand etwas verwegen klingt. Stimmt. Ich finde, wir haben keine großen Schwachpunkte. Wir haben eine gute Mischung aus Erfahrung und Jugend. Aber die Spieler müssen auch richtig aufgestellt werden. Wie meinen Sie das? Salif Keita zum Beispiel ist ein echter Torjäger, aber wenn er natürlich an der Eckfahne rumrennen muss wie zuletzt gegen Lübeck . Nein, ich bleibe dabei: Wir haben eine ausgeglichene, gute Zweitliga-Mannschaft beisammen, da kann man wirklich nicht jammern. Mit anderen Worten: Der Trainer schafft es nicht, das vorhandene Potenzial zu aktivieren. Das haben wir ihm auch gesagt. Das ist sein Problem im Moment, und das weiß er auch. Warum gelingt das nicht? Eines muss ich zunächst mal klar sagen: Herr Votava ist hochgradig engagiert, und die Mannschaft trainiert mit ihm sehr gerne. Aber vielleicht werden die taktischen Konzepte, die er entwickelt, manchmal nicht richtig verstanden. Vielleicht sind sie manchmal zu kompliziert. Das heißt: Er überfordert das Team. Vielleicht ist es das. Ein Trainer muss doch das spielen lassen, was die Mannschaft am besten kann. Warum tut er das nicht? Ich will mal ganz allgemein antworten: Ich habe das Phänomen beobachtet, dass Trainer, die als Spieler Weltklasse waren, immer den perfekten Fußball spielen lassen wollen. Siehe Duisburg letztes Jahr - da wollte Pierre Littbarski mal eben auf modernen Fußball umstellen, mit Viererkette und allem, und prompt haben die alles verloren. Ich sage das jetzt mit aller Vorsicht und in Anführungszeichen: Vielleicht neigen diese ehemaligen Weltklassespieler ein bisschen zu dem Gedanken, sie seien die einzigen Fußball-Fachleute. Lässt Votava da mit sich reden? Das ist genau das, was sich zeigen muss. Wir haben sehr sachlich darüber gesprochen, und jetzt muss man abwarten. Er hat gesagt, er will die Karre aus dem Dreck ziehen. Wir haben gesagt: Dann mach das. Trauen Sie ihm das zu? Als Spieler war Votava erfahren wie kaum einer, aber als Trainer ist er noch ein Neuling. Manchmal ist er noch zu sehr Spieler. Wenn er begreift, dass er noch viel mehr in die Trainerposition hineinwachsen muss, hat er eine gute Chance. Die Anlagen zum guten Trainer hat er. Aber nur die ganz Großen wie Beckenbauer schaffen den Übergang vom Spieler zum Trainer mit Leichtigkeit, ansonsten ist das ein Prozess, der dauert. Aber das haben wir ihm schon zu Beginn unserer Zusammenarbeit gesagt. Was meinen Sie, wenn Sie sagen, Votava sei noch zu sehr Spieler? Ist seine Ansprache zu kumpelhaft? Oder schlägt er im Training zu viele Flanken selbst? Er ist noch zu wenig Lehrer. Er ist das Gegenteil von seinem Vorgänger Georgi Wassilew. Der stand nur da und guckte, Votava spielt auch mal mit. Wissen Sie, ich hab früher in meiner Ausbildung mal gelernt: Wenn man vor einer Gruppe steht, dann muss man so weit weg stehen, dass man jeden einzelnen sehen kann, ohne den Kopf zu bewegen. Haben Sie ihm das mal erzählt? Wir haben darüber gesprochen, aber wie gesagt: Die Bereitschaft von erfolgsverwöhnten Sportlern, Ratschläge von Anzugträgern anzunehmen, ist nicht so riesig. Nach dem Lübeck-Spiel hat Votava gesagt, er müsse der Mannschaft im Training wohl mal zeigen, wie man Zweikämpfe führt. Solche Aussagen kommen im Team natürlich nicht so gut an. Bereuen Sie es nachträglich, Wassilew entlassen zu haben? Nein, es war anders herum: Wir hätten uns früher trennen müssen. Haben Sie in der Personalpolitik Fehler gemacht? Es waren zwei. Der erste Fehler war Oskar Kosche. Wir hätten sagen sollen: Oskar, du kannst hier lernen. Aber wir hätten ihm nie den Titel Manager geben dürfen. Da sind wir zu einfältig rangegangen, das muss ich mir voll zuschreiben. Der zweite Fehler war Manager Klaus Berge, da haben wir uns täuschen lassen. Mehr will ich nicht sagen. War es nicht ein dritter Fehler, die Manager-Planstelle nicht wieder zu besetzen? Nein, der dritte Fehler wäre es, die Stelle auf Grund der schlechten Erfahrungen nie wieder zu besetzen. Aber wir werden das ja machen: Zur neuen Saison kommt definitiv ein Manager. Vielleicht auch schon im Winter, zum Einarbeiten. War Votava eine Fehlentscheidung? Nein, er hat damals alle unsere Kriterien erfüllt. Eine Trainersuche hat ja etwas von Rasterfahndung, und bis auf den Faktor Erfahrung hat bei ihm alles gepasst. Und das musste man eben ausprobieren. Wird es nun an der mangelnden Erfahrung scheitern? Wir wollten ihm die Möglichkeiten geben, sich bei uns zu entwickeln, und ich würde mich freuen, wenn wir das gemeinsam durchstehen und hinterher sagen können: Das waren Anfangsschwierigkeiten. Das wäre doch eine wunderbare Story. Aber wir müssen leider auch aufpassen, dass wir die Geduld der Fans nicht überfordern. Wir können nicht ewig auf den Erfolg warten. Sie sondieren doch sicher schon den Trainermarkt. Ein Reporter hat mich gerade gefragt, ob es nicht fahrlässig wäre, wenn wir es nicht tun. Und? Der Mann hat Recht. Das Interview führten Christof Kneer und Michael Jahn. Sechs Jahre, sechs Trainer // Der Präsident: Heiner Bertram (63), ein ehemaliger Offizier der Bundeswehr und erfolgreicher Unternehmer, ist seit 7. Oktober 1997 Präsident des Zweitligisten 1. FC Union Berlin. Er sitzt in den Vorständen von DFB und DFL. Die Trainer: In der Ära Bertram ist Mirko Votava der sechste Trainer an der Alten Försterei. Zuvor agierten Frank Vogel (September bis Dezember 1997), Ingo Weniger (Januar - September 1998), Fritz Fuchs (September 1998 -- Juni 1999), Georgi Wassilew (Juli 1999 - Oktober 2002), Ivan Tischanski (Oktober - November 2002). Votava ist seit November 2002 im Amt. SNAPS "Die Bereitschaft von erfolgsverwöhnten Sportlern, Ratschläge von Anzugträgern anzunehmen, ist nicht so riesig": Heiner Bertram, Präsident.

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