16.09.2009

Mit Perspektivenwechsel und Ich-Botschaften kommen Mitarbeiter und Vorgesetzte besser miteinander klar: Chefs sind auch nur Menschen

Von Kirsten Niemann

Ihr Vorgesetzter ist für die meisten Beschäftigten der Zufriedenheitskiller Nummer eins. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Ruhr-Universität Bochum. Je unsicherer die Wirtschaftslage, desto schlechter die Stimmung zwischen den Lagern. Ohne Chef ist auch keine Lösung -das wissen die Psychologen und Bestsellerautoren Volker Kitz und Manuel Tusch. In ihrem jüngsten Ratgeber verraten sie, wie Arbeitnehmer und Vorgesetzte besser miteinander zurechtkommen. Herr Tusch, Herr Kitz, worin besteht das größte Problem zwischen Chef und Angestellten? Der Chef ist zwar nicht an allem schuld, aber aus Sicht des Mitarbeiters verkörpert er alle Probleme: Er muss gelegentlich Fehler kritisieren, er verteilt die Aufträge und lenkt das Geschehen im Betrieb. Viele Mitarbeiter wollen gelobt und gewürdigt werden -und zwar nicht nur als Arbeitskraft, sondern auch als Menschen. Die Arbeitsroutine lässt das aber leider nicht immer zu. Das gleiche wünschen sich übrigens auch die Vorgesetzten, die ja auch nur Menschen sind. Für ein harmonisches Verhältnis müssen beide Seiten an sich arbeiten, so können sie mehr Menschlichkeit in den Berufsalltag bringen. Was sollten Mitarbeiter tun? Es gibt ein praxiserprobtes Wundermittel: die Perspektivübernahme -sie erleichtert das gegenseitige Verstehen. Was so simpel klingt, wird jedoch leider nicht häufig eingesetzt. Meist bewerten wir die Welt nur von unserem eigenen Standpunkt aus. Viele Menschen denken, dass Verständnis für den anderen aufzubringen das gleiche sei wie den eigenen Standpunkt aufzugeben. Fatal! Das Alltagsbewusstsein muss diesen Irrglauben aufgeben -nur dann können wir in die Schuhe des anderen schlüpfen. Und selbstverständlich schadet es auch den Chefs nicht, sich ab und zu in die Perspektive ihrer Mitarbeiter zu begeben. Das ist eine spannende Sache! Nennen Sie bitte ein Beispiel. Stellen Sie sich vor, Sie als Mitarbeiterin haben am Morgen einen guten Vorschlag zur Kundenakquise abgeliefert. Es ist bald 18 Uhr -und Sie haben immer noch kein Feedback vom Chef bekommen, Sie sind enttäuscht und wütend. Wenn Sie dann in die Haut Ihres Chefs schlüpfen, erkennen Sie Folgendes: In der Zwischenzeit haben 50 weitere Kollegen ebenfalls Ideen eingereicht und alle warten auf ein Gespräch. Das ist für den Vorgesetzten innerhalb der kurzen Zeit faktisch nicht leistbar. Wenn der Vorgesetzte erst ein paar Tage später mit einer Rückmeldung auf den Mitarbeiter zukommt, heißt es nicht, dass er ihn nicht respektiert. Wir lernen daraus, dass nicht immer alles persönlich gemeint ist. Wie können Vorgesetzte und Mitarbeiter besser miteinander umgehen? Viele Chefs neigen dazu, sprunghaft ihre Meinung zu ändern. Oder es wird eine Aufgabe unklar in den Raum gemurmelt. Das führt bei den Mitarbeitern zu Hilflosigkeit. "Der Chef spielt Blindekuh mit mir!" -sagt sich der Mitarbeiter. Vorgesetzte müssen also klare Ansagen machen. Wir benennen zehn Gebote fairer Arbeit -in diesem Fall lautet das Gebot "Du sollst kein Orakel sein". Doch auch der Mitarbeiter wiederum kann seinen Teil dazu beitragen: Wenn Dinge unklar im Raum stehen und sich der Mitarbeiter wie der Rategast in einer Quizshow fühlt, dann kann er den Joker ziehen und fragen. Häufig haben Mitarbeiter das Gefühl, vom Chef nicht verstanden zu werden. Ein Beispiel: Der Mitarbeiter verlässt um 21 Uhr das Büro. Der Chef fragt: "Sie gehen schon?" Sie Ausbeuter! möchte der Mitarbeiter am liebsten schreien. Besser formuliert er jedoch eine Ich-Botschaft. Er nennt konkrete Fakten, das eigene Gefühl, sein Bedürfnis und zum Schluss seinen Wunsch. Eine Antwort wäre: "Nach 14 Stunden im Büro bin ich überrascht, dass Sie fragen, denn ich bin müde und möchte mich erholen, damit ich morgen wieder fit bin." Eine Botschaft aus der Ich-Perspektive bietet keine Angriffsmöglichkeit, aber sie ermöglicht es dem Chef, zu verstehen. Dass der Mitarbeiter seine Arbeitskraft behält, ist auch in seinem Sinne. Interview: Kirsten Niemann ------------------------------ Buchtipp: Volker Kitz und Manuel Tusch. Ohne Chef ist auch keine Lösung. Wie Sie endlich mit ihm klarkommen. Campus Verlag, Frankfurt 2009, 226 S., 19,90 Euro. ------------------------------ Foto: Voodoozauber am Arbeitsplatz: Für ein gutes Betriebsklima nicht gut geeignet.

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