21.05.2008

Mit einem in Deutschland einmaligen Lehrstuhl will das Berliner Universitätsklinikum die Erforschung der Komplementärmedizin verbessern: Charité besetzt Professur für alternative Medizin

Von Beate Wagner

Die Epidemiologin Claudia Witt ist auf den bundesweit ersten Lehrstuhl zur Erforschung der Komplementärmedizin an der Berliner Charité berufen worden. Ihr Fachbereich, der zum Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie gehört, wird sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung von Heilmethoden beschäftigen, die nicht der klassischen Medizin zugerechnet werden. Finanziert wird die Professur von der Carstens-Stiftung, die der ehemalige Bundespräsident Karl Carstens Anfang der Achtzigerjahre zur Förderung von Naturheilkunde und Homöopathie ins Leben gerufen hatte. Über einen Zeitraum von fünf Jahren steuert die Stiftung insgesamt eine Million Euro bei. Alternative Heilmethoden wie Homöopathie, Akupunktur oder Qigong nahmen an der Charité bislang eine Randstellung ein. "Unsere Einrichtung ist der naturwissenschaftlichen Medizin verpflichtet", sagt Detlev Ganten, Vorstandsvorsitzender der Charité. An Kliniken herrscht oft Skepsis Die Wirksamkeit etwa von homöopathischen Mitteln lässt sich bislang nur schwer nach den strengen Kriterien beurteilen, die bei klassischen Therapien üblich sind. Daher herrscht vor allem an den Unikliniken immer noch große Skepsis gegenüber den neuen Methoden. Die Berufung Witts soll dazu beitragen, dass sich das bald ändert. Seit vielen Jahren erforscht sie, wie wirksam und sicher die Behandlung etwa mit traditioneller chinesischer Medizin und mit Homöopathie ist. Mit ihrer wissenschaftlichen Expertise will die Medizinerin die Lücke zwischen der großen Nachfrage nach alternativen Therapien und dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand schließen. "Mehr als sechzig Prozent der Bevölkerung lassen sich mit komplementären Methoden behandeln", sagte Witt gestern vor Journalisten in Berlin. Spitzenreiter unter den alternativen Therapien seien Naturheilkunde, Homöopathie und Akupunktur. "Wir wissen jedoch noch viel zu wenig darüber, wie die Methoden wirken und welche Nebenwirkungen sie haben", sagte Witt. Heilmethoden ergänzen einander Witt will die wissenschaftlichen Prinzipien der klassischen Medizin auf die Erforschung der Komplementärmedizin übertragen. Dabei soll nicht nur der Wirkmechanismus einzelner Methoden erforscht werden. Witt und ihre Kollegen wollen auch untersuchen, wie etwa Homöopathie und Akupunktur in Kombination mit Ernährungstipps, Bewegungsprogrammen und der Schulmedizin wirken. Außerdem seien große Forschungsprojekte zur chinesischen und tibetischen Medizin beantragt. An Witts Institut erforscht man seit 1997 Wirksamkeit und Nutzen alternativmedizinischer Ansätze bei Patienten mit chronischen Erkrankungen. Die Ärzte führten seitdem zahlreiche Studien mit mehr als 500 000 Patienten durch, die teilweise internationale Standards gesetzt haben. Henning Albrecht, Geschäftsführer der Carlsen-Stiftung, ist überzeugt, dass Witt die Wirksamkeit komplementärmedizinischer Methoden wissenschaftlich untermauern kann. Albrecht: "Das wird hoffentlich dazu beitragen, auch skeptische Kollegen von den Vorzügen der Komplementärmedizin zu überzeugen."

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