Jürgen Trittin und die Rückkehr des "Mescalero-Aufrufs" - wie ein Text aus terroristischen Zeiten den grünen Minister plötzlich in Schwierigkeiten bringt: "Klammheimliche Freude"

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BERLIN, 22. Januar. Im Vergleich mit Joschka Fischer war Jürgen Trittin ein braver Mann. Kein Straßenkämpfer, keiner, der eine "Putztruppe" hinter sich hatte, kein Held der Szene. Jürgen Trittin war ein Taktiker, ein Stratege - schon immer. Also hat er an der Universität Göttingen im Jahr 1977 keine Steine geworfen und keine Polizisten verprügelt. Aber er hat die Veröffentlichung eines Dokuments verteidigt, das sich wie wenige andere ins Gedächtnis einer Generation eingegraben hat: Der "Mescalero-Aufruf". Ein dreiseitiges Papier, von dem die meisten bis heute nur zwei Worte kennen: "Klammheimliche Freude". Es ging um die Ermordung des damaligen Generalbundesanwaltes Siegfried Buback durch die RAF. Über dessen Tod brachte ein Student, der sich "Mescalero" nannte, eben diese klammheimliche Freude zum Ausdruck. Jürgen Trittin wird in den zurückliegenden Wochen, seit die Vergangenheit von Joschka Fischer durchleuchtet wird, wieder häufiger an die Zeit an der Universität gedacht haben. Und doch wurde er von der Geschichte buchstäblich überrascht, als er am Sonntagnachmittag um 16.02 Uhr in Göttingen in den ICE Richtung Berlin stieg. In seinem Abteil sprach ihn ein Mann an und fragte ihn, warum er sich eigentlich nie von diesem "Mescalero-Aufruf" distanziert habe. Jürgen Trittin reagierte unwirsch. "Warum sollte ich", soll er gesagt haben. Angeblich wusste Trittin im ersten Moment nicht, wer ihn angesprochen hatte. Es war der Sohn eben jenes ermordeten Generalbundesanwaltes Buback, Michael Buback. Hektische Telefonate Der Zufall wollte es, dass Buback auf dem Weg war zur Talkshow von Sabine Christiansen, dort sollte er über die Vergangenheit von Joschka Fischer reden. Und so nahm das Unheil für Trittin seinen Lauf. Michael Buback berichtete im Fernsehen über sein Zusammentreffen mit Trittin im Zug und legte dem grünen Minister den Rücktritt nahe. Zu diesem Zeitpunkt klingelte bei Trittin das Handy. Parteifreunde machten ihn auf die Talkshow aufmerksam; da wurde dem Minister, der ein ausgeprägtes Gefühl für Kräfteverhältnisse und Machtsituationen hat, klar, was sein kurzer Disput mit Buback auslösen könnte. Trittin reagierte schnell. Er rief seine Parteifreundin Antje Vollmer an, die ebenfalls in der Runde bei Christiansen gesessen hatte und bat um einen Kontakt zu Michael Buback. Schließlich bekam er ihn ans Telefon. Trittin entschuldigte sich bei Buback und bat um ein Treffen. Als Trittin am Montagmorgen merkte, dass mit dieser Entschuldigung die Sache nicht aus der Welt war, schob er eine zweite nach. Schriftlich. Darin nannte er den Mord an Buback "eines der schlimmsten Verbrechen" und dementierte einen Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem es hieß, er sei mitverantwortlich für die Veröffentlichung des "Mescalero"-Textes gewesen. Dies stimme nicht, sagte Trittin; er sei damals gar nicht Mitglied des Allgemeinen Studentenausschusses der Göttinger Uni gewesen, der die Veröffentlichung zu verantworten hatte. Das könne man schon daran erkennen, dass alle damaligen Mitglieder des Studentenausschusses angeklagt wurden. Er, Trittin, jedoch nicht. Aber verteidigt hat er die Veröffentlichung. Auch mit einem Redebeitrag auf einer Versammlung Göttinger Studenten im Jahr 1977. Es sei damals, so Trittin, "Mehrheitsmeinung" unter den Studenten gewesen, dass man sich vom Staat nicht vorschreiben lasse, über welche Themen man öffentlich diskutiere. Es sei eine "trotzige Verteidigung der Diskussionsfreiheit" gewesen, sagt Trittin heute. Während der Studentenversammlung seien ihm von Burschenschaftlern und Vertretern des CDU-nahen Studentenverbandes RCDS die Rufe "Mörder, Mörder" entgegengeschallt. Zynische Zeilen So weit die Erinnerung des Jürgen Trittin. Wen genauer interessiert, worum es damals eigentlich ging, kann den "Mescalero"-Text heute im Internet nachlesen. Nach Bubacks Ermordung beschrieb besagter Göttinger Student nicht nur seine "klammheimliche Freude". Er schrieb auch den zynischen Satz: "Ehrlich, ich bedauere es ein wenig, dass wir dieses Gesicht nun nicht mehr in das kleine rot-schwarze Verbrecheralbum aufnehmen können, das wir nach der Revolution herausgeben werden, um des meistgesuchten und meistgehassten Verbrechers der alten Welt habhaft zu werden." Dann folgen viele Zeilen, in denen der Autor Gründe dafür aufführt, warum Bubacks Mörder "eine unfreiwillige Amtshilfe für die Justiz" geleistet hätten. Denn jetzt würde der Staat noch härter zurückschlagen, kritisiert er die Terroristen. Doch schließlich versucht der Autor sich vorzustellen, er wäre "bei den bewaffneten Kämpfern". Er fragt sich, "woher könnte ich, gehörte ich den bewaffneten Kämpfern an, meine Kompetenz beziehen, über Leben und Tod zu entscheiden?" In einer beispiellos naiven Selbstbefragung fährt er fort; "Die Strategie der Liquidierung ist die Strategie der Herrschenden. Müssen wir sie kopieren?" Seine eigene Position macht er am Ende so klar: "Um der Machtfrage willen, dürfen Linke keine Killer sein. Unser Weg zum Sozialismus darf nicht mit Leichen gepflastert werden." So weit der widersprüchliche Text des "Mescalero". Die Göttinger Studenten, die den Aufruf damals nachdruckten, distanzierten sich übrigens ausdrücklich vom Inhalt des Papiers. In einer Vorbemerkung hieß es, sie wollten den Text "dokumentieren, damit die bundesdeutsche Öffentlichkeit, die sich seit Monaten über diesen Text erregt, endlich die Gelegenheit erhält, ihn auch zu lesen". BERLINER ZEITUNG/NICOLE MASKUS Entschuldigungen und Erklärungen - Jürgen Trittin zu seiner Vergangenheit in den siebziger Jahren.

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