Hunderttausende im Ostteil betroffen / Bauarbeiter lösen Havarie beim Abladen von Containern aus / Fünf Verletzte: Stromausfall legt große Teile Berlins lahm

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Ein Stromausfall hat gestern zahlreiche Stadtteile im Osten Berlins weitgehend lahmgelegt. Als es um 11.14 Uhr in Marzahn zwischen einem Kran und einer Hochspannungsleitung zu einem Lichtbogen kam, gingen in über 262 000 Haushalten und mehreren hundert Betrieben die Lichter aus. Züge blieben auf freier Strecke stehen. Um 13.53 Uhr hatte sich die Lage wieder normalisiert. Es geschah am Rapsweg in Marzahn. Unter einer 220 000-Volt-Leitung an der Ecke Blumberger Damm hob ein Kran Container von einem Lastwagen - Unterkünfte für Bauarbeiter, die an dieser Stelle demnächst 750 Wohnungen errichten sollen. Vier Männer standen bereit, um die Metallkästen an die richtige Stelle zu dirigieren. Als sie zupackten, ereignete sich das Unglück. Kriminalhauptkommissar Gerd Ortmann: "Der Kranausleger kam einen Meter an die Hochspannungsleitung heran" - vier Meter Mindestabstand sind vorgeschrieben. Es gab einen Lichtbogen. Gleißend hell jagte der Strom durch den Container, den Kranwagen, die Körper der vier Arbeiter und des Fahrers. Die fünf Bauarbeiter wurden verletzt, einer von ihnen schwer. Er erlitt Verbrennungen zweiten und dritten Grades. Die Männer kamen in Krankenhäuser. "Sie hatten wahnsinnig viel Glück", sagte Ortmann. Offenbar sei der Großteil des Stroms durch den Kranwagen geflossen. An dem Fahrzeug seien Stahlteile geschmolzen - "das läßt auf mindestens tausend Grad schließen." Das Unglück unterbrach mit einem Schlag die Stromversorgung im Gebiet zwischen Pankow und Altglienicke, zwischen Friedrichshain und Friedrichsfelde. S-Bahn-Züge blieben auf freier Strecke stehen. Einige wurden mit Dieselloks abgeschleppt, aus anderen mußten die Fahrgäste aussteigen. Nach 12 Uhr wirkten sich die Unterbrechungen auf fast alle Linien im Westen aus. "Ich wäre auch lieber zu Hause bei meiner Frau", klagte Leopold Meyer vom Boss-Sicherheitsdienst, der auf dem S-Bahnsteig Alexanderplatz den Ärger der Fahrgäste zu mildern versuchte. "Warum setzt denn niemand Busse ein?" fragte Ursula Klemt, die auf der Fahrt nach Köpenick gestrandet war. Doch die S-Bahn hatte keinen Ersatzverkehr eingerichtet. Durchsagen informierten über die Unterbrechung, aber Hinweisschilder fehlten. So gab Meyer geduldig Auskunft: "Zum Hauptbahnhof? Da gehen Sie am besten zu Fuß." Fragen, ob wenigstens die U-Bahn fahre, konnte er nicht beantworten: "Von hier aus gibt es keine Fernsprechverbindung zu den U-Bahnsteigen." Während die U 2 und die U 8 planmäßig rollten, standen auf dem Bahnsteig der U 5 nur unbeleuchtete Züge - bis zum Elsterwerdaer Platz ging ab 11.20 Uhr nichts mehr. Die versprochenen Ersatzbusse ließen auf sich warten, vor dem Forum-Hotel staute sich eine aufgebrachte Menge. Bei der Straßenbahn waren 15 Unterwerke, die Tram-Oberleitungen im Südosten versorgen, ohne "Saft". "Wir bitten, auf nicht unbedingt notwendige Fahrten zu verzichten", so die Zentrale Leitstelle der BVG. Als Ersatz für Züge fuhren 30 Busse. In den betroffenen Gebieten fielen alle Ampeln aus. Auf großen Kreuzungen, zum Beispiel Rhinstraße/Alt-Friedrichsfelde, regelte die Polizei den Verkehr. Zu Beginn der Stromunterbrechung kam es zu Staus. Taxi-und Busfahrer waren im Dauerstreß. Außer Haushalten waren viele Betriebe ohne Elektrizität. So blieb im Ratskeller Köpenick die Küche kalt. "Wir mußten schließen, weil wir mit Strom kochen", meldete Oberkellner Ronald Kuß. Konfusion auch bei Bärenquell in der Schnellerstraße: "Die Kunden standen Schlange, da unser Rechner abgestürzt war", sagte der Disponent Jörg Dreßler. Alte Menschen hatten ebenfalls zu leiden. "Ich bin nur froh, daß wir keinen Notfall hatten", so Monika Siech, Pflegedienstleiterin im Köpenicker Seniorenheim "Alberto Corvalan", "wir hätten niemanden rufen können, denn die Telefone funktionierten nicht." "Wir mußten unsere Patienten nach Hause schicken", berichtete Zahnarzt Mathias Tesche in Friedrichshagen. In Krankenhäusern, anderen öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen milderten Notstromaggregate die Folgen. Der Stromausfall wurde im Veag-Verbundnetz verursacht, über das Berlin einen Teil seines Stroms bezieht. Um ärgere Schäden bei Unfällen zu vermeiden, sind solche Hochspannungsleitungen mit einem Schutzsystem versehen, das innerhalb von Millisekunden Fehlerströme mißt und die Verbindung abschaltet. Die betroffene Leitung Thyrow-Neuenhagen besteht aus einem Doppelsystem. Der Lichtbogen legte das eine lahm, das zweite übernahm die Last des ersten. Das war zuviel - es fiel ebenfalls aus. Eine dritte parallele Leitung wurde gerade inspiziert und war deshalb abgeschaltet. Das Unglück an der Stromzuleitung nach Berlin führte zu einem Domino-Effekt in der Stadt. Zwei Transformatoren im Bewag-Umspannwerk Wuhlheide an der Rummelsburger Landstraße fielen aus. Damit war das Stromverteilungs-Netz Berlins gerissen. Denn das Umspannwerk ist mit nachgeordneten Umspannstationen verbunden, von denen 13 völlig und vier teilweise spannungslos wurden. Es dauerte bis zu 159 Minuten, ehe alle wieder am Netz waren. "Wir mußten die gesamte Netz-Topologie ändern, alles auf 110-Kilovolt-Leitungen schalten", so die Bewag. Die U 5 fuhr um 12.16 Uhr wieder, die S-Bahn gegen 14 Uhr, Straßenbahnen ab 16 Uhr. Zuletzt war es am 5. Februar 1992 zu einem ähnlich folgenschweren Stromausfall gekommen - damals war der gesamte Süden Berlins für rund drei Stunden "saftlos". +++

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