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Nach dem Krieg starben Tausende deutsche Kinder in dänischen Flüchtlingslagern - von den Schwierigkeiten des Erinnerns: Das Mädchen von Klövermarken

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BERLIN/KOPENHAGEN. Einmal wird sie nach Kopenhagen reisen, ohne viel Gepäck, da sie noch am selben Abend zurück nach Berlin fliegt. Ingrid Prast wird eine kleine Stahlkassette bei sich haben, darin eine Klarsichtmappe mit Aufzeichnungen, ein paar vergilbte Dokumente und eine Fotografie. Auf dem Bild ist ein Mädchen zu sehen, vielleicht sieben Jahre alt. Die blonden Haare sind mit karierten Schleifen zu Zöpfen gebunden. Es ist das Kind, das Ingrid Prast einmal war. Das Kriegskind. In letzter Zeit ist ihr bewusst geworden, dass sie das immer sein wird. Ingrid Prast wohnt im fünften Stock eines Lückenbaus im Berliner Stadtteil Schöneberg. Sie ist 67 Jahre alt und gehört zu jener Generation, die ab fünfzig kaum noch zu altern scheint. Kommt sie vom Einkaufen, stellt sie ihre schweren Taschen in den Fahrstuhl, sie selbst nimmt die Treppe. Aber nicht wegen der Fitness, sondern weil sie es in engen Fahrstühlen nicht aushält. Sie fährt auch nie U-Bahn. In ihrer Wohnung liegen die Teppiche dicht an dicht. Kein Stück nackter Boden darf zu sehen sein. Auf dem Stuhl am Esstisch sitzt ein Teddybär, auf der Couch noch einer. Das alles muss nichts zu sagen haben, es sind Zeichen, die man erst zu lesen versteht, wenn man die Geschichte der Frau kennt. Ihr Sohn, 31 Jahre alt, wohnt eine Etage tiefer. "Ich habe Angst, dass er fortgeht", sagt sie. Fragt man sie vorsichtig, ob sie gegen ihre Ängste etwas unternimmt, ist Ingrid Prast empört: "Sie meinen wohl Therapie? Ich könnte andere therapieren!" Kriegskinder wollen keinem zur Last fallen. Sie mussten früh selbstständig werden und möchten das auch bleiben. Wer an Schlaflosigkeit, Panik, Niedergeschlagenheit leidet, denkt nicht daran, dass die Ursachen dafür mehr als sechzig Jahre zurückliegen können. In Deutschland leben heute etwa 14 Millionen Menschen, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurden. Die meisten von ihnen haben Schreckliches erlebt. Als Kinder saßen sie allein im Luftschutzkeller, waren auf der Flucht, sie hatten Todesangst. Viele verloren ihren Vater. Die wenigsten haben als Erwachsene darüber geredet. Nunmehr, es ist ein Gesetz des Alters, bleibt ihnen nichts anderes übrig, und sei es im Selbstgespräch. Gegen Ende des Lebens kehrt die Kindheit zu ihnen zurück. Da ist das Foto des Mädchens Ingrid - entstanden im Internierungslager Klövermarken in Kopenhagen. Hier wurden noch lange Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Flüchtlinge aus den vormals deutschen Ostgebieten hinter Stacheldraht eingesperrt, überwiegend Frauen und Kinder. In den letzten Kriegstagen in Dänemark gestrandet, die Rettung vor Augen, hatten sie nicht ahnen können, welches Schicksal ihnen bevorstehen würde. Von den Alliierten im Stich gelassen, von den Einheimischen missachtet, lebten sie in ihrer Gefangenschaft oft unter erbärmlichen Bedingungen. An die zehntausend Kinder unter fünf Jahren sind nach Kriegsende in dänischen Lagern gestorben. Ingrid Prast hat überlebt. Den Tag ihrer Befreiung erlebte sie am 3. Mai 1948. Vor genau sechzig Jahren durfte sie gemeinsam mit ihrer Mutter das Lager in Kopenhagen verlassen. Mit ihren Gedanken ist sie nie von dort fortgekommen. Weil aber jede Geschichte einmal ihr Ende finden muss, will Ingrid Prast eines Tages mit ihrem Sohn nach Kopenhagen fliegen und die Kassette mit ihren Erinnerungen an jenem Ort vergraben, wo ihre Kindheit endete - auf den Wiesen von Klövermarken. Ein Leben lang trägt sie ihre Erinnerungen in sich, formuliert, wägt ab, versucht, Erklärungen zu finden. Es ist schwer, in dieser Sache den richtigen Ton zu treffen, denn ihre Erlebnisse wollen sich nicht zu einem schlüssigen Bild fügen. "Natürlich haben wir an all dem Schuld gehabt, die Deutschen", sagt sie. "Aber ich selbst war doch noch ein Kind." Das eingeprägte Muster von Tätern und Opfern passt hier nicht. So blieb die Tragödie der verlorenen Kinder lange unerzählt. Kaum jemand wusste etwas davon, wollte etwas wissen. Nicht in Deutschland und nicht in Dänemark. Jetzt ergreifen zwei Frauen das Wort. Ingrid Prast, geboren 1940 in Berlin, und Kirsten Lylloff, geboren 1941 in Kopenhagen. Kaufhaus-Angestellte die eine, Ärztin die andere. Ihre Näherung an das Thema ist ganz verschieden. Ingrid Prast hat einen bewegenden Aufsatz geschrieben, Kirsten Lylloff eine wissenschaftliche Arbeit. Die eine erzählt von traumatischen Erlebnissen, die andere berichtet sachlich und mit Zahlen unterlegt von der "größten humanitären Katastrophe der Neuzeit in Dänemark". Gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, dass sich der Krieg nicht aus ihrem Leben verbannen lässt. Am Ende kehren die Gespenster zurück. Bei Ingrid Prast war es soweit, als sie vor fünf Jahren auf dem Flohmarkt ein längst vergriffenes Buch über Flüchtlinge in Dänemark entdeckte. Der dänische Autor Henrik Havrehed schreibt 1989 von den "ungeladenen Gästen" in seinem Land. Er räumt ein, dass "in den chaotischen und fieberhaften Monaten nach dem 5. Mai 1945 viel passiert ist, was aus der heutigen Sicht besser nicht geschehen wäre". Von Kindern ist keine Rede. "Das war der Knackpunkt", sagt Ingrid Prast, "da musste es raus". In ihrer Familie war nie über diese Zeit gesprochen worden. "Man hat sich geschämt, vom Lager zu erzählen. Von all dem Dreck, den Läusen, den Demütigungen." Sie selbst hatte bereits als junges Mädchen begonnen, auf Zetteln ihre Erinnerungen zu notieren. Die Notizen halfen ihr, ihre eigene Geschichte zu formulieren. Sie hat eine Mappe angelegt, von der es eine Handvoll Kopien gibt: "Als Kind hinter Stacheldraht". Ingrid Prast wird in der Charité geboren. Als sie zwei Jahre alt ist und die ersten Bomben fallen, zieht die Mutter mit dem Kind zu den Großeltern nach Hinterpommern. Dorthin kommt der Krieg erst im Winter 1945. Ingrids Vater wird in Finnland vermisst. Wie Millionen andere machen sich Mutter und Kind auf den Treck an die Ostsee. Die Fluchtwelle spült sie zunächst nach Gotenhafen, dem heutigen Gdynia, von wo aus sie im März mit der "Deutschland" nach Kopenhagen verschifft werden. Dänemark, das zu dieser Zeit noch von deutschen Truppen besetzt ist, muss in den letzten Kriegstagen etwa 250 000 Flüchtlinge aus dem Osten aufnehmen. "Am Kai wurden wir sofort in Militärlastwagen verfrachtet", sagt Ingrid Prast. Sie kommt mit ihrer Mutter in einer Kopenhagener Schule unter. Sie ist schon völlig überfüllt. Niemand weiß, was mit den Fremden geschehen sollte. Am 5. Mai 1945 ist der Krieg in Dänemark zu Ende. Schon bald nach der Kapitulation ziehen die deutschen Soldaten ab, die Frauen und Kinder werden von Flüchtlingen zu Internierten. Die dänische Bevölkerung erlebt sie als eine zweite Besetzung ihres Landes, sie ist ihnen so verhasst wie die erste. Völkerrechtlich gesehen ist die Lage beispiellos. Noch nie waren Zivilisten gezwungen, gegen ihren Willen in einem Land zu bleiben, das zuvor von der eigenen Armee besetzt gewesen war. Doch die Siegermächte, insbesondere die Briten, weigern sich, die Flüchtlinge in ihren Besatzungszonen, aufzunehmen. Es beginnt ein jahrelanges diplomatisches Tauziehen, das diesen Fall mehrfach bis vor die Uno führt. Von allem wissen die Betroffenen nichts. Ein Jahr lang ist es ihnen verboten, Briefe zu schreiben oder zu empfangen. Als im Herbst in Dänemark die Schule wieder beginnt, müssen die Deutschen aus den öffentlichen Gebäuden raus. Von Kopenhagen bis Jütland entstehen stacheldrahtumzäunte Lager, in denen Frauen, Kinder und Alte unter schlimmen Bedingungen leben, besonders in den ersten Monaten. Gemeinsam mit ihrer Mutter kommt Ingrid Prast ins Lager nach Klövermarken. Es ist das größte in Kopenhagen. Die Barackensiedlung für 17 000 Menschen wurde eilig auf einem sumpfigen Brachland der Insel Amagar errichtet, gegenüber dem Stadtviertel Christianshavn, nicht weit vom Zentrum entfernt. Manchmal seien dänische Familien zum Stacheldraht gekommen, um die Deutschen zu besichtigen, erinnert sich Ingrid Prast. Angesprochen wurde sie nie. Sie habe sich immer einsam gefühlt, als einziges Kind neben zwanzig Frauen, die in einem Raum schliefen. Ihren Teddy hatte sie auf der Flucht verloren. Niemals durfte sie das Lager verlassen, sagt sie. Es gab keine Blumen, keine Wiese, keine Bäume - nur nackte Erde, rohes Holz und Stacheldraht. Dazu die Angst um ihre Mutter, die von epileptischen Anfällen geplagt wurde. Und jedes Mal dachte sie, die Mutter stirbt. Einen Arzt hat Ingrid Prast in Klövermarken nie gesehen. "Die dänischen Ärzte haben sich geweigert, deutsche Flüchtlinge zu behandeln", sagt Kirsten Lylloff. "Es gab eine Anweisung der Ärztekammer, nicht in die Lager zu gehen." Hilfe für die Deutschen galt den Dänen als unpatriotisch. Deutsche waren und blieben Feinde, auch Frauen und Kinder. Was dieses Urteil für Folgen hatte, ist auf Vestre Kirkegård, dem größten Friedhof von Kopenhagen zu sehen. Graue Steinkreuze, die hier in den sechziger Jahren von der deutschen Kriegsgräberfürsorge errichtet wurden, stehen in dichten Reihen. Auf jedem sind zwei Namen eingraviert, wie: Karin Müller, 7.3. 1943 - 3.6. 1945; Margarete Knabe, 17.2. 1945 - 17.6. 1945. Zwei Kinder von Hunderten, die hier liegen. In der Nachkriegszeit wurden sie im äußersten Eck des Friedhofes verscharrt, zwischen Bahngleisen und Hauptstraße. Der Groll gegen alles Deutsche traf die Kinder selbst dann noch, als sie tot waren. Vor kurzem hat sich Kirsten Lylloff, als erste Wissenschaftlerin überhaupt, eingehend mit diesen Todesfällen beschäftigt. Eher zufällig war sie auf die Steinkreuze mit den Todesdaten gestoßen. Zu dieser Zeit arbeitete sie noch als Chefärztin für Immunologie in einem Vorort von Kopenhagen. Kurz vor ihrer Pensionierung ließ sie sich beurlauben, nahm ein Stipendium auf und durchsuchte die Archive. Sie machte mehr als 6 000 Totenscheine ausfindig, und was sie herausfand, sollte Dänemark in seinem Selbstverständnis erschüttern. Die meisten der deutschen Kinder waren nicht etwa an Typhus oder anderen Epidemien gestorben. Sie starben an Unterernährung und Entkräftung. Nach den Erkenntnissen von Kirsten Lylloff hat kaum ein Säugling das Lager in Dänemark überlebt. Als sie ihre Untersuchung einem Historiker der Universität Kopenhagen vorstellte, sei dieser überrascht gewesen. Selbst Experten war diese unheilvolle Episode der dänischen Geschichte wenig vertraut. Die Forscherin ahnte, was eine Veröffentlichung nach sich ziehen würde. Nachdem Kirsten Lylloff ihre Arbeit im Jahr 2001 in einer Fachzeitschrift publiziert hatte, entfachte sich eine hitzige Diskussion im Land. "Die eine Hälfte war für mich, die andere gegen mich." Die Dänen müssten sich eingestehen, sagt Kirsten Lylloff, dass sie nicht so moralisch einwandfrei aus dem Krieg gekommen sind, wie sie es von sich annehmen. Als vor fünf Jahren auf Grund ihrer Recherchen der Dokumentarfilm "Nur ein Deutscher" im Fernsehen lief, war die Erregung groß. Viele Zuschauer hätten beim Sender angerufen und behauptet: So war das nicht! "Aber es war so", sagt Kirsten Lylloff. "Der Hass steckte tief in unseren Seelen." Es gab in Dänemark Lager, in denen den Flüchtlingen ein würdiges Leben gestattet war, mit Schulen, Sportanlagen, ordentlicher Verpflegung. Aber es gab eben auch Klövermarken, den Schandfleck. Seit dem Sommer 1946 besserten sich auch dort allmählich die Zustände. Nachdem die ersten aus Kopenhagen die Heimreise antreten durften, fanden die anderen Internierten mehr Platz. Als der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck im Oktober das Lager besuchte, muss sich ihm ein zumindest erträgliches Bild geboten haben. Er habe sich nach den Kindern erkundigt, heißt es in einem Bericht, aber nichts unternommen. Nach zähen Verhandlungen zwischen dem dänischen Außenminister und den Alliierten kam die Repatriierung der Deutschen endlich in Gang. Mitte 1949 verließen die letzten Flüchtlinge das Land. Wenn Ingrid Prast heute sagt, sie möchte den Dänen gern die Hand zur Versöhnung reichen, dann fügt sie ein "irgendwie" hinzu. Irgendwie ist das alles eben auch schon lange her. Doch die Zeit heilt nicht alle Wunden. Auch wenn es so aussehen mag. Auf den Wiesen von Klövermarken erinnert nichts mehr an das Lager. Wo früher Baracken standen, liegen heute Tennisplätze und Fußballfelder. An diesem Frühlingstag lassen hier Familien mit ihren Kindern Drachen steigen. Eigentlich ist es ein guter Ort, die Vergangenheit zu begraben. ------------------------------ Foto (3) : Im Frühjahr 1945 kam Ingrid Prast gemeinsam mit ihrer Mutter als Flüchtlingskind in ein Internierungslager bei Kopenhagen. Dort blieben sie drei Jahre. Ingrid Prast, 67, in ihrer Berliner Wohnung. Sie hat ihre Erinnerungen an das Lager aufgeschrieben. Kirsten Lylloff, 67, auf dem Westfriedhof von Kopenhagen. Die dänische Ärztin hat das Schicksal der deutschen Kinder erforscht.

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