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Mit fast 86 Jahren ist Hanfried Lenz der älteste Professor Berlins, und er unterrichtet weiter - im Laufschritt: Lernen heißt irren dürfen

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Hanfried Lenz erzählt gern. Er hat Gedanken zur Geschichte, zur Mathematik oder zur Hochschule. Mit fast 86 Jahren ist er der älteste noch lehrende Professor in Berlin. Zu einer Zeit, als heutige Professoren noch selbst Studenten waren, lehrte Lenz schon Mathematik, und als heutige Studenten noch in den Windeln lagen, wurde er bereits emeritiert. Studenten der Freien Universität (FU) erleben ihn noch immer - wie man im letzten Jahr in den "FU-Nachrichten" lesen konnte - im Mathematik-Kurs als Dozenten, der im Laufschritt gestikuliert, Formeln und Skizzen an die Tafel schreibt, gern ein Anekdötchen aus der Geschichte der Mathematik einflicht und sich auch sonst nicht streng an sein Skript hält. "Manch ein Dozent, der ein halbes Jahrhundert weniger auf dem Buckel hat, könnte sich von seiner Agilität eine Scheibe abschneiden", hieß es in der Zeitung der FU, an der Lenz bis heute lehrt. Verständlich, dass er sich den Ruhestand bis heute nur ungern gönnt: Zu groß ist die Leidenschaft für die Mathematik, zu viel hat er noch zu erzählen. Geboren wurde Hanfried Lenz kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Bayern. Er durchlebte die Brüche und Irrtümer des zwanzigsten Jahrhunderts am eigenen Leibe mit. "In den ersten Jahren des Nationalsozialismus", so erzählt er offen, "glaubte auch ich noch an die leeren Parolen der Nazis. Das Unheil vorauszusehen, war für den einfachen Menschen nicht ganz so leicht. Das konnte man, wenn man Pessimist war, aber ich war Zeit meines Lebens ein Optimist." Auch wenn er schnell den Glauben an die Nazi-Propaganda verlor, hat er ihn sich nie ganz verziehen: Ein politisches Amt hätte er als ehemaliger Nazi niemals anzustreben gewagt - das gehöre sich nicht! Als Staatsbürger aber hat er sein Recht auf politische Meinungsäußerung immer gern wahrgenommen. Nach dem Krieg trat er zunächst Heinemanns Gesamtdeutscher Volkspartei bei, um in den sechziger Jahren zur SPD zu gehen, "besonders wegen Willy Brandts neuer Ostpolitik". Bei seiner Berufung an die Freie Universität Berlin im Jahr 1969 galt er daher durchaus als fortschrittlich. "Damals haben auch die Studentenvertreter meiner Wahl zugestimmt. Aber wie sich schnell herausstellen sollte, war das ein gegenseitiger Irrtum." Denn obwohl er Reformen grundsätzlich befürwortete, hatte er "nichts übrig für den Druck und die Gewaltmethoden der Studenten". Besonders durch seine Position als Vorsitzender des Fachbereichsrats geriet er zunehmend in Konflikt mit radikalen Studenten, unter ihnen auch Otto Schily als Vorsitzender des Ordnungsausschusses der FU. Den nennt Lenz heute einen vernünftigen Konservativen, und diese politische Kehrtwende stört ihn nicht: "Ich muss doch das Recht auf politischen Irrtum haben. Wenn ich das dem Schily nicht zugestehen würde, könnte er mir vorwerfen, ein Hitlergläubiger gewesen zu sein." "Streitbar, aber immer Humanist", nannte ihn ein FU-Kollege. "Obwohl er Bayer ist, hat er ein enorm hohes Maß an dem, was man preußische Disziplin nennt." Selbst als Studenten mit Stinkbomben sein Seminar gesprengt hätten, sei er nicht nach Hause gegangen, sondern im Büro geblieben, um über seinen Unterlagen zu brüten. Die Zeit der Achtundsechziger, so glaubt Lenz, habe eher einen Konservatismusschub innerhalb der Bevölkerung provoziert als wirkliche gesellschaftliche Reformen. Lenz wechselte 1972 zur CDU, weil sich seines Erachtens "Teile der Berliner SPD zu sehr mit den revoltierenden Studenten verbündet" hatten. Der Gang zur Union sei nur möglich gewesen, meint Lenz, weil diese inzwischen die Brandt schen Leitlinien zur Entspannungspolitik weitgehend übernommen hatte. Mit der aktiven Forschung, so erzählt er nicht ohne Bedauern, gehe es inzwischen nicht mehr so gut, aber man spürt, wie sehr er für die Forschung und das stete Lernen gelebt hat. Noch vor drei Jahren arbeitete er an der zweiten Auflage eines seiner Standardwerke zur Kombinatorik. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung war schon das zweite große Thema der Mathematik, das er gründlichst erforschte. Davor hatte er sich mit Arbeiten zur Klassifikation projektiver Ebenen einen Namen in der Geometrie gemacht. Lenz gehört zu der Generation von Professoren, die sich ihre akademischen Sporen im langen Weg über Promotion und Habilitation verdienen mussten. Die Einführung von Juniorprofessuren, die zurzeit die Habilitation ins Schwanken bringt, hält er zwar nicht grundsätzlich für falsch. Es sei schon gut, wenn junge Forscher zeitig die Möglichkeit zu eigener Lehre erhielten. Aber früher hätten sie in dieses Handwerk während der Habilitation als Assistenten etablierter Professoren hineinwachsen können. Man müsse ja die Habilitation nicht so streng sehen. Auch mehrere gute wissenschaftliche Arbeiten könnten als kumulative Habilitation gewertet werden. Aber trotz dieser Neuentwicklungen sieht Lenz deutsche Universitäten nicht im generellen Umbruch. Dieser habe bereits vor dreißig Jahren stattgefunden. "Damals", so regt sich Lenz noch heute auf, " wollte man die Uni umkrempeln. Meines Erachtens wollte man sie auch politisieren und dadurch ruinieren." Die Trennung von Wissenschaft und Politik nimmt Hanfried Lenz immer noch sehr genau. Stets habe er sich davor gehütet, seine politischen Überzeugungen als Lehrmeinung zu vertreten. Im jetzt beginnenden Sommersemester wird er noch einige Kapitel aus der Geschichte der Mathematik vorstellen.

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