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Laura und Maxi erzählen Geschichte der Huren: Goldfisch-Anna war bei den Herren beliebt

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MITTE. Die Goldfisch-Anna von der Friedrichstraße soll eine ganz Freche gewesen sein. Griff sich immer einen Goldfisch aus dem Aquarium und ließ ihn in ihr Dekolleté gleiten. Das Tier zappelte ordentlich zwischen den üppigen Brüsten und manchmal gelang ihm ein Sprung zurück ins Wasser. Die Goldfisch-Nummer kam bei den Herren gut an und machte Anna zu einer der meistbeschäftigten Huren auf der Friedrichstraße damals, in den 20er Jahren. Carl Zuckmayr hat über sie geschrieben, und nun trägt Maxi die Anekdote vor, immer wenn sie auf ihrer "Hur-Tour" an der Oranienburger-/Ecke Friedrichstraße stehen bleibt. Denn alle zwei Wochen führen Maxi und ihre Kollegin Laura durch das Scheunenviertel und erzählen dabei die Geschichte der Berliner Huren. Sie liefern keinen Vortrag, eher ein munteres Duett: eineinhalb Stunden lang erzählen und zitieren die Frauen abwechselnd Anekdoten und Episoden aus dem Huren-Leben von der Jahrhundertwende bis heute. Bei Tucholsky, Zuckmayr und Kästner haben sie nachgelesen, in alten Zeitungen und bei Hans Oswald, der 1902 eine Geschichte der Prostitution verfasst hat. Sie erfuhren, dass vorm Tacheles in den 20er Jahren der "geteilte Strich" war, links die Jungs, rechts die Mädels. Vor dem Haus an der Auguststraße 14-16 bleiben sie stehen, weil hier einst eine Art Reha-Klinik untergebracht war, in der den Mädchen von der Straße der "HWG", der häufig wechselnde Geschlechtsverkehr, abgewöhnt werden sollte. Schaurig endete 1926 das große Zuhälter-Treffen an der Sophienstraße: "Titten-Ernie" hatte es gewagt, den Zuhälter zu wechseln, ihr alter Lude richtete die Pistole auf den neuen, und so, erzählt Maxi, "kam es zu einer blutigen, sinnlosen Schießerei". Die Hur-Tours sollen aber nicht nur mit bizarr-lustigen Anekdoten unterhalten. Die Frauen, die selbst als Huren arbeiten, wollen über ihre Profession aufklären. "Wenn wir mit dem erhobenen Zeigefinger kämen, würde uns niemand zuhören", sagt Laura. So schlägt sie wie nebenbei den Bogen zu den Arbeitsbedingungen der Huren heute. Sie erzählt, dass es in Berlin die wenigsten Zuhälter gibt, weil die Frauen selbst auf sich aufpassen können. "Hier im Scheunenviertel ist die Prostitution vorbildlich in die Infrastruktur integriert." Erst Sperrgebiete, die die Frauen an den Stadtrand drängten, machten das Gewerbe gefährlich. Kurz vor neun Uhr abends, wenn die Huren der Oranienburger Straße ihre Arbeit beginnen, ist die Hur-Tour zu Ende. Schließlich, sagt Laura, wollen wir die Mädchen nicht vorführen wie im Zoo. (pa.) Anmeldungen für Führungen unter Tel. 2 81 21 50.

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