Sonderthemen: Weihnachtsmärkte in Berlin | Flüchtlinge in Berlin

Junge Leute aus dem größten Elendsviertel Nairobis berichten über ihren Alltag - Geschichten, die sonst niemand schreibt: Slum-TV oder: Das gibt's in keinem Film

Von 

NAIROBI. Die Welt der Slums ist jedem, der nicht in einem solchen leben muss, ein Rätsel: Wie kann es ein Mensch aushalten zwischen stinkenden Müllbergen, entsetzlichen Toilettenlöchern, auf engstem Raum mit so vielen anderen Menschen, Angehörigen wie fremden, ohne Privatheit, die nächste Wasserstelle sonstwie weit entfernt. Wie weicht ein Mensch den unweigerlich sich entladenen Aggressionen unter solchen Umständen aus? Wie wahrt er seine Würde? Mathare, einer der größten Slums in Nairobi mit über 500 000 Einwohnern, ist ein solcher Ort. Seine Bewohner erleben immer wieder Gewaltexzesse - im Kleinen wie im Großen. Brutale Gangs traktieren die Menschen, die Polizei schlägt blindwütend zurück. Bei einer dieser polizeilichen Racheaktionen gegen die berüchtigte Mungiki-Gang starben im vergangenen Jahr mindestens 39 Menschen und 250 wurden verhaftet. Zuvor waren zwei Beamte erschossen und vier Zivilisten geköpft worden. Ein Großteil des Blutbades spielte sich in einem Viertel Mathares namens Kosovo ab. Dort zwang die Polizei tausende Slum-Bewohner, sich stundenlang auf den Boden zu legen. In jenen Tagen und nur einen Steinwurf von Kosovo entfernt fand in einer kleinen Bibliothek der Mathare Youth Sports Association (MYSA), einer NGO die seit 20 Jahren in Mathare aktiv ist und zu den wenigen wirklich anerkannten Institutionen im Slum gehört, ein Videoworkshop statt, der Beginn des Projektes Slum-TV. Dessen Ziel ist es, dem Slum ein Gesicht, eine Stimme, eine Plattform zu geben: lokales Fernsehen vom Slum für den Slum. In dem zweiwöchigen Kurs vermittelte eine Gruppe europäischer Künstler - Sam Hopkins, Alexander Nikolic und ich - grundlegende Kenntnisse für den Umgang mit Kamera und Schnittcomputer. Zwölf junge Leute nahmen teil, sie leben alle im Slum und bilden nun den Kern des Slum-TV-Teams. Da es in großen Teilen Mathares keinen Strom gibt, zeigen wir die Sendungen auf öffentlichen Plätzen. Später wollen wir sie auch als Vorprogramm in den zahlreichen illegalen DVD-Kinos laufen lassen. Die Idee zu Slum-TV entstand bei Dreharbeiten zu meiner Vienna Voodoo Kunstperformance letztes Jahr. Es waren drei Tage im mit Fäkalien, Kadavern und Aids-Kranken übersäten Morast Mathares. Ich drehte im weißen Smoking, wollte Realitäten vereinen, die sonst durch Grenzzäune und Sperranlagen getrennt sind. Die Slum-TV-Premiere diesen Spätsommer mussten wir nach den heftigen Schießereien nach Korogocho verlegen, etwas außerhalb von Mathare. Trotzdem kamen hunderte Zuschauer und die Begeisterung war groß. Jetzt arbeiten wir an der nächsten Ausgabe. Auf wöchentlichen Slum-TV-Meetings in Mathare wird festgelegt, was gefilmt wird. Der Enthusiasmus ist groß, die Ausrüstung überschaubar: ein Laptop, der als Schnittcomputer fungiert, eine Digitalkamera mit Richtmikrofon und Weitwinkelobjektiv. Den Beamer für die öffentlichen Vorführungen borgen wir uns von der NGO Mysa, die im Gegenzug auch unsere Technik verwenden darf. Das Programm bietet einen Nachrichtenblock, kleine Reportagen aus Mathare und eine kleine, mit einer lokalen Theatergruppe produzierten Seifenoper. Slum TV will das Leben der Menschen im Slum aufwerten, indem es ihre Geschichten erzählt. Es sind Menschen, die in Gegenden leben, wo ein Leben wenig zählt, die aber trotzdem eine ungeheure Kraft und Lebendigkeit besitzen. Die Teammitglieder wissen, worüber sie reden. Ihre Geschichten könnten bei Slum-TV erzählt werden. Einige von ihnen haben sie selbst kurz aufgeschrieben: ------------------------------ Moses, 23 Ich finde keine richtige Arbeit, deshalb mache ich so illegale Sachen, weil ich sonst nicht leben kann. Die Schule konnte ich auch nicht abschließen. Meine Mutter handelt mit Fischen, aber ich habe sechs Geschwister. Ich mache auch im Fotoprojekt Shootback mit, aber das bringt wenig ein. Jetzt bin ich Team-Mitglied bei Slum-TV und sage allen anderen, dass wir zusammenhalten müssen, damit aus der Sache was wird. Vinick, 20 Ich lebe mit sieben Geschwistern und nur einer Mutter in Mathare, alle in einem Raum. Mutter verdient etwas Geld mit Kohlverkauf. Aber wir haben nie genug zum Essen, zum Anziehen. Ich bin bis zur vierten Klasse in die Schule gegangen, mehr ging nicht, das Schulgeld war zu teuer. Mädchen in meinem Alter und dieser Lage lassen sich oft auf Sex mit älteren Männern ein, wenn sie nur irgendwas dafür bekommen. Ich halte mich aus so was raus, mache aber mit, wenn Mysa etwas organisiert, lerne viel über Krankheiten, die Gefahren von Drogen und Prostitution. Und ich spiele Fußball. Dort versuche ich, anderen Mädchen zu sagen, dass sie gefährliche Dinge tun. Seit zehn Jahren mache ich mit in einem Projekt, das Shootback heißt - da haben wir Plastikkameras bekommen und Fotos gemacht von unserem Slum. Das war richtig erfolgreich, wir haben ein Buch gemacht und verkauft. Pauline, 23 Ich lebe in einer Familie mit acht Mitgliedern - Mutter und Kinder. Der Vater ist weg. Meine Mutter wäscht für reichere Männer. Sie verdient einen Dollar am Tag oder zwei oder gar nichts. Ich bin irgendwann weggelaufen und Straßenmädchen geworden, habe gelernt, wie man klaut. Einmal habe ich einem Japaner eine Tasche wegreißen wollen, aber der hat mich geschnappt und geschlagen. Ich wurde bewusstlos und bin im Gefängnis aufgewacht. Dann war ich sechs Jahre im Heim, habe Lesen und Schreiben gelernt. Als ich wieder raus war, hat sich meine Mutter gefreut, weil ich mich so verändert hatte. Dann hatte ich mal Glück und kam in das Fotoprojekt - Sachen von mir wurden sogar in Simbabwe ausgestellt. Doch dann bin ich auf einen Mann reingefallen, ich war ja ganz jung. Ich war bald schwanger und der Mann weg. Weil ich die Krankenhausrechnung nicht zahlen konnte, wurde ich wieder eingesperrt, musste die Kosten abarbeiten, vier Monate. Eines Tages habe ich gedacht, ich halt das nicht länger aus und habe Gift genommen, aber Gott liebt mich, und ich bin nicht gestorben. Jetzt bin ich wiedergeborene Christin mit zwei Töchtern und ohne Mann. Aber ich mache bei Slum-TV mit und sehe wieder Leben. Sarah, 23 Ich wohne mit Eltern, Geschwistern und meinem Baby in einem Raum. Ich wollte nicht, wie viele andere, abtreiben, obwohl es schlecht ist für ein Kind hier im Slum. Das Abwasser fließt vor der Hütte und die Kleinen spielen da. Es ist auch täglich eine Tragödie, Essen zu besorgen, höchstens einmal am Tag gibt es bei uns etwas. Wenn wir die Miete für die Hütte nicht zahlen, nimmt der Besitzer die Tür und das Blechdach weg, auch wenn es regnet. Früher bin ich gern bei Mysa zum Fußballspielen gegangen, aber Dad wollte das nicht, weil ich ein Mädchen war, und hat mich hart verprügelt, einmal so, dass mein Bein gebrochen ist. Jetzt kann ich nicht mehr Fußball spielen. Aber er lässt mich beim Fotografieren mitmachen. Das Fahrgeld zu Mysa hab ich von der NGO bekommen, bin aber die paar Kilometer gelaufen und hab Essen statt der Fahrkarte gekauft. Fotografieren ist auch riskant, manche Leute wollen Geld dafür und werfen mit Steinen. Manche denken, wir sind Polizeispitzel, im Slum gibt es nämlich viele schmutzige Geschäfte, die man geheimhalten muss, zum Beispiel illegales Brauen. Fred, 24 Meine Leute sind alle schon gestorben und Geld für Ausbildung ist nicht da. Aber in schlechte Gesellschaft will ich nicht kommen. Mysa hat mir dabei geholfen und ich will einer der besten Journalisten der Welt werden. Slum-TV ist dafür eine Chance, hoffentlich. Mit dem Projekt wollen wir Leuten helfen, zwischen Gutem und Schlechtem zu unterscheiden. Peter, 21 Ich sehe ganz schick aus, bin kreativ und das siebte von acht Kindern. Zu Hause bin ich da, wo täglich das Schlimmste passiert: Raub, Prostitution, Vergewaltigung, Mord. Ich will aber was werden und Slum-TV ist das Beste, was mir je passiert ist. Ich drehe unheimlich gerne Videos und bearbeite sie dann. Das Größte wäre, ich könnte daraus etwas Berufliches machen. In meinen Filmen würde ich zeigen, was Menschen fühlen und wie sie sie Probleme überwinden. So könnten andere von ihnen lernen. David, 24 Wo ich wohne, sind alle arm. Wer zur Schule gehen kann, gehört zur glücklichen Minderheit. Ich schlage mich zusammen mit einem Freund durch, wir betreiben eine Art Kiosk, wo wir Wasch- und Bügeldienste anbieten. Das Bügeleisen arbeitet mit Holzkohle. Ich bin froh, dass ich bei Slum-TV mitmachen kann, solche Bilder sind das größte Geschenk in meinem Leben. Es hat mich verändert, ich glaube jetzt, dass ich ein Talent habe. Ich bin glücklich, wenn ich Bilder von Menschen und Plätzen mache. Noch besser wäre es, ich könnte die Plätze besser machen für die Menschen. Übersetzt von Maritta Tkalec. Links: www.slum-tv.org www.mysakenya.org ------------------------------ Foto: Inszenierung der Gegensätze: der österreichische Künstler Lukas Pusch im weißen Smoking mit Kindern aus dem Elendsviertel Mathare in Nairobi.

comments powered by Disqus
Anzeige