30.11.2009

Investor will mit seinem Bauprojekt einen Friedrichshainer Kiez aufwerten / Doch die Anwohner fürchten Verdrängung: Baden vor der Wohnungstür

Von Karin Schmidl

Kaum sind die schwarzen Schmierereien abgewischt, ist das Bauschild schon wieder bekritzelt. Das Schild steht auf einer rund 1 800 Quadratmeter großen Brache zwischen Kinzig- und Jungstraße in Friedrichshain und wirbt für das Bauprojekt "Wohnen am Badeteich". Vom kommenden Jahr an sollen dort zwei Häuser mit insgesamt 17 Eigentumswohnungen entstehen. Und ein Teich, der kein Ziergewässer ist, sondern in dem man sogar schwimmen kann. Auch eine Gemeinschaftssauna und Privatgärten für die Bewohner gehören zu dem Projekt. So viel Annehmlichkeit hat ihren Preis: Eine rund 190 Quadratmeter große Wohnung soll gut 516 000 Euro kosten. Mit 2 700 bis 3 000 Euro pro Quadratmeter sind die Wohnungen "im oberen Preissegment" für Friedrichshain, wie Maklerin Daniela Geida sagt. Bislang liegen die Quadratmeterpreise im Stadtteil bei maximal 2 500 Euro. Geida hat mit viele Interessenten gesprochen, einen Kaufvertrag gibt es bislang noch nicht. Vielleicht, sagt sie, sei das Projekt "noch zu exklusiv für das Viertel." Garten geräumt Der Luxus hat auch seine Gegner. In unmittelbarer Nachbarschaft, am selbstverwalteten Hausprojekt Kinzig 9, hängt ein großes Transparent: "Kiezgärten für alle statt Badeteiche für Reiche!" steht darauf. Denn wo künftig die Bewohner der Luxuswohnungen baden sollen, war fünf Jahre lang der Kiezgarten "Rosa Rose". Junge Leute haben dort gegärtnert, gefeiert und ihre Hunde toben lassen. Im August mussten sie das Areal räumen. Einige ältere Nachbarn sind froh darüber, dass jetzt Kindergeschrei und Partylärm verstummt sind. Ein Bewohner der Kinzig 9 meint dagegen: "Mal abwarten, wie viel Freude die dekadente Oberschicht hier haben wird." Es klingt nicht nett. Für Investor Wolfgang Haffner klingt das bedrohlich. Der 58-Jährige, der seit vielen Jahren Wohnungen in Prenzlauer Berg vermietet und davon gut leben kann, wie er sagt, will selbst mit an den Badeteich ziehen. "Ich möchte für rund fünf Millionen Euro etwas Besonderes schaffen und eine Brache aufwerten", sagt er. Doch genau dieser Begriff "Aufwertung" ist im Kiez ein Reizwort. Denn er bedeutet nicht nur, dass Brachen und damit Freiflächen verschwinden. Er bedeutet auch, dass Wohnen allgemein teurer wird, wenn Gutbetuchte zuziehen. Und dass Alteingesessene verdrängt werden, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. So wie es in Prenzlauer Berg schon geschehen und in einigen Kiezen in Kreuzberg zu beobachten ist. Auch in Friedrichshain ist Wohnen teurer geworden, wie eine Studie der Gesellschaft für Sozialforschung und Mieterberatung Asum besagt. Darin wurde das Sanierungsgebiet Traveplatz/Ostkreuz untersucht, in dessen unmittelbarere Nachbarschaft die Kinzigstraße liegt. "Wir haben festgestellt, dass die Preise fürs Wohnen etwa an der Sonntagstraße, der Lehnbach- und der Neuen Bahnhofstraße um bis zu 50 Prozent gestiegen sind", sagt Maren Schulze von Asum. Mieten von sieben Euro netto kalt pro Quadratmeter seien dort Normalität. Schulze: "Die Angst vor Verdrängung ist nicht ganz unberechtigt." Eine teurer werdende Gegend zieht teure Eigentumsprojekte an, wie ein Blick auf Makler-Seiten im Internet zeigt: So wird eine 130-Quadratmeter-Eigentumswohnung am Traveplatz für 232 000 Euro angeboten. Ein 90 Quadratmeter großes "Luxus-Penthouse" an der Neuen Bahnhofstraße soll 285 000 Euro kosten, an der Simon-Dach-Straße werden für 150 Quadratmeter rund 400 000 Euro verlangt. Auch die ehemalige Max-Kreuziger-Schule nahe der Boxhagener Straße, die zum Wohnhaus umgebaut wurde, gilt vielen als "Insel der Gutbetuchten". In der eingezäunten Wohnanlage gibt es Lofts, die für zehn Euro pro Quadratmeter netto kalt vermietet werden. Dass einkommensstarke Zuzügler verstärkt nach Friedrichshain drängen, wird auch im Bezirksamt aufmerksam registriert. Dennoch glaubt Bürgermeister Franz Schulz (Grüne) nicht, dass es in Friedrichshain zu ähnlichen Konflikten wie etwa beim Kreuzberger Carloft- Projekt kommt. Dass dort die Autos der Bewohner quasi mit in die Wohnung genommen werden, gilt vielen Bewohnern im Kiez als Symbol für großspurige Dekadenz. Immer wieder wird das Gebäude an der Reichenberger Straße mit Farbbeuteln beworfen. Bürgermeister Schulz sagt: "Dagegen ist das Badeteich-Projekt ungleich schlichter und sogar ökologisch, weil viel Grün bleibt." ------------------------------ Schöner wohnen Luxus ist immer das Besondere - die Lage, die Ausstattung, das Ambiente. Edle Eigentumswohnungen, Townhouses oder Lofts boomen in Berlin, vor allem in der Innenstadt. Einige Beispiele: Kreuzberg: Auf dem 150 Jahre alten ehemaligen Gasometer und späteren Luftschutzbunker an der Fichtestraße, entstanden zwölf "Circlehouses". Die wie Tortenstücke geschnittenen zweigeschossigen Wohnungen sind 150 bis 350 Quadratmeter groß und haben jeweils Privatgärten. Alle sind verkauft. Preis: ab 2 950 Euro pro Quadratmeter. Hafenquartier: An der Kieler Straße in Mitte, direkt am Spandauer Schifffahrtskanal, entstehen elf Townhouses mit Park. Die Häuser haben einen Wohnfläche von 375 bis 500 Quadratmeter und kosten bis zu 1,9 Millionen Euro. Die Hälfte ist bereits verkauft, Ende 2010 soll alles fertig sein. Berlin Townhouses: Nahe der Friedrichswerderschen Kirche in Mitte entstanden 47 fünfgeschossige Wohnhäuser. Die jeweils rund 250 Quadratmeter großen Grundstücke waren innerhalb einer Woche verkauft. Grundstück und Haus kosten zwischen 800 000 und zwei Millionen Euro. Sieben weitere Parzellen gegenüber dem künftigen Humboldt-Forum sollen ab dem Frühjahr bebaut werden. 150 Interessenten bewarben sich. Carlofts: An der Reichenberger Straße in Kreuzberg entstand ein Haus, dessen Bewohner ihre Autos per Lift mit auf die Wohnetage nehmen und auf der Terrasse parken können. Von den elf Lofts sind bislang sieben verkauft und zwei bezogen. Die zwischen 224 und 540 Quadratmeter großen Lofts kosten zwischen 486 000 und 1,6 Millionen Euro. Marthashof: An der Schwedter Straße in Prenzlauer Berg entstehen in 17 Villen rund 130 Wohnungen mit Tiefgaragen, Privatgärten, Liegewiese und Wasserspielen. 70 Prozent der Wohnungen sind verkauft. Die kleinste ist rund 80 Quadratmeter groß, der Preis: ab 2 900 Euro pro Quadratmeter. Die Penthouse Villa (155 Quadratmeter auf zwei Ebenen plus 68 Quadratmeter Dachterrasse) kostet 725 000 Euro. Diplomatenpark: Zwischen japanischer Botschaft und Canisius-Kolleg im Tiergarten entstehen zehn Stadtvillen mit Tiefgaragen und Dorman-Service. Die 75 bis 250 Quadratmeter großen Wohnungen kosten zwischen 4 500 und 9 000 Euro pro Quadratmeter. Käufer sind nationale und internationale Vertreter aus Politik und Wirtschaft. ------------------------------ Foto (2): Auf Plakaten am selbstverwalteten Hausprojekt Kinzig 9 werden "Kiezgärten für alle statt Badeteiche für Reiche" gefordert. Wo bis August der Kiezgarten "Rosa Rose" war, entstehen jetzt Luxuswohnungen mit eigenem Teich vor der Haustür.

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