21.10.2010

Klaus Wowereit besichtigt seinen Heimatbezirk Tempelhof-Schöneberg - und die Praxis der Integration: Schwarze Null im Sozialpalast

Von Thomas Rogalla

Dass er hier in seinem Heimatbezirk Tempelhof-Schöneberg mit dem Namen Klaus-Rüdiger Landowsky konfrontiert würde, hat Klaus Wowereit vor seiner Tour durch den Bezirk sicher nicht geahnt. Sigrid Witthöft, Prokuristin der Pallasseum Wohnbauten KG, erwähnt den Namen des früheren Berliner CDU-Politikers. Der habe 1998 den Abriss der Wohnanlage an der Schöneberger Pallasstraße gefordert, weil viele Bewohner des "Sozialpalastes" so kriminell seien. Davon könne aber heute keine Rede mehr sein: Alle 514 Wohnungen seien vermietet. Die Zeiten, als sich Junkies in den versifften Treppenhäusern des Betonriegelbaus ihren nächsten Schuss setzten, seien lange vorbei. Leerstand sei kein Thema mehr. "Wir verdienen hier kein Geld, aber wir schreiben jetzt eine schwarze Null", sagt die Prokuristin sichtlich stolz. Gisela Gut vom Quartiersmanagement nickt, schaut aber streng durch ihre goldgefasste Brille, wegen des Begriffs Sozialpalast. Das Gebäude heiße jetzt "Pallasseum", sagt sie und bittet die verehrten Politiker und die Presse sehr darum, nicht mehr vom Sozialpalast zu sprechen. Das klingt wie ein Befehl. Denn das größte Problem dieses Kiezes und des "Pallasseums" mit seinen rund 1500 Bewohnern aus mehr als 40 Nationen sei weniger die soziale Realität. Das größte Problem sei das schlechte Image des Kiezes und des früher sogenannten Sozialpalastes, der so hieß, weil hier in der Nazizeit der Sportpalast stand, nach dessen Abriss in den 70ern Sozialwohnungen gebaut wurden. In den 80er- und 90er-Jahren wurde der Sozialpalast zum Sozialhilfepalast. Etwa jeder Zweite ist auch heute noch von Transferleistungen abhängig, aber dank zehn Jahren harter Arbeit beim "Vernetzen" und "Aktivieren" der Bewohner sowie mit Fördergeldern in Millionenhöhe bekomme man jetzt sogar junge Leute und Kreative hierher, sagt Witthöft. Ein Künstler hat die Satellitenantennen mit Motiven der Bewohner bemalt und dabei "Türen aufgestoßen", sagt Gut. Wowereit nickt. Er weiß natürlich, dass die Präsentation von Problemen meist mit der Forderung nach neuen Förderprogrammen und die Präsentation von Erfolgen oft mit dem Wunsch nach einer Anschlussförderung verbunden ist, um das Erreichte nicht zu gefährden. Beim Besuch im Pallasseum geht es um Letzteres. "Völlig solidarisch" sei er mit der Forderung der Quartiersmanager, die gegen eine Kürzung der Bundesmittel für ihre Arbeit Front machen. Dass Quartiersmanagement hier etwas zum Besseren bewirkt habe, hat ihm zuvor sogar die Feuerwehr bestätigt, deren Wache in der Feurigstraße er besucht hatte. "Die haben mir berichtet, dass es im Pallasseum viel weniger Einsätze gibt als früher." Also gehe es offenbar geordneter unter den Bewohnern zu. Mit einigen von ihnen gibt es dann im Café unten im Haus ein Gespräch, bei dem die Kiezmanager viel und das runde Dutzend Frauen mit Kopftüchern eher wenig sprechen. Frau Gut weist auf Bildungsaufstiege im Haus hin. Der Sohn des türkischstämmigen Hausmeisters studiere an der TU, und die Töchter von Frau Bayram besuchten ein Gymnasium in Schöneberg. Es geht um praktische Fragen, weniger ums große Ganze der Integration. Der Name Sarrazin fällt erst, als Wowereit nach der Wirkung der gleichnamigen Debatte fragt. Traurig seien viele seiner Landsleute über die Herabsetzung durch Sarrazin schon gewesen, sagt ein türkischstämmiger Bewohner, aber auch froh über die Reden des Bundespräsidenten. Für Sarrazin habe man hier keine Zeit, man müsse Probleme lösen und nicht nur beschreiben, sagt Frau Gut. Petra Haug, Koordinatorin der Kochschule "Palladin" nebenan, sagt das Gleiche. In dem Projekt werden Jugendliche mit Arbeits- und Disziplinproblemen zu Köchen und Restaurantfachkräften ausgebildet, darunter auch Muslime. Gestern gab es vorzügliches Schweineschnitzel. Ein interkulturelles Problem? Manchmal schon, sagt Haug. Aber wer als Muslim das Fleisch nicht anfassen will, "dem geben wir Handschuhe. Dann geht es". ------------------------------ Foto: Klaus Wowereit mit drei Bewohnerinnen des Sozialpalastes. Diesen Namen wollen die Quartiersmanager nicht mehr hören, sie nennen das Haus "Pallasseum". Foto: Verbindung in die alte Heimat: Viele Mieter haben Satellitenschüsseln für türkische oder arabische Sender.

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