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Mitten ins Überschwemmungsgebiet der Elbe wurden in Röderau Häuser gebaut - obwohl klar war, dass es sich um eine gefährliche Lage handelt: In der Falle

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RÖDERAU-SÜD, im Oktober. Wir zählen die achte Woche nach der Flutkatastrophe an der Elbe. Das Thema macht keine Schlagzeilen mehr. Und seit die Wahlen gelaufen sind, nimmt auch das Interesse der Politiker merklich ab. In Röderau-Süd an der Elbe gibt es noch keine Zeitrechnung nach der Katastrophe. Hier ist sie immer noch alltäglich, immer noch Gegenwart. Die Wiesen vor der Siedlung bleiben überflutet. Bis Ende September pumpte das Technische Hilfswerk Keller aus. Wenn die Sonne scheint, dampft die Feuchtigkeit in den Häusern von Röderau-Süd. Mitten in der Ortschaft mit ihren 340 Einwohnern betreiben die Malteser ein Küchenzelt, in dem Christine Münch aus Thüringen gerade einen Berg Kartoffeln schält. Vor vier Wochen kam die Arbeitslose hierher, um zu helfen. "In den Häusern funktionieren die Küchen noch lange nicht", sagt sie. Also bereiten die Malteser Frühstück, Mittagessen und Nachmittagskaffee für die Bewohner, die ohnehin mit den Aufräumarbeiten genug zu tun haben. An die zweihundert Essensportionen sind es täglich. Christine Münch schätzt, dass sie und die anderen Helfer, die aus Papenburg und Osnabrück stammen, wohl noch drei oder vier Wochen werden bleiben müssen in Röderau-Süd. Hundert Meter weiter werkelt Frank Zielke auf der Terrasse vor seinem Eigenheim, das einmal der Lebenstraum seiner Familie war. "Sie sehen hier ein Ein-Raum-Haus", sagt der Elektriker. Er sagt es mit Sarkasmus. Die Außenmauern des Gebäudes stehen noch. Aber im Inneren musste er alle Zwischenwände herausreißen. Die elektrischen Leitungen hängen in der Luft, sie sind abgeschaltet. Nur aus einer Steckdose unter dem Dach kann Frank Zielke Strom für seine Bohrmaschine zapfen. Zweieinhalb Meter hoch reichte das Wasser, als der Deich brach. Dreihunderttausend Mark kostete das Haus, für das die Kredite noch lange nicht abbezahlt sind. Der Schaden wurde auf mehr als einhunderttausend Euro geschätzt. Fünftausend Euro hat Frank Zielke als Soforthilfe erhalten. "Solange ich irgendwie beschäftigt bin, geht ja alles gut", sagt er, "schlimm wird es aber, wenn man nur noch warten kann. Dann kommen die bösen Gedanken." Wie alle anderen in Röderau-Süd hat Frank Zielke viel Zeit zum Warten. Keiner im Ort weiß, wann die Häuser endlich so weit getrocknet sind, dass man an den Innenausbau denken darf. Nur wenn alles gut geht, wenn der Herbst nicht regnerisch, sondern schön warm ist, können die Einwohner vielleicht noch vor Weihnachten, vor dem Winter wieder in ihre Häuser einziehen. Im Augenblick wohnen sie in Notquartieren in der Umgebung. Sollte der Frost früh einsetzen, werden sie dort bis zum nächsten Sommer bleiben müssen. Eigentlich will Frank Zielke gar nicht mehr in sein Haus ziehen. "Wenn ich irgendwie könnte, würde ich sofort umsiedeln", sagt er. So geht es sehr vielen Einwohnern von Röderau-Süd, wahrscheinlich sogar den meisten von ihnen. Aber sie können alle nicht weg. Sie sitzen in der Falle. In einer Falle, die ihnen eine Allianz aus Politikern und Behörden gebaut hat. Alles begann in jener Goldgräberzeit nach der Wiedervereinigung am Anfang der neunziger Jahre, als jede Gemeinde in Ostdeutschland, die etwas auf sich hielt, ein Gewerbegebiet baute. Auch die Gemeinde Röderau und ihr frisch gewählter Bürgermeister Thomas Großmann von der CDU wollten da nicht beiseite stehen. Da traf es sich gut, dass in der Umgebung der Ortschaft viel unbebautes Land zum Verkauf stand. Man kam schnell voran: Pünktlich zum ersten Jahrestag der Deutschen Einheit konnte die Gemeindevertretung bereits den Bebauungsplan für das Gewerbegebiet Röderau-Süd verabschieden. Die Kommunalpolitiker entschieden einstimmig. Mit ihrer Entscheidung wischten sie alle Bedenken vom Tisch, die Fachleute gegen das Vorhaben geäußert hatten. Es waren schwer wiegende Bedenken. Denn die plötzlich in Bauland umgewidmeten zwanzig Hektar Ackerland in der Elbaue unterhalb von Röderau waren seit Jahrhunderten als Flutungsfläche bekannt. In der Dorfchronik wird berichtet, wie sogar die Kirche von Röderau einmal während einer Flut wegschwamm. Danach wurde sie auf dem höchsten Punkt des Ortes neu gebaut. "Die alten Karten sind eindeutig", sagt Günter Colve rückblickend, "sie zeigen, dass die Elbe auch im 19. Jahrhundert schon bis Röderau schwappte." Colve, damals verantwortlicher Baubürgermeister der Nachbarstadt Riesa, lief Sturm gegen das Bauvorhaben am gegenüberliegenden Elbufer. Er konnte auf geltende Beschlüsse verweisen. 1977 hatten die Behörden der DDR die Niederung vor Röderau als Überschwemmungsgebiet bestimmt, auf dem nicht gebaut werden sollte. In der Nachwendezeit übernahm das Land Sachsen diese Regelung. Im März 1991 legte das Kabinett in Dresden zudem generell fest, dass in Flussauen und im Flussvorland nicht zu bauen sei. Nicht nur die Stadt Riesa protestierte gegen die geplante Verletzung der geltenden Regeln durch die Gemeinde am gegenüberliegenden Flussufer. Auch das zuständige Landratsamt lehnte die Bebauung der Elbaue unmissverständlich ab. Die Behörde verwies darauf, dass in der weiteren Umgebung genügend sichere Flächen zur Verfügung stehen würden, es gäbe also keinen sachlichen Grund, ausgerechnet hier zu bauen. Die Kommunalpolitiker in Röderau wurden durch dieses Verbot nicht aus der Bahn geworfen. Sie kannten schließlich den kurzen Dienstweg zu ihren Freunden in der Landeshauptstadt. Im August 1991 hatte sich Röderau mit dem Regierungspräsidium Dresden ins Benehmen gesetzt. Diese übergeordnete Behörde gelangte daraufhin zu einer überraschenden Erkenntnis: Nach ihrer Auffassung "befindet sich das Gewerbegebiet nicht in der Elbaue", heißt es in einer entsprechenden Protokollnotiz, weshalb man "einer Bebauung auf diesem Standort" zustimmen werde. Ein knappes Jahr später genehmigte das Regierungspräsidium dann auch formal den Bebauungsplan für Röderau-Süd. Die Behörde in der Landeshauptstadt stellte fest, dass der Plan den "Rechtsvorschriften nicht widerspricht", wie es in ihrem Genehmigungsbescheid heißt. Eine gewagte Behauptung. Denn bis ins Jahr 2000 hinein kritisierte das Landratsamt Riesa-Großenhain immer wieder, dass Röderau die erforderliche wasserrechtliche Genehmigung nicht vorgelegt habe. Das sei nach Absprache mit Dresden auch nicht "relevant", schrieb Bürgermeister Thomas Großmann bereits 1992 zurück. Für andere war die Hochwassergefahr dagegen schon relevant. Die Deutsche Post zum Beispiel erwog zunächst, ein örtliches Paketzentrum zu bauen, winkte dann aber ab und richtete sich in der hochwassersicheren Gemeinde Gröditz ein. Als sich nach ein paar Jahren nur wenige Gewerbetreibende in Röderau-Süd angesiedelt haben, beschließt die Gemeinde, in einem Teil des Gewerbegebiets eine Wohnsiedlung anzulegen. Auch dies wird der Ortschaft trotz fehlender wasserrechtlicher Genehmigung zugestanden. "Von all dem Hin und Her konnte ich doch nichts wissen", sagt Anne Endler, "ich komme aus Bamberg, das ist in Bayern." 1993 hatten die Endlers von der Gemeinde Röderau eine Fläche im Gewerbegebiet gekauft und darauf ihr Hyundai-Autohaus gebaut - ihr kleines Stück Aufbau Ost. "In unserem Kaufvertrag steht natürlich nichts über irgendeine Hochwassergefahr", das hat sie jetzt sicherheitshalber geprüft. Mindestens 670 000 Euro beträgt der Schaden an ihrem Autohaus. "Ich sehe für mich in Röderau keine Zukunft mehr", sagt sie. So geht es auch anderen Gewerbetreibenden. Doch sie sind wie die Häuslebauer in der Falle: Ihre Schulden sind so groß wie vorher. Aber ihre Immobilien sind in Wirklichkeit nichts mehr wert. "Wer will denn schon hierher ziehen? Wer soll mir denn mein Haus abkaufen?", fragt Frank Zielke. Oder auch nur mieten. Niemand wisse doch, wann die nächste Flut komme. "Wir sind eines der ersten Überschwemmungsgebiete im Elbtal hinter Meißen", sagt er. Weiter flussabwärts läge das Trinkwassergebiet für große Teile Sachsens. Um das zu retten, würden die Zuständigen in der Not wohl immer Röderau aufgeben, um Entlastung zu schaffen, glaubt Frank Zielke. Deshalb möchte er eine Umsiedlung aller Umsiedlungswilligen. "Wer unbedingt bleiben will, kann ja dann freiwillig bleiben", sagt er. Am 28. August, drei Wochen vor der Wahl, besuchte Ministerpräsident Georg Milbradt die Siedlung Röderau-Süd. Als er das Elend inspiziert hatte, sagte er spontan: "Hier hätte nie gebaut werden dürfen." So erinnern sich jedenfalls die Einwohner, die dabei waren. Sie schöpften Hoffnung. Hoffnung auf einen wirklichen Ausweg aus ihrer Falle. Doch inzwischen reden die Verantwortlichen des Freistaates anders. Georg Milbradt gab die Schuld der Gemeinde, die angeblich "die Bebauung der Flutrinne gegen das Regierungspräsidium" durchgesetzt habe. Offenkundig hat die Staatsregierung Angst vor den Kosten. Denn Röderau-Süd steht in seiner Not nicht allein da. Es gebe "eine ganze Reihe von Gebieten ab Meißen elbeabwärts", wo nach der Wende Baugenehmigungen erteilt wurden, "die es nicht hätte geben dürfen", sagte der Ministerpräsident freimütig. Wirtschaftsminister Martin Gillo erklärte, es sei "wesentlich billiger", den Schaden in Röderau-Süd zu beheben, als die Menschen umzusiedeln. Und Innenminister Horst Rasch habe ihm - so der jetzige Bürgermeister Hannes Berger - "versichert, dass Röderau-Süd wieder eine Zukunft bekommt". Da sind sich Fachleute vom Umweltfachamt im nahen Radebeul allerdings nicht ganz so sicher. "Die Frage ist, wie man Röderau-Süd zum Grundwasser hin dicht bekommt", sagt Abteilungsleiter Reinhard Groß. Zurzeit arbeiten die Experten an einem Flutmodell für die betroffenen Gebiete. Und im In- nenministerium denkt man immerhin über das "Baurecht in Überschwemmungsgebieten nach". Ein Ergebnis ist noch nicht in Sicht. Anne Endler will nicht einfach klein beigeben. Sie versucht, andere Geschädigte von Röderau-Süd für eine gemeinsame Klage zu gewinnen. Einige sind bereit mitzumachen. Doch viele zögern. Eine Klage gegen den Freistaat Sachsen kann teuer werden. Und Geld ist genau das, was den Gewerbetreibenden und Anwohnern am meisten fehlt. "Wenn wir vor Gericht verlieren, dann haben wir nur noch mehr Schulden", sagt Ralf Münch, der in Röderau-Süd Autos der Marke Kia verkaufen wollte. "Ich kann mir einen Rechtsstreit nicht leisten. Ich muss auf die Beine kommen, damit ich meine Kredite bedienen kann." Auch Frank Zielke sieht keine andere Möglichkeit, als sein Haus wieder aufzubauen. Immerhin wurde den Bewohnern versprochen, etwa achtzig Prozent des jeweiligen Schadens aus öffentlichen Mitteln zu begleichen, sagt er. Aber ihm ist auch klar: "Wenn wir ein zweites Mal absaufen, wird uns niemand mehr helfen." Die alten Karten zeigen, dass die Elbe auch im 19. Jahrhundert schon bis Röderau schwappte. BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING "Wenn wir ein zweites Mal absaufen, wird uns niemand mehr helfen. " Frank Zielke aus Röderau in seinem zerstörten Haus.

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