21.02.2004

Katja Esson ging aus Poppenbüttel nach New York. Sie drehte einen Film über eine Fähre. Jetzt ist sie für den Oscar nominiert: Geschichten von der Damentoilette

Von Anja Reich

NEW YORK, im Februar. Es ist ein kalter Wintermorgen in der Lower East Side. Das Café, das die deutsche Filmemacherin für das Interview vorgeschlagen hat, könnte auch in Berlin-Friedrichshain sein. An kleinen Tischen sitzen Studenten und lesen, ein Hund döst auf einer Bank. Der Barmann toastet Bagels, draußen werden zwei Bäume abgesägt. Katja Esson guckt aus dem Fenster. Sie sagt, dass jetzt hier überall neue Häuser gebaut werden. Die Gegend werde immer teurer. Sie trägt einen Strickpullover, ihre Haare hat sie mit einem roten Band zusammengebunden. Sie könnte eine Hausbesetzerin sein. Katja Esson ist 38 Jahre alt und Dokumentarfilmerin. Ihr Film "Ferry Tales" wurde in der Kategorie "Kurzdokumentation" für den Oscar 2004 nominiert. Wenn man Oscar hört, denkt man an Hollywood, man erinnert sich an die schluchzende Nicole Kidman im letzten Jahr oder an Julia Roberts bei ihrem Freudenschrei. Und dann sitzt da diese Frau im Strickpullover, die sagt, ihre Wohnung sei nicht größer als ein Kleiderschrank, habe aber Bäume vor dem Fenster. Katja Esson war 21, als sie von Hamburg nach Miami zog, um Theater und Film zu studieren. Sie hieß damals noch Kümmerle. "Katja Kümmerle aus Poppenbüttel", sagt sie und lacht. Das war ihr Antrieb. Es habe immer Leute gegeben, die gesagt haben, sie solle sich mal nichts einbilden, sie werde immer die Katja Kümmerle aus Poppenbüttel bleiben. Im Miami arbeitete sie für Werbeproduktionen und drehte erste eigene Filme. Einer erzählte die Geschichte von kubanischen Künstlern, die nach Amerika geflüchtet waren. Es war ein sehr persönlicher Film. Kurz zuvor hatte sie auf einer Havanna-Reise einen jungen Maler kennen gelernt und sich in ihn verliebt. Sein Name war Tomas Esson. Als die Filmemacherin nach vier Jahren nach Deutschland zurückkehrte, hieß sie nicht mehr Kümmerle, sondern Esson, sprach fließend Englisch und war mit einem Schwarzen verheiratet. Sie hoffte, mit ihm in Hamburg ein neues Leben anzufangen, aber nach drei Monaten gab sie auf. "Ich hatte nicht gewusst, dass es in Deutschland so viele Vorurteile gibt, selbst in meiner eigenen Familie", sagt sie. "Es war diese kleine, saubere Welt. Tomas hat da nicht hingepasst. Für ihn war es die Hölle." Sie zog mit ihrem Mann erst zurück nach Miami, dann nach New York. Sie war 28, und New York klang nicht nur besser als Poppenbüttel. Hier lebten viele Schwarze, und Geschichten gab es genug. Sie porträtierte einen verrückten Millionär, der jeden Fahrstuhl in der Stadt kannte, besuchte Kliniken, in denen Designerbabys gezeugt werden und filmte reiche Großmütter, die aus Langeweile ihre Enkelkinder stillen. Nebenbei drehte sie Industriefilme für Autofirmen, denn nur von ihren Dokumentarfilmen konnte sie nicht leben. Manchmal gelang es ihr, Beiträge ans deutsche Fernsehen zu verkaufen, aber es war nicht leicht. "Einmal bin ich in ein deutsches Fernsehstudio gegangen und habe von meinen Ideen erzählt", erinnert sie sich. "Die Redakteurin hat mich reden lassen, um mir dann mitzuteilen, dass das unmöglich zu verwirklichen ist. Ich hatte das Gefühl, dass sie gar nicht richtig zuhört. Nach einer Weile habe ich gemerkt, wie ich schon mutlos werde, wenn ich in Deutschland ankomme. Weil ich Angst habe, gegen Mauern zu rennen." Katja Esson entfernte sich immer mehr von Deutschland. Sie wollte es nicht. Es passierte einfach. Vor sechs Jahren bekam sie ein Stipendium, in einem kleinen Schloss in Brandenburg schrieb sie einen Spielfilm. Es war eine tolle Zeit, sagt sie, ein gutes Projekt. Aber der Film wurde nie gedreht. Vor einem Jahr bewarb sie sich mit "Ferry Tales" für die Berlinale und wurde abgelehnt. "Vielleicht war das Thema zu amerikanisch", sagt sie. In New York bekam sie zwar keine Stipendien, fand aber Menschen, die ihre Begeisterung teilten. An "Ferry Tales" haben außer ihr sechs Frauen mitgearbeitet. Deutsche Filmemacherinnen. Sie heißen Corinna Sager, Sabine Schenk, Cassis Staudt, Martina Radwan, Sabine Hoffmann. Sie kommen aus Erfurt, Berlin, Stuttgart, Hamburg und Düsseldorf. Sie sind alle irgendwann mal in New York hängen geblieben. Genau wie sie. Katja Esson sagt, ohne diese Frauen hätte sie "Ferry Tales" nie machen können. "Ferry Tales" ist ein 40-Minuten-Film über die Damentoilette auf der Staten-Island-Fähre. Die Staten-Island-Fähre fährt alle 15 Minuten von Manhattan nach Staten Island und wieder zurück. Morgens und abends wird sie von Pendlern benutzt, die in Manhattan arbeiten und in Staten Island wohnen, weil die Mieten da billiger sind. Putzfrauen, Sekretärinnen, Schalterbeamte. Die meisten sind schwarz. Katjas Kollegin Cassis hat einmal einen Tag lang ein Musikvideo auf der Fähre gedreht. Dabei ist ihr aufgefallen, dass sich die Damentoilette in den Morgenstunden in eine Art Treffpunkt verwandelt. Vor den Spiegeln sitzen Arbeiterinnen, tragen Make up auf, ziehen sich die Lippen nach, lackieren ihre Nägel, manche bringen Ondulierstäbe mit. Dabei tratschen sie, schimpfen über ihre Männer, geben mit ihren Kindern an, beklagen sich über ihre Chefs. Anderthalb Jahre lang hat Katja Esson die Frauen auf der Fähre beobachtet und interviewt. Das Ergebnis ist ein kleiner Film mit wunderschönen Bildern von New York und Interviews, die man nicht vergisst. "Ferry Tales" ist ein bisschen wie "Sex and the City", nur dass es auch schwarze Hauptdarsteller gibt. Eine hat vier Kinder und einen Mann, der sie verprügelt, eine kommt aus dem Obdachlosenheim, eine wurde als Kind missbraucht. Sie verabreden sich nicht in Upper East Side Restaurants. Ihr Treffpunkt ist das Damenklo. Die Frauen sind echt. Das ist der Unterschied. Katja Esson hat immer auf den Durchbruch gehofft, hat sich für Filmfestivals beworben, bei Sendern vorgestellt, Bänder verschickt. Aber ausgerechnet an dem Tag, als die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben wurden, war sie nicht zu erreichen, sondern mit ihrem Freund auf einer kleinen brasilianischen Insel, um Vögel zu beobachten. Im Hotel gab es kein Fernsehen, kein Telefon, kein Internet. In der Lower East Side verwandelt sich der Schnee langsam in grauen Matsch. Ein Mann verteilt Spendenaufrufe für eine Familie, deren Wohnung ausbrannte. In den Nachrichten werfen die Demokraten Bush vor, mit falschen Informationen den Irak-Krieg gerechtfertigt zu haben. Es ist alles wie immer. Aber nicht für Katja Esson. Die hat seit ihrer Rückkehr aus Brasilien manchmal das Gefühl, in einer anderen Welt gelandet zu sein. 42 Nachrichten waren auf ihrem Anrufbeantworter. Gute Nachrichten. Der Filmkonzern Miramax fragt an, der Fernsehsender HBO will aus den Fähren-Geschichten eine Reality-Show fürs Fernsehen machen. Katja Esson hat jetzt einen Presseagenten an der Westküste. Am Montag fährt sie nach Los Angeles. Alle Nominierten sind zum Empfang und zum Gruppenfoto eingeladen. Die Aufstellung soll nach dem Alphabet erfolgen, hat sie erfahren. Esson fängt mit E an. E wie Eastwood. "Ich werde neben Clint Eastwood stehen", sagt sie und grinst. Sie sitzt in dem Café und spielt mit den Kordeln ihrer Kapuze. Sie kann nicht essen, sie schläft auch schlecht. Um vier Uhr morgens wird sie wach. Dann denkt sie an die anderen Filme, ihre Konkurrenz. In einem geht es um Tschernobyl-Opfer, sehr bedrückend, der andere handelt von einer Frau, die vor ihrer Beschneidung in Ghana nach Amerika flüchten will. Auch so was Ernstes. Dagegen kommt ihr "Ferry Tales" irgendwie leicht vor. Verspielt. Ob das von Nachteil ist?, fragt sie sich. Manchmal liegt sie wach und denkt an die Frauen, die nur im Abspann erwähnt sind. Ihre Kolleginnen und die Frauen von der Fähre. "Ferry Tales" ist kein großer Film, aber spätestens seit letzten Dienstag weiß Katja Esson, dass sie nicht die Einzige ist, die große Hoffnungen hat. Es war der Abend, an dem sie die Nominierung gefeiert haben. Es war kalt und es hat geregnet, aber die Frauen von der Fähre hatten sich in Schale geworfen als würden sie bereits über den roten Teppich laufen. Aufgekratzt saßen sie vor Champagnergläsern. Valerie, vierfache Mutter aus Brooklyn, trug eine rote Stola über den Schultern und kündigte an, den Film in ihrem alten Obdachlosenheim zu zeigen. Irma erzählte, wie sie ihrer Chefin zugerufen habe: "Wir wurden nominiert". Sie sagte "wir". Alle sagen "wir". Sie wollen am liebsten alle nach Hollywood, zur großen Feier. So viele Erwartungen, so viele Hoffnungen. So ein kleiner Film. Kurzdokumentarfilm ist eine Kategorie, die ganz hinten in der Nominierungsliste steht. Es ist nicht mal sicher, ob sie im Fernsehen übertragen wird. "Wie war das im letzten Jahr?", fragt Katja Esson. Ihr fällt ein, dass eine Freundin in Deutschland gute Beziehungen zu Pro7 hat. Pro7 zeigt die Oscar-Verleihung. Die müssten es wissen. Es ist spät geworden. Katja Esson zieht ihre Jacke an und geht auf die Straße, in der nun zwei Bäume abgesägt sind. Aber darauf achtet sie nicht mehr. Sie hat jetzt viel zu tun. Es fängt ja alles erst an. Alle Nominierten sind zum Gruppenfoto eingeladen. Die Aufstellung soll nach dem Alphabet erfolgen. Esson fängt mit E an. E wie Eastwood. "Ich werde neben Clint Eastwood stehen", sagt Katja Esson. Foto: Katja Esson, 38 Jahre alt, auf der Staten-Island-Fähre in New York. Ihr Film, eine Dokumentation, heißt "Ferry Tales".

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