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In einer Zeltstadt in der Lüneburger Heide unterrichtet der Dalai-Lama die Grundlagen des Buddhismus: Kitzeln an der Fußsohle der Seele

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SCHNEVERDINGEN, 28. Oktober. Laut Plan liegt das "Mongolische Meditationszelt" ganz am Ende des Geländes, hinter den Tempel-, Presse-, VIP- und Informationszelten, aber noch vor den Wagen der Rettungswacht. Es ist sieben Uhr morgens, und der Himmel über Reinsehlen in der Lüneburger Heide ist hoch, aber verhangen. Wir befinden uns in der größten Zeltstadt Europas. Der Boden ist matschig, zwischen den Zelten hängen Glühbirnen. In knapp zwei Stunden wird der Dalai-Lama seine Unterweisung über die Grundlagen der buddhistischen Geistesschulung beginnen. Aber bevor es richtig losgeht, wollen Isabel Magen und Walter Gross noch mal kurz ins mongolische Meditationszelt schauen. "Nicht, weil wir meditieren wollen", sagt Isabell Magen. "Nur so. Aus Interesse", sagt Walter Gross. Isabel Magen ist 21 und macht gerade eine Schneiderlehre in Frankfurt am Main. Walter Gross ist schon über sechzig und Steuerberater in Hamburg. Sie haben sich vor einer Stunde in der Jugendherberge von Schneverdingen kennengelernt und sind gemeinsam mit dem Bus gekommen. Wenn man die beiden durch das plattgetretene Gras laufen sieht, sie mit einem kleinen Brillanten im Nasenflügel, er mit einer Jute-Tüte am Arm, könnte man meinen, sie seien Großvater und Enkelin auf einem Familienausflug. Isabel Magen sagt, daß sie hergekommen sei, weil etwas nicht stimme mit unserer Gesellschaft. Zuviel Materialismus, jeder denke nur noch an sich selbst. Der Buddhismus sei gar keine Religion, sondern eine Lebensform. Sie kenne sich aus, sie habe viel gelesen und auch Erfahrungen mit Meditation. Und außerdem: "So geht das nicht weiter mit der Sinnkrise. Vor allem die Jugend interessiert sich wieder mehr für religiöse Fragen", sagt sie mit lauter Stimme. Walter Gross nickt verständnisvoll, und erst als seine Begleiterin wirklich nichts mehr sagen will, erzählt er seine Geschichte. Er hatte Krebs und ist durch die Krankheit zum Meditieren gekommen. "Ich habe mein Leben total geändert, meine Ernährung umgestellt. Ich habe die Schriften vom Dalai-Lama gelesen und bin sehr gespannt." Vor seiner Erkrankung habe er sich mehr mit Parapsychologie beschäftigt, und weil er deswegen von Teilen seiner Bekanntschaft angefeindet wurde, will er auch jetzt nicht seinen richtigen Namen sagen. "Es gibt viel Spott in der Gesellschaft", sagt er, und sie ergänzt: "Die haben Angst. Wer spöttisch ist, hat Angst!" Kerzen und Kissen Das mongolische Meditationszelt ist rund und ziemlich winzig. Isabel Magen will die Zeltplane aufklappen, doch in diesem Moment öffnet sich das Zelt einen Spalt, und eine mongolische aussehende Frau erscheint. An ihrem Kopf vobei kann man kurz ins Innere des Zeltes sehen. Brennende Kerzen, einige Kissen auf dem Boden. Nach ein paar Sekunden verschwindet das Gesicht wieder, das Zelt schließt sich. Isabel Magen und Walter Gross stehen auf der Wiese, es beginnt zu regnen. Der Dalai-Lama, das geistige und weltliche Oberhaupt Tibets, ist für sieben Tage in Deutschland. Nicht, um wie so oft in den letzten Jahren über die Probleme des seit 1950 von China besetzten Tibet zu sprechen, sondern um einen Workshop abzuhalten. An fünf Tagen unterrichtet er den "Stufenweg der Erleuchtung", eine Art Grund- und Anfängerkurs im Buddhismus, der den Vorteil hat, die Essenz aller Gedanken und Methoden aus den verzweigten buddhistischen Linien zu enthalten. Der theoretischen folgt die praktische Einführung, eine Meditationsübung, bei der man sich selbst als Buddha vorstellt und mit dem vollkommenen Zustand identifiziert. Eine Übung, die eher für Fortgeschrittene gedacht ist. Über ein Jahr hat das Tibetische Zentrum aus Hamburg die Veranstaltung vorbereitet. Auf einem ehemaligen Militärgelände hat man ein gutes Dutzend Zelte aufgebaut. 230 Lkw karrten 10 000 Meter Kabel, 35 000 Fußbodenplatten für 16 000 Quadratmeter Teppichboden heran. Alle Pensionen und Hotels in einer Umgebung von vierzig Kilometern sind ausgebucht. Fest- und Turnhallen wurden zu Matratzenlagern umfunktioniert. Fast 10 000 Menschen sind angereist, gerechnet hatte man mit der Hälfte. Der Dalai-Lama kommt, aber die Bilder von ihm sind schon da. Links von dem riesigen Anmeldungsbereich liegt das Zelt mit den Verkaufsständen. Stände mit den Büchern vom Dalai-Lama, Stände mit Dalai-Lama-Plakaten, Bildern, Postern und buddhistischen Devotionalien. Stände, an denen man Kerzen und Räucherstäbchen und tibetische Kleidung kaufen kann. Ganz hinten hängt ein Schild: "Nach Tibet, zehn Meter und dann links!" Da steht im großen Zelt noch ein tibetisches kleines Zelt, und man kann sich auf Rattansessel an runde Tische setzen, deren Oberfläche mit rotem Teppichboden bespannt ist. "Tibet" heißt in Reinsehlen die Cafeteria. Buddhistische Mönche und Nonnen mit kurzgeschorenen Haaren und eingehüllt in orangefarbene Roben stehen in einer Schlange und warten auf Tee. Es wird viel gelächelt und gelacht. Eigentlich lächelt jeder, den man anguckt. Die Menschen aus Asien lächeln dabei etwas geübter und irgendwie fließender, während vor allem europäische Frauen mittleren Alters ihr Lächeln mit einem etwas übertrieben intensiven Blick unterstreichen. Es herrscht eine Ausgelassenheit, die sich mit einer großen Anspannung mischt und quasi zu einer aufgekratzten Sofortkommunikation führt. Man setzt sich an einen Tisch und ist Sekunden später im Gespräch. Eine Tibeterin, die in Deutschland aufgewachsen ist und jetzt in der Schweiz lebt, erzählt von ihrer ersten Begegnung mit dem Dalai-Lama. Das war 1987, und sie dolmetschte bei einem Gespräch, das zwei deutsche Ärzte mit ihm führten. Nach dem Gespräch sprach der Dalai-Lama sie plötzlich an und fragte: "Und du? Was ist mit dir so los? Ich konnte erst nicht sprechen, weil das so überraschend war, und als mir dann bewußt wurde, daß der Dalai-Lama mit mir sprach, mußte ich weinen. Seine Heiligkeit sprach mit mir kleiner Person." Über ihren Beruf will sie nicht sprechen, denn sie ist hier, um eine Auszeit zu nehmen. "Energie tanken", sagt sie. Neuntausend Menschen haben die Schuhe ausgezogen, sich von Sicherheitskräften untersuchen lassen und sich in einem fußballfeldgroßen Zelt auf blauen Matten niedergelassen. Vorne um einen buntgeschmückten Thron sitzen Mönche und Nonnen im Halbkreis. Der Dalai-Lama kommt und besteigt den Thron, nickt den Menschen zu, räuspert sich und fängt erst mal an zu kichern. Gegen den Mythos Die ersten Stunden seines Seminars ist er damit beschäftigt, den eigenen Mythos zu demontieren und Projektionen zu zerstören. Er rät christlich geprägten Menschen davon ab, Buddhisten zu werden, weil das oft zu geistigen Verwirrungen und sogar zu Zusammenbrüchen führen könne. Er betont die Ähnlichkeiten des Buddhismus zum Christentum und insistiert darauf, daß der buddhistische Weg große Disziplin, Arbeit und vor allem Ausdauer bedeute. Schaut man in die Gesichter der Menschen, die in der ersten Reihe sitzen, kommen einem anfängliche Ernüchterungen mehr als gerechtfertigt vor. Da gibt es viele Tibeter, die offen und sehr gleichmütig zuhören. Es gibt einfach konzentriert Schauende. Aber immer wieder auch leicht fanatisch enthusiasmierte Menschen, die mit jedem von Dalai-Lamas Worten ihre Stirn noch ein Stück näher Seiner Heiligkeit entgegenstrecken. Implizit sind die Worte des Dalai-Lama wohl auch gegen eine ganz bestimmte Strömung des westlichen Buddhismus gerichtet. Denn die meisten der neuen Buddhisten in Deutschland sind Mitglieder in einem der Zentren des Dänen Ole Nydahl. Nydahl legt die buddhistischen Selbstverpflichtungen sehr frei aus. Alkohol und Sex sind bei ihm kein Problem, und um gemeinsame spirituelle Erfahrungen zu machen, geht er mit seinen Schülern auch schon mal zum Fallschirmspringen oder zum Motorradfahren in die Berge. Ein Erlebnis-Buddhismus, der vor allem bei gutverdienenden Akademikern zwischen dreißig und vierzig ankommt, die ein bißchen Spiritualismus abgreifen wollen, ohne ihr Leben zu verändern, heißt es. Das habe mit wirklichem Buddhismus nichts zu tun und diskreditiere ihn zu modischem Firlefanz. Mit den Vorträgen des Dalai-Lama ist es eine seltsame Sache. Sie sind Seminar und Gottesdienst zugleich. Der Dalai-Lama erklärt die Vier Wahrheiten Buddhas. Er baut die buddhistische Praxis von unten auf. Er beginnt mit der nötigen Motivation des Lernenden und kommt über die Prüfung des Lehrers zu den vielfältigen Entwicklungen der vielen Traditionen. Er argumentiert also. Und gleichzeitig kommt er wie in Schleifen auf Grundaussagen zurück ("Wir wollen Leid abwenden und Glück erreichen"), so daß man den Eindruck hat, in der Argumentation vorwärtszuschreiten und gleichzeitig stillzustehen, so daß das Neue immer auch schon bekannt und einleuchtend erscheint. Zwischendurch fängt der Dalai-Lama immer wieder an zu lachen, dieses aufperlende, unmittelbar glucksende Lachen. Als würde ihn irgend jemand oder irgend etwas kitzeln. Freilich nicht äußerlich, sondern eher von innen, gewissermaßen an der Fußsohle der Seele. Walter Gross, der Steuerberater aus Hamburg, sagt es so: "Am Anfang war eine große Nervosität da, aber jetzt hat es sich beruhigt und sehr stark konzentriert. Wie soll ich es ausdrücken: Die Energieschleuse stimmt. Da kommt was rüber."

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