16.12.2009

Menschen und Affen locken lachend zum Spielen und lernen dabei / Evolution der Heiterkeit: Kichern macht schlau

Von Kerstin Viering

Jetzt reicht es aber wirklich, Charles!", dürfte so mancher von Darwins Zeitgenossen kopfschüttelnd gedacht haben. Mit seinem vor 150 Jahren erschienenen Werk über die Entstehung der Arten hatte der Vater der Evolutionstheorie ja eigentlich schon genügend Staub aufgewirbelt. Doch dann fing er auch noch an, am Selbstbild seiner eigenen Spezies zu kratzen. So machte er 1872 wieder einmal Furore, als er ein Buch namens "Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren" veröffentlichte. Bis dahin hatte sich die Menschheit einiges auf ihre scheinbar einzigartige Gefühlswelt eingebildet. Und jetzt sollten plötzlich auch Tiere Emotionen besitzen? Gemeinsame Vorfahren sollten Menschen und Tieren die Fähigkeit vererbt haben, Wut, Freude oder Trauer zu zeigen? Zu Darwins Zeiten klang das verdächtig nach einem Hirngespinst. Heute finden Wissenschaftler allerdings mehr und mehr Beweise dafür, dass Emotionen tatsächlich eine Evolutionsgeschichte haben. Elke Zimmermann und ihre Kollegen vom Institut für Zoologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover sind seit mehr als zehn Jahren den Geheimnissen des Lachens auf der Spur. "Es gibt keinen Zweifel mehr daran, dass auch Menschenaffen lachen können", sagt die Forscherin. Ihre ehemalige Doktorandin Marina Davila Ross, die nun an der University of Portsmouth in Großbritannien arbeitet, ist nicht umsonst jahrelang von Zoo zu Zoo gereist, um Affenkinder zu beobachten. Denn die zeigen beim Spielen immer wieder Verhaltensweisen, die verblüffend an menschliche Heiterkeitsausbrüche erinnern. So gibt es zwei ziemlich sichere Methoden, um ein Menschen-Baby zum Lachen zu bringen: Entweder man lacht es selbst an oder man kitzelt es an den Fußsohlen oder unter den Achseln. Beide Tricks kennen Menschenaffen auch. So ziehen spielende Orang-Utans ziehen oft die Mundwinkel zurück und entblößen dabei die Zahnreihen. "Oft dauert es dann nur eine Sekunde, bis ihre Gefährten das gleiche Spielgesicht machen", sagt Elke Zimmermann. Diese Mimik sieht also nicht nur ähnlich aus wie ein Lachen, sie ist für Artgenossen auch genauso ansteckend. Damit nicht genug: Unter Schimpansenkindern gehört es zu den beliebtesten Spielen, einen Artgenossen kräftig durchzukitzeln. Das "Opfer" zeigt dabei nicht nur sein Spielgesicht, sondern macht auch kichernde Geräusche. Dieses hörbare Gelächter faszinierte Marina Davila Ross, Elke Zimmermann und ihren US-amerikanischen Kollegen Michael Owren. Können das alle Menschenaffen? Und: Lachen die einzelnen Arten unterschiedlich? Um das herauszufinden, brauchten die Forscher Tonaufnahmen der jeweiligen Laute. Der Plan sah vor, Affenkinder gezielt zu kitzeln und ihre Reaktion aufzuzeichnen. Allerdings lässt das keine Affenmutter freiwillig zu. "Wir konnten deshalb nur von Hand aufgezogene Zootiere mit menschlichen Bezugspersonen untersuchen", sagt Elke Zimmermann. Insgesamt 21 junge Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans sowie drei Menschenkinder lieferten schließlich mehr als 800 Hörproben. Und auf allen war deutliches Gelächter zu hören. Mithilfe einer sogenannten Computerspektrografie analysierten die Forscher Frequenz, Tempo, Rhythmus und andere physikalische Eigenschaften der aufgezeichneten Schallwellen. So entstanden akustische Fingerabdrücke des Gelächters, die sich dann mit einer speziellen Software vergleichen ließen. Mit ganz ähnlichen Rechenverfahren werteten Molekularbiologen schon vor einigen Jahren die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Erbgut der verschiedenen Menschenaffenarten aus und fanden so mehr über deren Verwandtschaftsverhältnisse heraus. Bonobos und Schimpansen trennten sich demnach erst vor etwa sechs Millionen Jahren von der Entwicklungslinie des Menschen und sind damit seine nächsten lebenden Verwandten. Orang-Utans dagegen gehen schon seit zwölf bis 14 Millionen Jahren eigene Wege. Als Zimmermann und ihre Kollegen nun akustische statt der genetischen Daten einspeisten, spuckte der Computer einen ähnlichen Stammbaum aus: "Die Ähnlichkeiten in den Lauten spiegeln exakt die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den vier untersuchten Arten und dem Menschen wider", sagt die Forscherin. Das eher hechelnde Orang-Lachen unterscheidet sich demnach am stärksten von menschlichen Heiterkeitsausbrüchen. Ein gekitzeltes Bonobo-Kind dagegen hat zumindest schon einzelne Elemente im Repertoire, die an ein typisches melodisches Menschenlachen erinnern. Ihr grundsätzliches Faible für Gelächter aber haben alle Menschenaffen und Menschen wohl schon vor Jahrmillionen von ihrem gemeinsamen Vorfahren geerbt. Vielleicht ist es sogar noch viel älter. Es gibt nämlich Hinweise darauf, dass auch weniger hoch entwickelte Affen wie etwa Makaken beim Spielen kichern. Lachen scheint also eine Fähigkeit zu sein, die sich im Laufe der Evolution bewährt hat. Nur wozu dient sie eigentlich? "Es geht offenbar darum, das Spielverhalten zu fördern"; sagt Zimmermann. So dauern die Spiele von kleinen Orang-Utans deutlich länger, wenn die Beteiligten zwischendurch ihr breit lächelndes Spielgesicht zeigen. Allein die Mimik signalisiere schon: "Ich bin in Spiellaune, mach doch mit!" Das zusätzliche lautstarke Gekicher könnte dabei helfen, Spielgefährten aus weiterer Entfernung anzulocken. Wer mehr lacht, kommt also besser ins Spiel. Und das kann ein entscheidender Vorteil sein. Denn beim gemeinsamen Rennen, Klettern und Balgen trainieren Affenkinder nicht nur ihre Geschicklichkeit und Körperkraft, sondern auch den richtigen Umgang mit Artgenossen. Je mehr sie spielen, desto mehr lernen sie also. Lachen steigert demnach die Bildungschancen. Ob die Tiere mit ihrem Gekicher auch noch andere Zwecke verfolgen, weiß bisher niemand so genau. Klar scheint aber, dass sie es bei weitem nicht so vielseitig nutzen wie der Mensch. "Wir können unser Lachen ja auch ganz bewusst einsetzen, um andere im positiven oder negativen Sinn zu beeinflussen", sagt Elke Zimmermann. Auf die Idee, die Laune seiner Artgenossen in Lachclubs zu verbessern, ist bisher wohl noch kein Affe gekommen. Und auch das hämische Gelächter, mit dem man andere so leicht ausgrenzen kann, scheint eine rein menschliche Erfindung zu sein. Möglicherweise fehlen den Tieren dazu spezielle Verschaltungen im Nervensystem. Ein Schimpanse, der ausrutscht, seine Banane verliert oder vom Ast stürzt, muss jedenfalls wohl nur mit der eigenen Frustration kämpfen -und nicht auch noch mit dem schadenfrohen Gekicher seiner Artgenossen. Current Biology Bd. 19, S. 1106 ------------------------------ "Wir Menschen können unser Lachen bewusst einsetzen, um andere zu beeinflussen" Elke Zimmermann, Institut für Zoologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover Foto: Lachen ist nützlich, haben Zoologen an Schimpansen (Bild) und Orang Utans beobachtet, die - lachend - wesentlich länger spielten.

Anzeige
Meistgeklickte Artikel
Chaos in der Rush-Hour: Die können Störungen im Berliner S-Bahn Verkehr können bis morgen früh andauern.
Berliner S-Bahn nach Kabelbrand 
Ermittlungen im Fall Nicky Miller 
Berliner Zeitung präsentiert:
BER-Dossier
Ein Flugzeug fliegt in Schönefeld über die A113.

Der neue Flughafen Berlin Brandenburg (BER) soll bis zu 40.000 Arbeitsplätze schaffen. Doch die Eröffnung im Juni ist geplatzt, die neuen Flugrouten sind umstritten. In unserem Dossier erfahren Sie alles über den Stand der Umzugsarbeiten und die Konsequenzen für die Hauptstadtregion. mehr...

Neueste Bildergalerien
Sonderthema

Die 4. Ausgabe zeigt wieder Trends und Aktuelles aus der Autowelt. Unter anderem auch:

IM ÜBERBLICK: die neuen Modelle
IM TEST: der SLK mit Dieselmotor
IM GESPRÄCH: ein Beifahrer

Alles lesen...

Sonderveröffentlichungen & Beilagen
Rezensionen-Spezial
Besuch bei Gunhild und Erhart. Ausschnitt aus dem gigantischen Bastelbühnenbild, das später mit diversen Körpersäften verunziert und zersägt wird.

Vom 4.-21. Mai findet in Berlin das bedeutendste deutsche Theaterfestival statt: Eine unabhängige Kritikerjury lädt die 10 „bemerkenswertesten Inszenierungen“ aus rund 400 Aufführungen der Saison in die Hauptstadt ein. In unserem Dossier finden Sie alle Infos und Fotos zu den Stücken.

Aktuelle Videos
Serie
Auf zwei Rädern durch Berlin. Heute werden Tag für Tag im Durchschnitt rund 1,5 Millionen Wege in Berlin mit Pedalkraft zuückgelegt.

Junge und Alte tun es, Frauen und Männer auch: Sie radeln. Berlin ist im Zweirad-Fieber. In unserer neuen Serie beschäftigen wir uns mit der Fahrradmetropole Berlin. mehr...

Interaktiv
Fotogalerie
Serie zur Gentrifizierung
Weblogs
Die Blogs der Berliner Zeitung.

Anekdoten aus dem Hauptstädter-Alltag, Antworten auf Beziehungsfragen und Pop-Expertisen. mehr...

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Vorschau
Ab 21:00 Uhr wird aufgrund von Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten der Tunnel Ortsteil Britz in Fahrtrichtung Dreieck Neukölln gesperrt.

In unserer Verkehrsvorschau informieren wir Sie täglich über Staus, Sperrungen und Nahverkehrsstörungen in der Hauptstadt - bereits am Vortag, so dass Sie ihren Weg optimal planen können.  mehr...

Twitter
52 Staus mit einer Gesamtlänge von 135km

Videospezial: Gesundheit

Anzeige
Berlins größte Show. Weltklasse-Entertainment in Europe`s Show Palace.
mehr...




Jobmarkt
Wohnen
Dossier
        

Uwe Mundlos (38)galt als der Gebildete in  der Gruppe. Seine Lehrerin beschrieb den Professorensohn als sehr höflich. Weiter heißt es über ihn, er sei ein aufgeschlossener Typ gewesen, rhetorisch begabt und politisch interessiert.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Ermittler und Verfassungsschutz stehen in der Kritik. Analysen, Zeittafel und Karte im Dossier zum Neonazi-Terror. mehr...

Liveticker
1. Bundesliga
Mannschaft Tore Punkte
1 Borussia Dortmund 80:25 81
2 Bayern München 77:22 73
3 FC Schalke 04 74:44 64
4 B. Mönchengladbach 49:24 60
5 Bayer Leverkusen 52:44 54
6 VfB Stuttgart 63:46 53
7 Hannover 96 41:45 48
8 VfL Wolfsburg 47:60 44
9 Werder Bremen 49:58 42
10 1. FC Nürnberg 38:49 42
11 1899 Hoffenheim 41:47 41
12 SC Freiburg 45:61 40
13 1. FSV Mainz 05 47:51 39
14 FC Augsburg 36:49 38
15 Hamburger SV 35:57 36
16 Hertha BSC Berlin 38:64 31
17 1. FC Köln 39:75 30
18 1. FC Kaiserslautern 24:54 23
Berliner Zeitung abonnieren
Magazin
myPage - Ihre persönliche Zeitung
mypage
Webtipps
Die besten Gutscheine und Angebote sichern.
günstige Hotels
Europas größter Hotelpreisvergleich hilft bei der Auswahl eines günstigen Hotels in Berlin.
Hotel München
Das Best Western Hotel Erb in München bewahrt familiäre Atmosphäre bietet gleichzeitig die Vorzüge eines First-Class-Hotels.