22.12.2001

In Eiskeller ist der Winter immer etwas frostiger als im Rest der Stadt: Berlins Nordpol

Von Claudia Fuchs

Wenn Kathrin Näcke die Temperaturvorhersage hört, zieht sie immer drei bis vier Grad ab. Kathrin Näcke wohnt in Eiskeller. Der Flecken im Spandauer Nordwesten gilt im Winter als kälteste Ecke Berlins. In klaren, windstillen Nächten liegen die Temperaturen bis zu zehn Grad unter denen im Zentrum. Der Grund für diese Temperaturunterschiede ist einfach zu erklären. "Eiskeller liegt weit abgeschieden von der Stadt", sagt der Meteorologe Thomas Globig. Die Luft, die sich im Laufe eines Tages über Berlin erwärmt, kommt meist gar nicht dorthin. "Außerdem entweicht in klaren Nächten das bisschen Wärme aus Eiskeller problemlos in die Atmosphäre." Diese meteorologische Besonderheit machten sich die Bauern aus der Gegend schon vor Jahrhunderten zu Nutze - und verhalfen Eiskeller so zu seinem Namen: Überlieferungen zufolge sollen sie im Winter Eis aus dem nahe gelegenen Falkenhagener See gehackt haben, in ihren eisigen Kellern zwischengelagert und schließlich an Brauereien und Krankenhäuser verkauft haben. Auch bei Meteorologen steht das Gebiet hoch im Kurs. Schon 1959 errichtete das Meteorologische Institut der Freien Universität dort seine erste Wetterstation. Ab 1981 stand die Station dann auf dem Grundstück von Martin Schabe. Dreimal am Tag musste der Bauer die Temperatur ablesen. "14 Jahre lang hat er das gemacht", sagt seine Frau Hannelore. Alle zwei Wochen sei ein Mitarbeiter der Universität gekommen, um die ausgefüllten Tabellen abzuholen. Kälterekorde sind für Hannelore Schabe nichts Ungewöhnliches. "Wir hatten damals auch mal Nächte mit minus 25 Grad", sagt sie. Die alte Wetterstation wird seit 1995 nicht mehr genutzt. Dafür steht heute eine modernere Anlage auf dem Nachbargrundstück. Die Station der Firma Meteomedia von Jörg Kachelmann liefert die Angaben über Niederschlagsmenge, Lufttemperatur und -feuchtigkeit via Satellit ins Büro der Firma. Dass Eiskeller tatsächlich kalt ist, beweist eine Statistik vom vergangenen Winter: Mit 13,4 Grad unter null wurde in der Nacht zum 25. Februar der Kälterekord aufgestellt. Am Alexanderplatz waren es in derselben Nacht acht Grad mehr. Beim Thema Eiskeller gerät Meteorologe Globig geradezu ins Schwärmen. "Diese Station ist meine Lieblingsstation", sagt er. "Sie liefert den Beweis, dass Berlin eine Stadt mit großen Temperaturunterschieden ist." Das zeigt auch die Anzahl der Tage, an denen tagsüber Plus- und nachts Minusgrade gemessen wurden. "In Eiskeller hatten wir 74 solcher Frosttage", sagt Globig, "am Alex nur 46". Für die kommenden Tage prophezeit Globig den Bewohnern von Eiskeller niedrige Werte. "Die Temperatur wird runtergehen wie nix", sagt er. "Den Rekord vom vergangenen Jahr schaffen wir locker." Allein bei dem Gedanken daran schüttelt es Bäuerin Kathrin Näcke. "Alles was Frost ist, ist eklig", sagt sie. Dennoch: Die Bewohner von Eiskeller haben sich an ihre Winter gewöhnt. Und daran, dass die für gewöhnlich die Liste mit den niedrigsten Werten in Berlin anführen. Alles andere sind Ausnahmen. Wie vor zehn Tagen, als starker Nordostwind die warme Luft von Berlin direkt nach Eiskeller schob. Am kältesten war es in jener Nacht in Friedrichshagen. Kathrin Näcke, die in ihrem Garten fünf Thermometer hat, kann das bis heute nicht fassen. "Wir waren regelrecht schockiert." Zu Mauerzeiten eine Exklave // Lage: Eiskeller ist ein 50 Hektar großes Areal im Nordwesten von Spandau, das aus Wiesen und Äckern besteht. Heute leben dort fünf Familien. Historie: Der heutige Eiskeller hieß früher Teufelsbruch. Das Gelände wurde 1830 unter 18 Staakenern und Spandauern aufgeteilt - als Tauschgelände für weit entfernte Grundstücke. Neuer Name: Den Namen Eiskeller erhielt das Gebiet, weil im Winter im nahe gelegenen See Eis abgebaut, in Kellern gelagert und verkauft wurde. Exklave: Mit dem Mauerbau wurde Eiskeller zur Exklave. Bis auf einen schmalen Weg zur Schönwalder Allee war das Areal komplett von DDR-Gebiet umgeben. Die Kinder der Anwohner wurden vom Bezirksamt zur Schule nach Spandau gebracht. Lebensbedingungen: 1959 lebten in Eiskeller sechs Personen, 1967 waren es zwölf. Mitte der 70er-Jahre bekamen die Bewohner Telefon. Die Bewag nahm Eiskeller 1978 ans Netz. Gebietsaustausch: Im Jahre 1971 und 1988 wurden die Eiskeller umgebenden Areale von der DDR an das Land Berlin übergeben. BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Tierisch kalt kann es in Spandaus Eiskeller werden. Wenn es in den nächsten Tagen ganz dicke kommt, müssen auch die Pferde vom Reiterhof in den Stall. BERLINER ZEITUNG/KATRIN BORN Eiskeller ist ein 50 Hektar großes Gebiet im Nordwesten von Spandau.

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