26.07.2002

Kirche muss sparen und baut Stellen ab: Pfarrer versetzt: Dorf droht mit Kirchenaustritt

Von Susanne Rost

SEDDIN. Sogar mit Austritt aus der Kirche haben Seddiner Christen schon gedroht - sollte ihr langjähriger Pfarrer den Ort verlassen müssen. Die Kirche will seine Stelle einsparen. Der 37-jährige Christoph Brust soll künftig andernorts predigen, taufen und beerdigen. Seit Wochen kämpft das Dorf in der Prignitz um seinen Seelsorger. Die "total entsetzte und enttäuschte" Kirchengemeinde hat Unterschriften für ein Bleiberecht des Pfarrers und den Erhalt des Pfarrsprengels gesammelt - fast 900 kamen zusammen, obwohl es in Seddin nur 620 Christen gibt. Diese Liste schickte sie an die Superintendentin, den Bischof und den Ex-Ministerpräsidenten Stolpe. "Es ist leichter, Geld zu verdienen als das verlorene Vertrauen der Menschen", heißt es in der Bittschrift. Tumultartig soll es bei Beratungen der Seddiner mit dem für die geplante Versetzung zuständigen Kirchenkreis zugegangen sein. Das schreibt zumindest die Lokalzeitung, die dem Kampf um den Pfarrer ganze Sonderseiten widmet. Doch die Superintendentin Brigitte Worch verweist darauf, dass nicht genügend Geld da ist. 35 000 Mitglieder weniger Die evangelische Landeskirche muss insgesamt sparen - denn ihre Einnahmen gehen seit Jahren zurück. Die Zahl der Protestanten in Brandenburg sank allein in den letzten sechs Jahren um 35 000 auf 480 000. Noch stärker gingen die Kirchensteuereinnahmen zurück. Denn viele Kirchenmitglieder sind inzwischen im Rentenalter - sie sind ebenso wie die Erwerbslosen von der Abgabe befreit. Im vorigen Jahr nahm die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg (EKiBB) nur noch 306 Millionen Mark (156 Millionen Euro) an Steuern ein - statt 330 Millionen (169 Millionen Euro) wie im Jahr 2000. Schon vor vier Jahren verordnete sie sich einen strikten Sparkurs. So wurden kleinere Gemeinden, die bislang über einen eigenen Pfarrer verfügten, zu einer großen mit einem einzigen Seelsorger zusammengelegt. Inzwischen gebe es knapp 300 Kirchengemeinden weniger in Brandenburg, sagt EKiBB-Sprecher Reinhard Lampe. Der Kirchenkreis im äußersten Nordwesten Brandenburgs, in dem Seddin liegt, hat von solch drastischen Maßnahmen bislang abgesehen. "Wir haben bis jetzt bewusst keinen Pfarrer weggeschickt", sagt die Superintendentin Brigitte Worch. Aber nun müsse gespart werden. Der Kirchenkreis leistet sich erheblich mehr Pfarrer, als er bezahlen kann: Mit den 777 000 Euro aus dem Personaletat könnten knapp zwölf volle Pfarrstellen bezahlt werden. Tatsächlich arbeiten dort aber 18 Pfarrer - von denen allerdings drei nur in ihre Dörfer "entsendet", also noch nicht dort fest angestellt sind. Einer davon ist Christoph Brust, der seit zwölf Jahren mit seiner Frau und inzwischen drei Töchtern in Seddin lebt. Er soll sich bis zum 31. Juli auf eine Pfarrstelle in einem anderen Ort bewerben. Tut er das nicht, versetzt ihn die Kirche. Die Superintendentin sagt: 500 oder 600 Gemeindeglieder würden heutzutage einfach keinen eigenen Pfarrer mehr rechtfertigen. Dramatische Hilferufe Für EKiBB-Sprecher Lampe ist das Ganze auch eine Frage der Gerechtigkeit. Denn es gebe etliche Kirchengemeinden in Brandenburg, in denen Pfarrstellen vakant seien, deren Finanzierung auch gesichert ist. Es gebe aus diesen Orten dramatische Hilferufe, weil sich niemand auf die Stelle bewerbe, sagt Lampe. Die Internetseite der Evangelische Kirche weist derzeit mehr als ein Dutzend vakante Pfarrerposten auf. Den Vorschlag der Seddiner Bürgeriniative, das Pfarrergehalt künftig mittels Spenden zu subventionieren, lehnt die Superintendentin ab: "Dadurch geriete das grundsätzliche Finanzmodell durcheinander." Die Kirchenaustrittsdrohung der erbosten Seddiner hält sie für eine Kurzschlussreaktion: "Man glaubt doch an Jesus Christus - nicht an einen Pfarrer."

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