14.06.2007

Hotel Adria

Von Jörg Sundermeier

Wir haben uns nicht viel dabei gedacht. Wir konnten auch, ehrlich gesagt, nicht mehr besonders gut denken. Jedenfalls waren wir in das Hotel Adria eingebrochen, damals vor dreizehn, vierzehn Jahren, W. und ich, und das ohne große Überlegung. Obwohl, das stimmt ja nicht ganz, es war nicht ganz ohne Überlegung. Denn wir waren ja in dieser Nacht auf der linken Seite der Friedrichstraße, von der Oranienburger Straße in Richtung S-Bahnhof vorbeigeschlurft. Und kurz vor der Weidendammer Brücke und der Spree - damals war schräg gegenüber vom Hotel Adria noch der Opel-Händler und nicht das Hotel, das jetzt dort Miete zahlt, während das Adria nun nicht mehr da ist -, wie auch immer, jedenfalls stieß W. mir den Ellenbogen in die Rippen und sagte: "Da!" Ich schaute in die Richtung, in die sein Finger zeigte, und, angeleuchtet vom Autohändlerwerbelicht, sah ich es nun auch: die Tür zum Adria stand offen. Na ja, nicht direkt offen, sie war eingetreten. Aber das war offener als der Rest des Untergeschosses, der damals schon verbrettert und vernagelt war. Dann haben wir uns umgesehen, wahrscheinlich gar nicht unauffällig, so beduselt wie wir waren, und marschierten über die Straße, denn diese Tür war offen, wir waren dicht, und es erschien uns als eine Pflicht, diese Einladung anzunehmen. Also stiegen wir durch die eingetretene Tür in das Hotel ein, doch das, was man beim trüben Lichtschein, den das besagte Autohaus durch die Ritzen, die die Plakate vor den Fenstern noch in den Rezeptionsraum ließ, half kaum, sich zu orientieren. Ich weiß nicht mehr, was wir uns vorgestellt hatten, keinesfalls jedoch glaubten wir vorfinden zu können, was wir vorfanden, als sich die Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Nämlich ein recht intaktes Hotelfoyer, die Sessel und Sofas kaum verräumt, alles nur mit einer dicken Staubschicht belegt. "Geil, Ledersofas", sagte W., "da sollte man eins mitnehmen. Mir war ein wenig schwindelig und schlecht, allerdings auch unheimlich zumute. Ich tastete mich vor in einen anderen Raum, dort war es stockdunkel, ich stieß gegen etwas, daraufhin klirrte es laut. Ich erschrak. W., der hinter mir stand, lachte. Dann fand er den Lichtschalter. Die Neonröhre, die aufflackerte, erleuchtete eine Küche. Ich hatte eine Teekanne vom Tisch gestoßen, sie war zerbrochen. Alles andere war wie unberührt, als seien, dornröschenmärchengleich, alle Küchenbediensten mit einem Mal eingeschlafen, als hätte niemand dieses Hotel am Ende eines Arbeitstages, des letzten verlassen, sondern als seien sie einfach verschwunden. Es waren keine frischen Fußspuren im Staub. Er lag regelmäßig, lag auf Küchenutensilien, die nicht durcheinandergeworfen aussahen, lag auf dem Geschirr, das geordnet in dem Sieb hing, der aus den geöffneten Geschirrspülautomaten herausragte. "Das ist unheimlich", sagte ich. Plötzlich hörten wir einen Ton, einen Seufzer, einen leisen Fluch, oder vielleicht nur einen Furz, jedenfalls erschraken wir, stürzten ins Foyer und von dort auf die Friedrichstraße. Wir liefen noch ein paar Meter, bis auf die Weidendammer Brücke, dann drehten wir uns um. Niemand war zu sehen, kein Polizist, kein aufgescheuchter Bettler, kein Gespenst. Wir lachten blöd. W. hatte sich immerhin einige Milchkännchen aus der Küche in die Tasche gesteckt, die reichte er mir. Wir fuhren heim. Am nächsten Tag war die Tür wieder vernagelt, bald waren die Bretter von Plakaten überklebt, irgendwann war das Gebäude abgerissen. Nach einer Weile entstand dann dort einer dieser neuen Klotzbauten, der protzig Spreekarree genannt wird. Auch er steht zum Teil noch leer, doch die Läden werden sich irgendwann füllen. Das Adria jedenfalls macht niemandem mehr Angst. Mir allerdings noch einmal auf einer Party, die vor 1999 stattgefunden haben muss, denn das Gebäude stand damals noch. Einer dieser selbsternannten Stadtforscher, die aus Zeitungswissen und Gerüchten hübsche neue urbane Mythen schaffen, erzählte mir, dass das Adria, das sogar mal ein Intershop gewesen sein soll, ein großes Geheimnis berge. Ein Bekannter habe ihm versichert, dass dort im Keller die "Stasi-Millionen" lagern sollten. Das Gebäude sei ja schließlich "sofort '89" dichtgemacht worden. Ich lachte und sagte: "Erzähl das jemand anderem." Doch dann fiel mir wieder ein, welches Dornröschenschloss das Adria im Jahr 1993 oder 1994 gewesen war. Und mich schauderte es kurz.

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