Metzger dürfen dann unbegrenzt Milch, Soja und Gemüse verarbeiten: Die deutsche Wurst speckt ab

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Berlin. Es geht im die Wurst. Wenn wie geplant im März nächsten Jahres die neue FleischverordflUflg in Kraft tritt, dürfen auch hierzulande Pflanzenöle, Gemüse, Soja-und Mllchprodukte unbegrenzt mitverwurstet werden. Bisher gelangte nur wenig Fleischfremdes In die 1 500 deutschen Wurstsorten. Leberwurst, Grutzwurst, Pinkelwurst, Frankfurter, Landjäger ..., die Liste ist beliebig zu verlängern. Nirgendwo sonst ist das Angebot so vielfältig, regional so verschieden und eng mit Tradition verbunden wie in Deutschland. Aber nicht nur im Würstemachen, sondern auch in Ihrem Verzehr sind die Deutschen Weltmeister" Über 30 Kllogramm werden hier jährlich pro Kopf verspeist. Besonders Männer schätzen die Kraft des Fleisches. Mit 87 Gramm Wurst pro Tag langen sie im Schnitt deutlich stärker zu als Frauen mit 56 Gramm. Weniger Lust auf Fleisch Doch manch einem ist inzwischen der Appetit vergangen. Die Statistiken der Fleischwarenindustrie zeigen seit Jahren einen fallenden Trend. Schuld daran sind Ansprüche an eine bewußtere Ernährung. Auch Hormonskandale, wahnsinnige Rinder und Schweinepest steigern nicht gerade die Lust auf Fleisch- und Wurstprodukte. Besonders die junge Generation, das ergaben Untersuchungen, wendet sich von den traditionellen Produkten ab: zu ungesund und zu fett. Das kann jetzt alles anders werden. Was im europäischen Ausland längst gang und gäbe ist, soll künftig auch in Deutschland erlaubt sein. Im Zuge der europäischen Harmonisierung werden entscheidende Bestandteile der deutschen Fleischverordnung gestrichen. Deren Paragraph vier regelte bis jetzt, was alles in die deutsche Wurst durfte und vor allem, was nicht. Gemüse, Eier, Milchprodukte, Soja und andere pflanzilehe Eiweiße waren bis auf Ausnahmen nicht erlaubt. Nur einige Gemüsesorten durften bis zu einem Anteil von 15 Prozent verarbeitet werden. Der Pfälzer Saumagen zum Beispiel enthält neben Fleisch auch einen hohen Anteil Kartoffeln. Wenn die neue Fleischverordnung im März nächsten Jahres in Kraft tritt, fallen die strengen Auflagen weg. Alle Gemüse- und Käsesorteri dürfen dann unbegrenzt eingerührt werden. Auch Trockenprodukte wie Blutplasma und Fischeiweiß dürfen dann verarbeitet werden. Die Palette der bislang erlaubten Zusat.zstoffe, etwa Konserviemngsmittel, wird zunächst um drei erweitert. "Diese sind von deutschen Behörden geprüft und gesundheitlich unbedenklich", beruhigt Hans Böhm vom Bundesgesundheitsministerium besorgte Fragesteller. Kennzeichnungspflicht Damit der Verbraucher nicht aus Versehen zur Sojawurst greift, muß künftig genau draufstehen, was drinsteckt. Enthält die Wurst pflanzliche Eiweiße und Stärke, dann muß das auch klar gesagt werden, eben: Rindswurst mit Soja. Bei verpackter Ware müssen dazu -- wie bisher -- alle Zutaten aufgelistet werden. Dies gilt aber nicht für Wurst, die unverpackt über die Theke geht. Hier muß sich der Kunde auf die Angaben des Metzgers verlassen. Durch die neuen Regelungen kann die Kalorlenbombe Wurst abspekken. Es wird nicht nur möglich fettärmere Produkte herzustellen, auch dürften neue Wurstsorten auf den Markt kommen. Wer sicher gehen will, kein Fremdeiweiß oder ungeliebte Zusatzstoffe zu verzehren, muß die Zutatenliste studieren oder seinen Metzger um Information fragen. Buhrufe und Hurra Die Reaktionen zur neuen Verordnung sind vielfältig: Die einen sind begeistert, die anderen prophezelen den Untergang der deutschen Wurstkultur. Verbraucherverbände begrüßen das wachsende Angebot und die schlankere" Wurst. Die Flelschwarenindustrie freut sich ebenfalls, sie Ist der europäischen Konkurrenz jetzt besser gewachsen. Ein französischer Metzger darf nämlich schon länger seine Gemüsewurst nach Deutschland liefern. Dagegen kritisiert der Deutsche Fleischerverband die neuen Zusatzstoffe. Sie dienten zur billigeren Herstellung und führten zu qualitativ schlechteren Produkten. Daß die Aufhebung des "Reinheitsgebots" zu einer Revolution in der Wurstlandschaft führt, glauben Experten nicht. Aber das wird der Verbraucher selbst entscheiden. Kein Grund also für Fleischliebhaber, die beleidigte Leberwurst zu spielen. Die Wursttheke wird noch voller. Demnächst drängeln sich auch Produkte mit Soja und Gemüse ins Angebot. Foto: Rehfeld

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