14.01.2005

Jetzt wird aber gewohnt: Das wird ein großes Jahr im Möbelverkauf - hofft die Branche: Das Sofa ist das Auto der Frau

Von Carmen Böker

Es reicht längst nicht mehr aus, es sich daheim mit Tisch, Bett und Stuhl leidlich gemütlich zu machen - ein ästhetisch vollendetes Zuhause muss es sein, mit "Wellnessbereich" (vulgo: Bad), Lounge-Gelegenheiten (früher: Sitzecke) und einem "Genuss-Herd" im emotionalisierten "Lebensraum" der Küche. "Wohnen ist Moodmanagement"; so hat der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann 2002 eine Studie überschrieben, die für das Designkaufhaus Stilwerk angefertigt wurde: Unbedingte "Selbstverwirklichung" in den eigenen vier Wänden sei eine "konkrete Konsumentensehnsucht". Und wenn die Welt da draußen derart unbehaglich erscheint wie heutzutage, so baut man noch emsiger am Zuhause. Je größer das Sofa, desto sicherer. Im Vorfeld der Kölner Möbelmesse "imm cologne" ist zu hören, dass "Nesting" an die Stelle des "Cocoonings" trete (was bedeutet, dass man mit viel neuem Multimedia-Equipment noch seltener ausgehen muss). Und auch, dass der Wunsch nach Luxus "die nicht so einkommensstarken Schichten der Gesellschaft" erfasse. Das klingt allzu euphemistisch, rührt aber daher, dass die Möbelbranche nach Jahren beständiger Umsatzrückgänge 2004 wieder ein Plus von 1,2 Prozent verzeichnen konnte; für 2005 hofft der Bundesverband der Deutschen Möbelindustrie (BVDM) nun darauf, dass es jetzt vorbei ist mit dem "aufgeschobenen Anschaffungsbedarf". Gunnar Frank, noch ein Trendforscher, diesmal aus Amsterdam, hat auf der Heimtextil-Messe in Frankfurt/Main erklärt: "Es ist wieder angesagt, Niveau zu zeigen. Heute Farbe, Design und Stil. Im nächsten Jahr kommt das Material." Das klingt genauso wie bei seinen Kollegen nach einem Mantra, das durch unablässige Wiederholung Überzeugungen schaffen soll: Dass die "Neue Kunst zu wohnen" (so das Motto des Pariser "Salon du meuble") kein Avantgarde-Vorrecht, sondern für alle nah ist. "Massentrend Individualität", diesen schönen Begriff hat der BVDM dafür gefunden. In die Realität übersetzt bedeutet er etwa: Man würde sich gern was Exklusives bei Rolf Benz oder Ligne Roset kaufen, landet dann aber aus Kostengründen doch wieder einmal bei Ikea. Das ist jedenfalls der Eindruck, den man einem weiteren "Trend" entnehmen kann: Richtig schön Wohnen war letztes Jahr ein beliebtes Fernsehformat, das sich bei allen aus den gleichen Einkaufsquellen zu speisen schien. Laut einer Umfrage des Hamburger Instituts Ipsos sehen 51 Prozent der Deutschen gern Heim-und-Garten-Serien - wie etwa "Wohnen nach Wunsch" (Vox), "S.O.S. - Style & Home" (Pro Sieben) oder "Einsatz in vier Wänden" (RTL). Besonders behaglich daran ist, dass man so ins Privateste, bisher nicht öffentlich Vorzuzeigende vordringt. Und dass man mit Hilfe der Kamera erst erkennt, wie rumpelbudenhaft und unterambitioniert es hier oft aussieht. Natürlich ist das Aussehen der eigenen Wohnung nicht bloß Privatsache. Jeder, der ahnt, dass andere Menschen einmal zu Besuch kommen könnten, wird sich Mühe beim Aussuchen neuer Möbel geben. Der Esstisch soll nicht nur einfach seine Aufgabe erfüllen, sondern ja auch den exquisiten Geschmack seines Besitzers repräsentieren. Laut einer BVDM-Umfrage denken 48 Prozent aller deutschen Frauen darüber nach, ihre Einrichtung zu verändern, nach einer neuen Erhebung des Gallup-Instituts sind überhaupt Frauen sehr viel anfälliger für Meliorationen zu Hause. Was für den nach draußen drängenden Mann (um mal das klassische Geschlechterbild zu bemühen) das Auto ist, ist für die Frau - das Sofa. Doch wo wird, wie beim Pkw, Design und Technik dieses Sofas geprüft und bewertet? Wo findet die Geschmackserziehung statt, die den Konsumenten sicher urteilen lässt über das Angebot, die ihn zur richtigen Entscheidung leitet zwischen so wild miteinander konkurrierenden Wohnthemen wie "Nouvelle Vague", "Rustic Eccentrique", Neuer Natürlichkeit und starker Popfarbigkeit? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden "Warenkunden" begründet, die Handbücher des ungerührt auch über Jahrmärkte tingelnden Dürerbundes und die von der Hellerauer "Gemeinnützigen Vertriebsstelle deutscher Qualitätsarbeit" publizierte Zeitschrift "Der Kunstwart". Lebenshilfe und Kunsterziehung wollten sie leisten, was aus heutiger Sicht naiv klingen mag. Dennoch wurde es mit ihrer strengen Auflistung möglich zu überprüfen, ob die billig massenhaft industriell hergestellten Produkte es mit den traditionell handwerklich gefertigten Artikeln aufnehmen konnten. 1961 erschien die Loseblattsammlung der "Deutschen Warenkunde" zum letzten Mal. Seit den 70er-Jahren übernehmen schnell erfolgreiche Zeitschriften wie zum Beispiel "Schöner Wohnen" die Information über das Angebot am Möbelmarkt. Mit immer mehr Begeisterung über "neue Trends" in "Deko" und "Lifestyle", doch mit immer weniger Ehrgeiz, bei der Ausdifferenzierung bürgerlichen Urteilsvermögens mitzuhelfen. ------------------------------ Wie wohnen? // Je später das Jahr, desto mehr Möbel werden gekauft. Da großen Anschaffungen aber grundsätzlich lange Überlegungsphasen voraus- gehen, finden Möbelmessen traditionell am Anfang eines Jahres statt. Bis zum 17. Januar widmet sich der Pariser "Salon du meuble" der "Neuen Kunst zu wohnen" - mit solchen Trends wie "Rustic Eccentrique", "Ethnico Baroque", New Wave oder Nouvelle Vague. Bereits begonnen hat auch die Heimtextil-Fachmesse in Frankfurt am Main. Bis zum Sonnabend werden Themen wie "Aristocrat","Heimweh" oder "Smart Girl" illustriert. Am Montag wird die Internationale Möbelmesse Köln eröffnet. Ein Schwerpunkt ist die "Emotionalisierung des Lebensraums Küche". Eine Ausstellung in Bremen geht der Frage "Wie wohnen?" nach. Bis zum 3. April zeigt das Wilhelm-Wagenfeld-Haus Einrichtungsbücher aus 100 Jahren - sie illustrieren, wie sich Geschmack bildet und wandelt. Der Katalog erscheint bei HatjeCantz; 168 S., 24,80 Euro. ------------------------------ Foto: Auch Hussein Chalayan träumt von Häuslichkeit: Der Designer ließ Models die Schonbezüge von Sesseln abziehen - die sich in Kleider verwandelten.

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