02.08.2000

Michael Daxner reformiert die Kosovo-Universität: Studieren in Pristina

Von Norbert Mappes-Niediek

Ist die Uni noch zu retten?" ist der Titel des bekanntesten Buches von Michael Daxner. Seiner Frage kann der frühere Oldenburger Hochschulpräsident und bekannte Universitätsreformer jetzt ganz neue Aspekte abgewinnen. Der gebürtige Wiener ist seit dem letzten Herbst Administrator der Universität von Pristina und seit jüngstem auch eine Art Bildungsminister der Uno-Verwaltung im Kosovo. Schaut man sich die Zahlen an, darf das erste Nachkriegsstudienjahr bejubelt werden. Fast alle Fakultäten melden normalen Lehrbetrieb, die Zahl der Studierenden liegt zwischen 15 000 und 20 000. Die meisten sind zufrieden. Die Uni von Pristina wurde durch die Bomben der Nato aus den Privatwohnungen der albanischen Professoren zurück in ihre angestammten Gebäude gezwungen. "Alles" sei jetzt besser, sagt Rajmonda Kajakal, 21-jährige Wirtschaftsstudentin. Früher, also bis vor einem Jahr, habe es eine Stunde gedauert, bis man am Ende der Stadt in einer solchen Wohnung angekommen sei, um dort der - illegalen - Vorlesung zu lauschen. Nun habe man alles an einem Ort. Die Frage, ob ihre Lehrer auf die Herausforderungen der Marktwirtschaft ausreichend vorbereitet sind, versteht Rajmonda nicht. Aber es gibt eine Universität, und sie kann sie besuchen - das ist mehr, als irgendjemand vor zwei Jahren hoffen durfte. Ohne dass es jemand gewollt hätte, hat sich die Universität Pristina in den Jahren des Untergrunds verändert: Sie ist zu einer Art Volkshochschule oder Freizeiteinrichtung geworden. Die Professoren verdienen etwa 300 Mark im Monat, und ihre Gehälter stehen seit fünf Monaten aus. Von ihrer wissenschaftlichen Arbeit können sie ebenso wenig leben wie die Studenten von ihren Eltern oder gar von Stipendien. Alle arbeiten nebenher; Rajmonda zum Beispiel als Verkäuferin in einem Baby-Geschäft. Professoren erscheinen höchstens zu den Lehrveranstaltungen und betrachten ihren Job oft nur als Ehrenamt. Wer Englisch kann, arbeitet längst für das Dreifache für die Uno oder eine humanitäre Organisation. In der Anglistik sind ganze Studienjahrgänge einfach verschwunden - "die Wirtschaft", wie man im Westen sagen würde, zieht sie ab. Für Daxner soll die Uni eine unverbrauchte politische Klasse heranziehen. Denn schon ihre Gründung 1970 war ein Triumph im Kampf für die Nation: Endlich galten auch die Albaner den anderen Völkern gleich und mussten nicht mehr ihre Herkunft vergessen, wenn sie nach oben wollten. Die erste albanische Universität überhaupt wurde erst 1957 gegründet, in Tirana. Als 1989 im Kosovo die Autonomie kassiert und auch die bis dahin zweisprachige Hochschule Stück um Stück serbisiert wurde, organisierte die Professorenschaft unter dem energischen Rektor Ejup Statovci eine Art alternative Gegen-Uni in Privatquartieren, die tatsächlich Vorlesungen und Prüfungen abhielt und Diplome ausstellte. Die Hochschullehrer, die unter Entbehrungen im Kosovo aushielten, meinen nun, da für sie die Ära Milosevic vorbei ist, die Zeit der Ernte sei gekommen. Man hat sich unter extremen Umständen bewährt und sieht nun für Reformen keinen Grund. "Hier wird sehr viel auswendig gelernt", sagt Zuzana Finger, seit September Lektorin des DAAD in Pristina. Besonders aufgefallen sind ihr die Tausende "Korrespondenz-Studenten", die sich nur Lehrmaterial abholen und nach einem Jahr das Gelernte Wort für Wort abspulen. Daxner hat diese Art Fernstudium vorerst ausgesetzt; er will Überbesetzungen, vor allem in der Verwaltung, abbauen, auch die Medizin wurde reduziert. Dafür soll eine gesellschaftswissenschaftliche Fakultät (Studiengänge: öffentliche Verwaltung, Soziologie, Psychologie und Journalismus) entstehen. Soziologie habe es zwar gegeben, sagt Daxner ohne Scheu in großer Runde, aber die "habe ihren Namen nicht verdient". Der letzte Lehrstuhlinhaber kann nicht widersprechen: Fehmi Agani, der große Weise unter den kosovo-albanischen Politikern, wurde im Krieg von serbischen Soldaten ermordet. Dass Daxner eine "neue politische Klasse" will, hört vor allem die alte nicht so gerne, die sich gar nicht so alt findet. Im Mai streckte die Partei von Hashim Thaci, dem früheren UCK-Chef, entschlossen die Hände nach der Uni aus: Die Wahlen zur Studentenvertretung wurden massiv gefälscht. Im Prinzip sei Pristina sicher keine konservative Hochschule, glaubt der Bildungsexperte Dukagjin Pupovci, der hier studiert und gelehrt und jetzt ein "Kosovo Education Center" gegründet hat. Auch Rektor Zenel Kelmendi hält Pupovci für einen Reformer. Das könne aber alles wenig nützen: Der Brain-drain aus der Uni in die "Wirtschaft" würde durch allzu viele reformerische Zumutungen noch beschleunigt. Die Einzigen, die wirklich zum Bleiben entschlossen sind, sind die Juristen. Sie haben sich - illegal und gegen den Willen von Daxner - erst einmal ihre Gehälter aufgebessert, indem sie von ihren Studenten 70 Mark Gebühren verlangten. Die so gewonnene Energie setzen sie ein, um Daxners Reformpläne nach Kräften zu boykottieren. Bedrohlich wird das für den mit allen Machtmitteln ausgestatteten Administrator erst im Umkehrschluss: Wenn Widerstand ausbleibt, dann nur, weil den meisten ganz egal ist, was an der Uni passiert. "Der Brain-drain aus der Uni wird durch zu viele Reformen beschleunigt. " Zenel Kelmendi

Anzeige
Meistgeklickte Artikel
Berliner Zeitung präsentiert:
BER-Dossier
Ein Flugzeug fliegt in Schönefeld über die A113.

Der neue Flughafen Berlin Brandenburg (BER) soll bis zu 40.000 Arbeitsplätze schaffen. Doch die Eröffnung im Juni ist geplatzt, die neuen Flugrouten sind umstritten. In unserem Dossier erfahren Sie alles über den Stand der Umzugsarbeiten und die Konsequenzen für die Hauptstadtregion. mehr...

Neueste Bildergalerien
Sonderthema

Die 4. Ausgabe zeigt wieder Trends und Aktuelles aus der Autowelt. Unter anderem auch:

IM ÜBERBLICK: die neuen Modelle
IM TEST: der SLK mit Dieselmotor
IM GESPRÄCH: ein Beifahrer

Alles lesen...

Sonderveröffentlichungen & Beilagen
Rezensionen-Spezial
Besuch bei Gunhild und Erhart. Ausschnitt aus dem gigantischen Bastelbühnenbild, das später mit diversen Körpersäften verunziert und zersägt wird.

Vom 4.-21. Mai findet in Berlin das bedeutendste deutsche Theaterfestival statt: Eine unabhängige Kritikerjury lädt die 10 „bemerkenswertesten Inszenierungen“ aus rund 400 Aufführungen der Saison in die Hauptstadt ein. In unserem Dossier finden Sie alle Infos und Fotos zu den Stücken.

Aktuelle Videos
Serie
Auf zwei Rädern durch Berlin. Heute werden Tag für Tag im Durchschnitt rund 1,5 Millionen Wege in Berlin mit Pedalkraft zuückgelegt.

Junge und Alte tun es, Frauen und Männer auch: Sie radeln. Berlin ist im Zweirad-Fieber. In unserer neuen Serie beschäftigen wir uns mit der Fahrradmetropole Berlin. mehr...

Interaktiv
Fotogalerie
Serie zur Gentrifizierung
Weblogs
Die Blogs der Berliner Zeitung.

Anekdoten aus dem Hauptstädter-Alltag, Antworten auf Beziehungsfragen und Pop-Expertisen. mehr...

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
Vorschau
Ab ca. 18:00 Uhr wird aufgrund einer Musikveranstaltung in der o2 World (Beginn 19:30 Uhr) erhöhtes Verkehrsaufkommen im Bereich der Mühlenstraße, Warschauer Straße und Stralauer Allee in Friedrichshain erwartet.

In unserer Verkehrsvorschau informieren wir Sie täglich über Staus, Sperrungen und Nahverkehrsstörungen in der Hauptstadt - bereits am Vortag, so dass Sie ihren Weg optimal planen können.  mehr...

Videospezial: Gesundheit

Anzeige
Berlins größte Show. Weltklasse-Entertainment in Europe`s Show Palace.
mehr...




Jobmarkt
Wohnen
Dossier
        

Uwe Mundlos (38)galt als der Gebildete in  der Gruppe. Seine Lehrerin beschrieb den Professorensohn als sehr höflich. Weiter heißt es über ihn, er sei ein aufgeschlossener Typ gewesen, rhetorisch begabt und politisch interessiert.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Ermittler und Verfassungsschutz stehen in der Kritik. Analysen, Zeittafel und Karte im Dossier zum Neonazi-Terror. mehr...

Liveticker
1. Bundesliga
Mannschaft Tore Punkte
1 Borussia Dortmund 80:25 81
2 Bayern München 77:22 73
3 FC Schalke 04 74:44 64
4 B. Mönchengladbach 49:24 60
5 Bayer Leverkusen 52:44 54
6 VfB Stuttgart 63:46 53
7 Hannover 96 41:45 48
8 VfL Wolfsburg 47:60 44
9 Werder Bremen 49:58 42
10 1. FC Nürnberg 38:49 42
11 1899 Hoffenheim 41:47 41
12 SC Freiburg 45:61 40
13 1. FSV Mainz 05 47:51 39
14 FC Augsburg 36:49 38
15 Hamburger SV 35:57 36
16 Hertha BSC Berlin 38:64 31
17 1. FC Köln 39:75 30
18 1. FC Kaiserslautern 24:54 23
Berliner Zeitung abonnieren
Magazin
myPage - Ihre persönliche Zeitung
mypage
Webtipps
Die besten Gutscheine und Angebote sichern.
günstige Hotels
Europas größter Hotelpreisvergleich hilft bei der Auswahl eines günstigen Hotels in Berlin.
Hotel München
Das Best Western Hotel Erb in München bewahrt familiäre Atmosphäre bietet gleichzeitig die Vorzüge eines First-Class-Hotels.