17.01.2008

Nach Übernahme durch den Finanzinvestor Terra Firma folgt jetzt ein Kahlschlag bei der EMI: Hands greift zur Axt

Von Robert Rotifer

Die Inszenierung war perfekt: Guy Hands, jener Finanzinvestor, dessen Terra Firma Group letztes Jahr für umgerechnet 4,8 Milliarden Euro den kränkelnden Musikkonzern EMI gekauft hatte, sprach freundlich von einer neuen Partnerschaft mit dem Konsumenten anstelle des bisherigen Feldzugs der Industrie gegen illegale Downloads. Von einer Erweiterung des digitalen Angebots und der Vermarktung von Musik durch Sponsorendeals war die Rede. Von seiner Schwäche für das Werk von Jung-Star Lily Allen. Hands verkündete von der Bühne des Odeon-Kinos im noblen Stadtteil Kensington auch eine weitere Investition von umgerechnet 660 Millionen Euro sowie die Streichung von 2 000 der insgesamt 5 500 Stellen. Dass die Odeon-Kinokette ebenfalls seiner Investment-Gruppe gehört, verlieh dieser Machtdemonstration das gewisse Etwas. Wer sagt da, der Mann habe keine Ahnung vom Showgeschäft? Was große Gesten der Selbstbeschneidung anlangt, stand Guy Hands mit seiner Performance jedenfalls bereits in bester EMI-Tradition. Die jüngere Geschichte des Konzerns spiegelt sich in der Abfolge ihrer Londoner Hauptquartiere. Mitte der 90er-Jahre hatte die EMI ihre historische Zentrale am Manchester Square aufgegeben, wo einst die berühmten Fotos der über den Handlauf des Treppenflurs gelehnten Beatles geschossen worden waren. Beim Umzug in einen Neubau in Brook Green wurde ebenjener Flur dort - sozusagen als Talisman - im Kantinenhof rekonstruiert. Es waren satte Zeiten für EMI, erst mit Blur, dann mit den Spice Girls, Radiohead, The Verve, Coldplay, einem geglückten Comeback von Kylie Minogue, clever gestaffelten Beatles-Remasters und dem überraschenden Solo-Erfolg von Take- That-Aussteiger Robbie Williams. Umso härter traf es den Konzern, als 2001 sein Aktienwert von rund zehn auf knapp zwei Milliarden Dollar fiel. Die neuen Bosse Eric Nicoli und Alain Levy verordneten der Firma einen Sanierungskurs und feuerten Nancy Berry, die für ihre dekadenten Partys berühmte Chefin der amerikanischen Division des zur EMI gehörenden Virgin-Labels. Berry hatte zuvor 80 Millionen Dollar durch einen schwer gefloppten Vier-Alben-Deal mit Mariah Carey versenkt. Als sichtbares Zeichen der kathartischen Reinigung des Konzerns von solch exzessivem Finanzgehabe wurde Nancy Berrys gern als Interview-Kulisse genutztes Büro in der ausladenden Londoner Virgin-Zentrale von sämtlichen Duftkerzen und stets frisch ausgestreuten Blütenblättern befreit. Mit hellen Holzböden statt weichen Teppichen wurde jene neue Sachlichkeit symbolisiert, die nötig war, um im Jahr 2002 in den diversen EMI-Zentralen 1 800 Mitarbeitern zu kündigen. Von den Einsparungen, rund 100 Millionen Pfund, wurden 80 Millionen (damals umgerechnet 120 Millionen Euro) als Vorschuss an Robbie Williams überwiesen. Analog dazu wurde das Virgin-Haus als Luxus-Wohnblock verscherbelt und im Gegenzug dann nahe der astronomisch teuren Kensington High Street ein durchgestylter neuer EMI-Glaspalast eröffnet: Downsizing im Major-Stil. Der jüngsten Runde von Gesundschrumpfungen ist mit Chief Executive Tony Wadsworth auch diesmal bezeichnenderweise wieder der Einfädler des letzten großen Deals - in diesem Fall mit Robbie Williams - zum Opfer gefallen. Wadsworth war seit 25 Jahren bei EMI, genoss erhebliche Popularität unter seinen Musikern und war, ziemlich unüblich für so ein hohes Tier, regelmäßig bei Gigs im Publikum anzutreffen. "Wir finden lieber eine andere Beschäftigung für unsere Leute, statt Jobs zu streichen", erklärte er noch im September 2006 dem Fachmagazin "Human Resources" - ganz offensichtlich war das noch nicht die neue, übrigens unter Beratung des von Guy Hands herbeigeholten Sir John Birt vorgegebene Konzernlinie. Birt hatte in den Achtzigern und Neunzigern erst als Vize-, dann als Generaldirektor der BBC einen "internen Markt" innerhalb des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eingeführt und war 2001 von Tony Blair zu dessen persönlichem Haus- und Hofvisionär mit Zuständigkeit für "blue sky thinking" ernannt worden. Zu Hands' Einflüsterern bei der EMI-Restrukturierung zählen neben Birt auch frühere Topmanager der Flughafenbetreibergesellschaft BAA und des auf Pizza und Kekse spezialisierten Nahrungsmittelherstellers Northern Foods. Verständlich also, dass bereits ausgestiegene (Radiohead, Paul McCartney) genauso wie skeptisch noch abwartende Zugpferde (Coldplay, Robbie Williams) der neu ans Ruder gekommenen Finanzinvestoren-Clique mangelnde Fachkompetenz vorwerfen. Williams' Manager Tim Clark, der rund um die Website seines Schützlings bereits vorsorglich ein eigenständiges Online-Imperium aufgebaut hat, warf Guy Hands vor, sich "wie ein Plantagenbesitzer" zu gebärden. Dabei schien es Dienstag so, als wollte Hands nach seinen ursprünglichen Breitseiten gegen die vermeintlich faulen Superstars der EMI wieder die Wogen glätten: Robbie Williams' langsamer Arbeitsrhythmus sei "angebracht, um die beste Musik zu produzieren, zu der er fähig ist. Und darin wird ihn EMI unterstützen." Auch Jazz Summers, der Manager von The Verve, die im Juni ihr Comeback-Album veröffentlichen wollten, schwächte nach einem "positiven" Vieraugengespräch mit Hands seine vorangegangene Boykottdrohung wieder ab. Große Namen sowie das immer noch profitable Verlagsgeschäft genießen in der neuen EMI scheinbar Vorrang, nachdem der neue Chef - neben Einsparungen im Marketing - einen radikalen Abbau der insgesamt 14 000 beim Konzern direkt oder indirekt unter Vertrag stehenden Künstler angekündigt hat. Bei Mute Records, einem der davon potenziell betroffenen Sub-Labels der EMI, das neben großen Acts wie Nick Cave, Depeche Mode und Moby auch obskurere Künstler wie T. Raumschmiere oder Diamanda Galas im Programm führt, wusste bis gestern noch niemand, wie sich das neue Regime äußern würde. Die symbolische Immobilien-Katharsis vollzog Mute schon letztes Jahr, als Label-Gründer Daniel Miller alle seine Künstler und Mitarbeiter einlud, das Hauptquartier der Plattenfirma mitsamt seinem geschichtsträchtigen hausinternen Studio bei einer ausgelassenen Party feierlich zu demolieren. Jetzt ist Mute Records bloß noch ein Büro in der EMI-Zentrale. Zumindest solange Guy Hands solche Schrullen noch duldet. ------------------------------ Foto: So sehen Männer aus, die über die Zukunft der Popmusik entscheiden: Guy Hands (M.) am Dienstag in London.

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