20.06.2011

Michael Hecken baut hochwertige Elektro-Räder. Nun will Daimler mit ihm kooperieren: Ein Flitzer namens Grace

Von Jens Blankennagel

BIESENTHAL. Das weiße Etwas sieht aus wie ein Fahrrad, ist aber kein Fahrrad. So viel ist auf den ersten Blick klar: Denn wozu bräuchte ein so schnittiges Mountainbike einen so dicken Rahmen und solche mächtigen Reifen. Außerdem wiegt das Ding beachtliche 32 Kilo. Dieses Etwas hört auf den Namen Grace (Anmut) und ist ein elektrisch angetriebenes Zweirad. Es ist allerdings kein klassisches Elektro-Fahrrad - also kein E-Bike -, denn deren Motoren ermöglichen maximal Tempo 25. Da dass Grace viel schneller ist, wird es als E-Motorbike eingestuft - wie ein Moped. Um zu ergründen, ob solch ein E-Bike nur eine Zeitgeistspielerei ist oder ein zukunftsfähiges Fahrzeug, bleibt nur der Test. Grace-Erfinder Michael Hecken steht vor seinem Firmensitz, einer ehemaligen Wassermühle in Biesenthal (Barnim), und sagt: "Fast alles funktioniert wie am Fahrrad. Am Lenker sind zwei Bremshebel, links die Gangschaltung, nur rechts ist etwas Neues: der Griff zum Gasgeben." Wenn man neben dem Bike steht, den Lenker hält und etwas Gas gibt, ruckt das Rad nach vorn wie ein wildes Pferd am Zügel. Mit gebotenem Respekt heißt es: Aufsteigen und losradeln. Treten, schalten, treten. Alles ganz normal wie bei einem Fahrrad. Nun ganz vorsichtig Gas geben: Das Rad zieht an, es ist wie eine angenehme Verstärkung der eigenen Tretleistung. Jeder Radler fährt so ein Gefährt nach zwanzig Sekunden ganz intuitiv. Also rum um die Kurve und auf der Asphaltpiste mal richtig beschleunigen: 15, 20, 25 Stundenkilometer. Bei Tempo 32 ist Schluss, denn der Bauer dieser umweltfreundlichen Räder residiert ganz passend in Naturschutzgebiet und da darf maximal 30 gefahren werden. Der Motor könnte bis auf 45 Stundenkilometer beschleunigen. Umweltfreundlich und cool Wer zum ersten Mal ein E-Bike fährt, erlebt das "Kleine-Jungen-Syndrom". So nennen es Fachleute, wenn die Tester mit breitem Grinsen wieder absteigen. Das elektrische Etwas funktioniert also gut. Aber wer braucht so etwas? Noch dazu, wenn es 4000 Euro kostet. "Ich glaube nicht, dass es nur ein Spielzeug für Besserverdiener ist", sagt Grace-Geschäftsführer Hecken. Gerade für Pendler könnte es attraktiv sein. Es gebe viele Leute, die etwa 1400 Euro brutto verdienen und täglich 40 Kilometer Arbeitsweg haben. "Da fallen 150 Euro Spritgeld schon ins Gewicht", sagt der 38-Jährige. Sein Polo braucht fast drei Liter Sprit auf 100 Kilometer, sein Elektro-Bike benötige umgerechnet nur 0,2 Liter. Hecken hat noch etwas errechnet: Der Strom, mit dem das einzige Berliner Windrand 400 Elektroautos antreiben kann, reicht für immerhin 33000 seiner E-Motorbikes. Der gebürtige Rheinländer studierte Betriebswirtschaft in London und gründete mit 22 Jahren seine erste Firma. "Die anderen gingen das Leben locker an, ich rackerte heftig", sagt er. Seine Softwarefirma hatte zeitweilig 25 Programmierer. Er verdiente so gut, dass er sich die Ruine der Wassermühle in Biesenthal kaufte und sanierte. Dann platzte die Internet-Blase und auch er hatte von der Branche genug. "Software ist nicht greifbar, ich wollte etwas Nachhaltiges." Eine Zeit lang verkaufte er Biomassekraftwerke und suchte ein Produkt, das mit Design, Stil und Konstruieren zu tun hat. Denn ursprünglich wollte er Industriedesigner werden. "Ich fuhr immer mit der S-Bahn von Berlin bis Bernau und dann mit dem Rad nach Biesenthal", erzählt er. "Ich dachte: Ein E-Bike wäre gut, dann dauert die Radelei nicht 40 Minuten." Doch ihm gefielen die klassischen E-Bikes nicht, weil die aussehen wie Fahrräder, an die einfach Batterien und ein E-Motor angehängt wurden. Er wollte kein Alte-Leute-Rad und entwickelte mit einem bekannten Mountainbike-Designer ein Rad, bei dem die Batterien im Rahmen verschwunden sind und der runde Motor elegant an der Nabe des Hinterrades versteckt ist. "Es ist das erste straßenzugelassene E-Motorbike mit Pedalen überhaupt", sagt Hecken. Er rechnet damit, dass Ende des Jahres etwa 1000 der Bikes auf dem Markt sind. Und die gefallen dem Daimler-Konzern so gut, dass der mit der Biesenthaler Radschmiede kooperieren will und bis nächstes Jahr für seine Marke Smart ein massenkompatibles und preisgünstiges E-Bike entwickeln will. Ein Daimler-Sprecher sagt: "Wir nehmen nur die Besten. Diese kleine Firma zeichnet sich durch innovatives Design und zukunftsweisende Technologie aus. Sie spielen ganz oben mit in der Branche." Der Bundesverband E-Mobilität sieht glänzende Zukunftschancen für solche Räder. "Das Grace-Rad ist eine echte Hightech-Maschine, ein feines Nischen-Produkt. Die Kooperation mit Smart ist nun der richtige Weg, um die allgemeine Akzeptanz solcher Elektro-Bikes weiter zu erhöhen", sagt Verbandsvorstand Christian Heep. "Derzeit gibt es bundesweit etwa 70 Millionen Fahrräder, davon sind bis zu 900000 elektrisch betrieben." Im Zweiradbereich sei die Elektromobilität also längst alltagstauglich. "Mittelfristig wird sich der Anteil der E-Bikes am heimischen Fahrradmarkt auf zehn bis fünfzehn Prozent erhöhen." Das wären bis zu 600000 Stück pro Jahr. Grace-Gründer Hecken erzählt, dass in Shanghai und anderen chinesischen Städten die stinkenden, lärmenden und umweltschädlichen Benzin-Mopeds verboten sind. "In China gibt es bestimmt schon mehr als 20 Millionen E-Bikes." Er glaubt, dass in zehn Jahren auch in Deutschland viele Elektro-Räder unterwegs sein werden - wenn sie nicht nur effizient, sondern auch modern und cool sind. Hecken denkt in langen Zeiträumen: "Vor 100 Jahren war in Biesenthal derjenige reich, der ein Pferd hatte. Heute haben alle Autos. In 100 Jahren gibt's kein Öl mehr. Bleibt die Frage, wie dann neun Milliarden Menschen bewegt werden." In Brandenburg sind 1069200 Erwerbstätige gemeldet. In einer Serie stellen wir ungewöhnliche Jobs in loser Folge vor. ------------------------------ Eine Stunde laden Das E-Motorbike erreicht mit seinem 1300 Watt-Motor ein Höchsttempo von 45 Kilometer pro Stunde und hat mit Treten eine Reichweite von etwa 40 Kilometern. Bei Tempo 25 (so wie die meisten Elektroräder) können es sogar bis zu 80 Kilometer sein. Das Bike wiegt etwa 30 Kilogramm und ist mit mehr als sechs Kilo Lithium-Ion-Batterien ausgerüstet. Es dauert etwa eine Stunde, sie an einer ganz normalen Steckdose zu laden. Das Fahrzeug ist wie ein Moped eingestuft. Deshalb ist eine Fahrerlaubnis nötig und es muss auch ein Helm getragen werden. ------------------------------ Foto: Michael Hecken auf seinem schnellen E-Motorbike. Die Batterien sind im Rahmen versteckt und der Motor an der Nabe des Hinterrades. Hecken sagt: Elektroräder sind nicht nur umweltfreundlich, sondern sollten auch elegant sein.

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