23.08.2004

Legs McNeil erzählt die wundersame und erschröckliche Geschichte des amerikanischen Punkrock: Rücksichtsloser Kampf gegen die Langeweile

Von Markus Schneider

In den USA ist die Oral History mittlerweile ein gern benutztes Genre. Statt tiefschürfend zu analysieren und harte Daten zu sammeln, montiert man unkommentiert Gespräche mit Zeitzeugen zur historischen Erzählung zusammen. Ein Nachteil dieses Verfahrens liegt naturgemäß in der mangelnden Akkuratesse der persönlichen Erinnerung. Ein schöner Vorteil besteht hingegen in der Nähe, die das gesprochene Wort dem Leser suggeriert - gerade wenn es um Gegenstände der Popkultur geht. Schließlich machen zum Beispiel Sex, Intrigen und Exzesse fröhlich erzählt mehr Spaß, als wenn man sie etwa freudianisch zur Künstlerinspiration umzudeuten versucht. "Please Kill Me", 1996 in den USA veröffentlicht und jetzt sorgfältig ins Deutsche übersetzt, stellt aus über 500 Stunden Interview-Material eine Chronologie der frühen Tage des Punkrock her. Legs McNeil kann für sich beanspruchen, den Begriff Punk zwar nicht erfunden zu erhaben (dieses Verdienst gehört vermutlich Lester Bangs). Doch hat er ihn gewissermassen institutionalisiert, als er 1975 mit dem Grafiker John Holmstrom das Magazin "Punk" gründete. "Please Kill Me" skizziert das amerikanische Vorbild des Genres, nicht das britische Phänomen Punk, für dessen Beginn die Sex Pistols stehen. Diese Band hatte Malcolm McLaren ja nach dem Vorbild der New York Dolls modelliert, welche er wiederum in seiner New Yorker Zeit gemanagt hatte. Anders als später bei den Sex Pistols, ging es im US-Punk - Ende der Sechzigerjahre entstanden - aber noch weniger um situationistische Inszenierungen, modische Posen und Pop-Strategien. Vielmehr verwirklichten amerikanische Teenager in der ersten Dekade nach Hippies, Pop und Vietnam im Punk ihre nihilistischen Ausbruchsfantasien. Sie waren die "Blank Generation", nach der Hymne Richard Hells, der mit seiner nicht unmutigen T-Shirt-Aufschrift "Please Kill Me" auch den Titel dieses Buches geliefert hat. Stärker als den Briten ging es den Amerikanern vor allem auch um die Wiederbelebung der in Pomp und Pose erstarrten Rockmusik, um Sex & Drugs & Rock'n'Roll. "Please Kill Me" beschreibt eine Generation genervter Kids, die mit den friedlichen Hippie-Aussteigern so wenig zu tun hatten wie mit fett gewordenen Rockern und den moralischen Vorgaben ihrer Eltern. In der Auswahl McNeils bleibt freilich Politik eine Leerstelle. Die Protagonisten kreisen zu sehr um sich selbst, als dass sie ihr Verhältnis zur sie umgebenden Wirklichkeit anders als durch pauschale Ablehnung gestalten könnten. Die New Yorker Szene bestand aus einem Häufchen weißer Musiker, Künstler, Bohemiens und Straßenkids, deren inoffizieller Clubraum das legendäre CBGB's an der Lower East Side war. In "Please Kill Me" kommen sie alle zu Wort: The Velvet Underground und der Warhol-Clan als Wegbereiter; deren polit-randalierende Gegenstücke, die Detroiter Band MC 5, und ihr Manager John Sinclair, der seine White-Panther-Träume und den Vorsatz, "eine Gefahr für die Gesellschaft zu sein", im Gefängnis begraben musste. Schließlich die anfänglichen MC-5-Protegées The Stooges, mit dem archetypischen Punk Iggy Pop, der sich von Velvet-Underground-Ikone Nico in den Genuss europäischer Weine und die venerischen Fährnisse der Promiskuität einweisen lässt. Lou Reed residiert als arroganter Pate der New Yorker Szene und Debbie "Blondie" Harry erscheint als fürsorgliche Mutter für die jüngeren, verwahrlosten Kids. Patti Smith ist als Groupie und etwas naive Karrieristin dabei und Johnny Thunders, Ex-New-York-Doll und der berüchtigste aller Junkies, strebt zielsicher auf sein elendes Ende in New Orleans hin. Die Ramones und Dead Boys lärmen als fröhlich-dumpfe Straßenkids daher. Dazwischen flattern all die Groupies, One-Hit-Wonders und gehobenen Flaneure der Plattenfirmen und Kunstszene, die im Gegensatz zu einer großen Zahl der Protagonisten dem gefährlichen Lifestyle aus Heroin und Speed, Erschöpfung und Geldmangel, zielloser Wut und wahllosem Sex schließlich doch entkommen konnten. Überlebende und Verlierer Zunehmend tauchen aus dem rücksichtslosen Kampf gegen Langeweile immer stärkere Bilder herzzerreißender Selbstzerstörung und lähmender Leere auf. In schäbigen Hotelzimmern sterben die Leute, die nicht rechtzeitig in eine Karriere oder psychiatrische Zwischenstationen abtauchten. Unausweichlich teilt sich die Szene in kluge oder geschickte Überlebende und beiläufige oder tragische Verlierer. "Please Kill Me" lässt vieles aus, verzichtet auf wichtige Bands und weitgehend auf gleichzeitig blühende Szenen in anderen Teilen der USA. Auch hält es sich zu sehr zurück, wo es um den gelegentlich konstatierten, latenten Rassismus einiger Beteiligter oder das provozierende Fuchteln mit Nazi-Symbolen geht. Trotzdem ist das Buch mit all seinen Eifersüchteleien, üblen Nachreden, Liebeserklärungen und Geschichts-Klittereien ein prächtiges, pralles Sittenbild. Nicht zuletzt ein manchmal sehr ernüchternder Blick hinter die offizielle Geschichte, die uns die Musik erzählt. Und die klingt heute so verführerisch, heroisch und gefährlich wie damals. ------------------------------ Legs McNeil u. Gillian McCain: Please Kill Me. Die unzensierte Geschichte des Punk. Hannibal Verlag, Höfen 2004. 509 S. , 25,90 Euro. ------------------------------ Foto: Iggy Pop mit der letzten Stooges-LP "Raw Power", 1973.

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