26.08.2004

Klebrige Schatten

Von Holm Friebe, Kathrin Passig

Es sei, berichtet Frau P., schrecklich gewesen. In Ermangelung eines nordamerikatauglichen Triband-Handys hatte sie ohne das längst zum Körperteil gewordene Gerät nach Kanada reisen müssen. Tagelang sei sie von schlimmen Phantom-Vibrationsalarmen in der rechten Hosenbeintasche geplagt worden. In erster Linie aber habe sie das nicht abzuschüttelnde Gefühl der Isolation vom Rest der Welt gepeinigt, einer nicht mehr überbrückbaren Kluft, gegen die die 8 000 real zurückgelegten Kilometer ein Katzensprung waren. Mittlerweile ist es nicht mehr der technische Nutzwert, der die mobilen Endgeräte so unentbehrlich macht, sondern ihr sozialer Mehrwert. Und die neuen Leiden der P. sind nur eine Vorschau auf künftige Komplikationen. Albträume, in deren Verlauf wir uns ohne Unterhosen vor einer Prüfungskommission wiederfinden, werden schon bald durch solche ersetzt, in denen wir an einem Sonnabend Abend ohne hilfreiche Hardware in Berlin-Mitte stehen. Denn dem Cyberspace ist im Cyberspace langweilig geworden, und er beginnt mit der Kolonialisierung der Kohlenstoffwelt. Im Moment stehen diverse Technologien in den Startlöchern, die die populären Buddy-Listen aus dem Internet ins richtige Leben verpflanzen: Dienste wie Socialight, Speck, Serendipity, Mobiluck, SmallPlanet, Dodgeball oder FindPeople informieren ihre Benutzer darüber, ob sich Freunde, Freunde von Freunden oder wenigstens Menschen mit ähnlichen Interessen (von Kaffeetrinken bis Kopulation) in der gleichen Gegend aufhalten. Und mit der Zusammenführung von Stammesangehörigen zwecks gemeinsamen Flöhens ist es nicht getan - auch Fremde sind vor den Nachstellungen der Geräte nicht sicher. Die Handysoftware Jabberwocky macht alle "fremden Bekannten" sichtbar und wieder erkennbar, denen wir täglich an der Bushaltestelle oder im Café begegnen. PacManhattan transportiert gleich das ganze Spiel PacMan mit lebenden Spielern in die Straßen Manhattans. Manche Dienste bieten Zusatzfunktionen, deren Einsatzzweck sich erst im sozialen Experiment herauskristallisieren wird. Mit Socialights "Sticky Shadows" lassen sich Nachrichten, Bilder oder Videos an bestimmten Orten hinterlegen. Passiert ein Bekannter des Nutzers den gleichen Ort, nimmt sein Handy die Landstreicherzinken aus dem Freundeskreis wahr. So lassen sich Futterstellen, Feinde und die Grenzen des eigenen Reviers markieren, ohne dass man zu Hause im Stock komplizierte Schwänzeltänze aufzuführen braucht. Im Unterschied zu, sagen wir, der undokumentierten Savanne lässt sich die Stadt ja angenehm reibungslos benutzen, indem man lediglich ihre oberflächlichsten Zeichen interpretiert. Wer bei Rot steht, bei Grün geht und den Weg zum Dönerladen findet, dessen Überleben ist gesichert; Graffiti-Deutungsfähigkeiten sind optional. Jetzt wächst der Stadt eine weitere Bedeutungsebene, deren Dekodierung nicht erst erlernt werden muss. Die neuen Städte in den Städten stehen jedem offen, der über den nötigen mobilen Schnickschnack verfügt. Dabei ist das Bedürfnis, über seine Umgebung und die Beschäftigungen der Mitmenschen in allen Details Bescheid zu wissen, ein zutiefst ländliches. Nicht ohne Grund hat sich der Trend zur sozialen Urbarmachung vormals anonymer Orte bisher in eher stadtfernen Freizeitvergnügen wie der GPS-Schatzsuche Geocaching und dem ausführlich dokumentierten Aufsuchen der Schnittpunkte von Längen- und Breitengraden geäußert. Das sind einerseits schlechte Nachrichten für alle, die auf der Flucht vor einem Übermaß an sozialer Kontrolle dem Land den Rücken gekehrt haben. Andererseits darf man langfristig mit einer Abnahme derjenigen Misshelligkeiten rechnen, die nur im schlecht informierten Raum funktionieren: Im Internet verstummen Trolle zuverlässig, trifft man nur das Zauberwort ihres richtigen Namens. Das lässt auch für den Umgangston im Straßenverkehr und an der Supermarktkasse hoffen. Miserable Restaurants werden es schwerer als bisher haben, wenn sie ein unsichtbares "Sticky Shadow"-Warnzeichen tragen. Und wenn es eines Tages gar nicht mehr auszuhalten ist, kann man schließlich immer noch zurück aufs (dann wieder vergleichsweise anonyme) Land ziehen und den elterlichen Hof übernehmen. Zum PacMan-Spielen soll ja angeblich auch ein Computer reichen.

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