Kein Talent, keine Quote: Reinhold Beckmann entpuppt sich als teurer Fehleinkauf der ARD: Hier fragt der Falsche

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Peter Scholl-Latour ist vor kurzem 75 geworden und hat ein Handy, Pamela Anderson-Imitat Ina Werner ist blond und hat eine eigene Website, und Jaye Muller ist erst 27 und mit seiner Software-Firma "Jfax" schon richtig reich geworden. Das sind nicht eben viele Gemeinsamkeiten, reicht aber, um von Reinhold Beckmann zum Thema "Schöne, schnelle Welt" in eine Talkshow eingeladen zu werden, in der es am vergangenen Montag irgendwie um, ja um was eigentlich gehen sollte? Wo sich andere Redaktionen zunächst ein Thema ausdenken und dann überlegen, wer dazu vielleicht etwas zu sagen hätte, läuft das Procedere bei "Beckmann" offenbar umgekehrt. Seit dem 25. Januar versammelt der Ex-"Ran"-Mann im Ersten allwöchentlich ohne erkennbares Konzept zusammengewürfelte Gäste-Trios zu so hochbrisanten Themen wie "Erfolg", "Glück" oder "Starke Frauen". Aufgesetztes Lachen Nun läßt sich selbst ohne Themenvorgabe aus jeder noch so abstrusen Zusammenkunft von drei Menschen eine halbwegs sehenswerte Sendung machen, wenn der Vierte, der Moderator, sein Handwerk versteht. Reinhold Beckmann versteht es nicht. Seit dem Start seiner Talkshow ringt der 43jährige regelmäßig mehr mit sich selbst, als daß er auch nur halbwegs interessante Gespräche zustande brächte. Unvermittelt zwischen flapsiger Viva-Attitüde ("Whow! Wahnsinn!") und angestrengt sorgenvollem Fliege-Jargon ("Ist das nicht ein bißchen stressig, immer erreichbar zu sein?") wechselnd, verblüfft er seine Gäste regelmäßig mit den belanglosesten Fragen, honoriert selbst lausigste Scherze mit aufgesetzten Lachern oder versucht, das Studiopublikum im Stil eines Heizdecken-Verkäufers ("Sieht sie nicht toll aus!?") zu Beifallsstürmen zu animieren. Wenn es dann doch mal konkret um die zunehmende Beeinflussung der Politik durch die Medien gehen soll, nennt Beckmann das Phänomen schlicht "Medienpolitik." Alles klar. Und wenn er schließlich noch Menschen, die einander beim besten Willen nichts zu sagen haben, miteinander ins Gespräch bringen will, wird s völlig abstrus: "Woher kommt diese Sehnsucht nach Imitaten?" wollte Beckmann mit Blick auf Ina Werner da von Peter Scholl-Latour wissen. Woraufhin der alte Haudegen des Journalismus, sichtlich irritiert, nur sagte, was zu sagen war: "Da fragen Sie den Falschen." Nicht minder richtig: Hier fragt auch der Falsche. Das haben auch die Zuschauer gemerkt. Denn mit durchschnittlich rund 11 Prozent Marktanteil dümpelt die Talkshow seit ihrem Start Ende Januar vor sich hin. Alfred Biolek bringt es dienstags auf durchschnittlich knapp 19 Prozent, und Jürgen von der Lippe schafft mit seiner Billigproduktion "Wat is?" montags unmittelbar nach Beckmanns Plauderrunden regelmäßig um die 20 Prozent. Als erste Konsequenz aus dem Quotendilemma mußte "Beckmann"-Chefredakteur Marc Schubert nach nur sechs Sendungen seinen Hut nehmen. Auch bei der "Guinness-Show", Beckmanns zweitem Standbein in der ARD, stehen die Zeichen auf Sturm. Auch hier stört Beckmann die Sendung mehr, als daß er ihr nützt: mit langweiliger Präsentation der Rekorde, einstudierten Kalauern und der Unfähigkeit, den Gästen auch nur einen interessanten Satz zu entlocken. Kam die erste Ausgabe noch auf 6,2 Millionen Zuschauer, waren es bei der zweiten nur noch 3,8 Millionen für eine Samstagabendshow ein desaströses Ergebnis. So könnte der dritte "Guinness"-Aufguß am 10. April für den einstigen Sat-1-Sportchef bereits zum Schicksalsspiel werden. Nun könnte man das alles schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, wäre Reinhold Beckmann nicht vor Jahresfrist mit einem beispiellosen Luxusvertrag von Sat 1 losgeeist und als neue Lichtgestalt der ARD-Unterhaltung präsentiert worden. Wie damals in den Medien berichtet wurde, zahlen NDR, WDR, BR und MDR satte 46 Millionen Mark Gebührengelder für vier Jahre an Beckmann. Dafür muß er die wöchentliche Talkshow sowie jährlich sechs Ausgaben der "Guinness-Show" zwar sendefertig abliefern, aber auch nach Abzug aller Produktionskosten bleiben ihm nach Expertenschätzungen noch rund 9 Millionen Mark Honorar. Der Clou: Der Vertrag ist angeblich nicht einmal erfolgsabhängig. Wenn sich die ARD demnächst entschließen sollte, die "Guinness-Show" oder/und "Beckmann" mangels Quote vom Schirm zu nehmen, läuft das Salär des Moderators weiter. In diesem Fall müßte Reinhold Beckmann lediglich an der Entwicklung neuer Formate mitwirken. Sollte es der ARD dank seiner Beratertätigkeit gelingen, bei den in diesem Jahr anstehenden Verhandlungen die Rechte an der Fußball Bundesliga zu erwerben, steht dem einstigen Sat-1-Sportchef noch mal eine "erfolgsabhängige, angemessene Vergütung" zu. Ein clever ausgehandelter Vertrag, dessen Zustandekommen man nicht Reinhold Beckmann sondern den Oberen des NDR vorwerfen kann, die beim Abschluß dieses Deals die Federführung für die ARD hatten. Hier wurde ein Fernsehpromi für zwei TV-Genres verpflichtet, in denen er bis dahin keinerlei Meriten vorzuweisen hatte. Im Gegenteil. Den Beckmannschen Talkversuch "No Sports" nahm Sat 1 1995 schon nach wenigen Ausgaben wieder vom Schirm, und auch als Präsentator diverser Fußball-Galas ließ Reinhold Beckmann keinerlei Entertainer-Qualitäten erkennen. Thomas Gottschalk Paroli bieten zu wollen oder mit Talkgästen ein halbwegs eloquentes Gespräch zu führen, verlangt andere Fähigkeiten, als mit Otto Rehagel launig über die Viererkette zu fachsimpeln. Wie Kerner beim ZDF So wird mehr und mehr deutlich, daß Reinhold Beckmann in erster Linie der Nutznießer eines öffentlich-rechtlichen Konkurrenzgebarens ist. Nachdem die Privaten bei ARD und ZDF jahrelang die Stars eingekauft hatten, versuchte das ZDF, mit der Verpflichtung von Johannes B. Kerner den Trend umzukehren. In dieser Situation galt es für die ARD koste es, was es wolle , diesen Coup der Mainzer zu toppen, indem man mit Reinhold Beckmann Kerners einstigen Chef engagierte. Wie sagte doch NDR-Programmdirektor Jürgen Kellermeier über den Neuzugang: "Allein, daß Beckmann Sat 1 verläßt, ist schon ein Wert an sich." Wenn nicht alles täuscht, dürfte das der einzige Wert bleiben.

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